Clarel von Herman Melville, 2006, Jung und Jung1.) - 2.)

Clarel.
Gedicht und Pilgerreise von Herman Melville (2006, Jung und Jung - Übertragung Rainer G. Schmidt).
Besprechung von Leopold Federmair in "Die Zeit", 7.12.2006:

Ein Labyrinth aus Steinen
»Clarel«, das gewaltige Spätwerk von Herman Melville erstmals auf Deutsch.

Ziemlich genau in der Mitte von Herman Melvilles umfänglichem Versepos Clarel stößt man auf ein Kapitel, das dem Architekten und Zeichner Giovanni Battista Piranesi gewidmet ist. Piranesi hatte im 18. Jahrhundert in zahlreichen Druckgrafiken seinen Fantasien von labyrinthischen Städten und Interieurs freien Lauf gelassen. Melville, der hier als Erzähler spricht, ohne die Perspektive einer seiner zahlreichen Figuren anzunehmen, empfiehlt dem Leser, sich diese »Gefängnisse des Schweigens« zu Gemüte zu führen, bevor er in seiner Lektüre fortfährt. Das nächste Kapitel trägt die Überschrift Sodom. Auf diesen bedeutungsschwangeren Ort soll der Leser sich vorbereiten. Melvilles Interpretation zufolge betreffen die düsteren Bilder Piranesis den Menschen beziehungsweise »seinen innersten Rückzugswinkel – das Herz, von Labyrinthen voll«. Sie lassen sich aber auch auf die Struktur des Werks beziehen, an dem Melville gerade schreibt. Dessen Anlage ist labyrinthisch, ein Vorankommen für den Pilger der Lektüre schwierig, und auch das Innenleben der Figuren, ihre Rede ebenso wie ihr Schweigen, ist schwer zu entschlüsseln.

Ein Hoffnungsschimmer liegt über dem Grau – und im Grauen Palästinas: der Leser-Pilger soll »im Grau des Lichts den Text des Paulus spüren«. Damit ist die Paulinische Theologie der Auferstehung, des Glaubens und der Liebe gemeint. Weder die Szenerie des »Heiligen Landes«, die Melvilles Reiseepos schildert, noch das Gemüt des zweifelnden Theologiestudenten Clarel und schon gar nicht dessen niederschmetternde Liebesgeschichte geben Anlass zur Hoffnung, sondern allein die Bewegung des Textes. Aufhellung wird aber nur dem, der »recht liest« (»read aright«): also dem Leser, der sich auf Zweifel und Verzweiflung einlässt und sich die Mühe des Mitvollzugs antut. In einem Brief an einen schottischen Bewunderer schrieb Melville 1884, acht Jahre nach Erscheinen des Versepos, das damals fast keine Leser fand, es sei »hervorragend geeignet, auf Ablehnung zu stoßen«. Allerdings fügt er, ähnlich wie im Piranesi-Kapitel in Clarel, sogleich den Ein- und Widerspruch hinzu: Durch seine vertrackte Düsterkeit könne das Werk abschrecken, aber auch anziehend wirken. Anziehend – für eine sehr kleine Minderheit, die dem Mainstream die Stirn biete.

Im Untertitel dieses Spätwerks, das Melville – als freier Schriftsteller längst gescheitert – neben seiner Arbeit als Zollinspektor verfasste, wird Clarel als Pilgerreise bezeichnet. Das trifft exakt zu, und wer die Notizen liest, die der Autor von Moby Dick während seiner Palästina-Reise 1857 machte, wird merken, dass die ersten Ansätze zu einem solchen Buch schon hier liegen. Die übrigen Teile seines Reisetagebuchs sind im Telegrammstil gehalten; im Heiligen Land stellt sich plötzlich der Melvillesche Erzähl- und Reflexionsstil ein. Es ist eine entschieden moderne Reise, sowohl im Tagebuch als auch im Epos, ohne festen Glauben, einer planmäßigen Route folgend, ein bisschen abenteuerlich, kurz: touristisch. Überall sieht der Erzähler Steine, Ruinen, Trostlosigkeit. Das wird zu einer regelrechten Obsession, die an den sinnträchtigsten Orten gipfelt: am Heiligen Grab, diesem piranesischen Ort par excellence, in Bethlehem, am Toten Meer. Dass die Wüste lebt, diese Erfahrung scheint Melville nicht gemacht zu haben. Allenfalls behilft er sich mit »theologischen« Interpretationen, etwa dass die judäische Geografie dem Sinnen und Trachten des zornigen Gottes Jehova entspreche oder dass aus der Leere das Leben des Geistes – der Bibel – entsprungen sei. Dennoch vermittelt die Lektüre mehr und mehr das Gefühl, als sei es kein heiliges, sondern ein verfluchtes Land. Man kann in Clarel sehr viele ideologische Positionen, sehr viele Aussagen finden, und es lässt sich kaum behaupten, dass der Autor sich zwischen bestimmten von ihnen entscheide. Aber zu bedenken geben wollte Melville sie uns doch, zum Beispiel diese hier: »O keifende Familie, ohne Vater nun, war Fehde Seine Hinterlassenschaft?« Womöglich ist es Gott selbst, der den Streit, und man kann ruhig sagen: den Krieg hervorbringt. Einen blutigen Krieg, in der Beschreibung Melvilles, nicht nur zwischen Religionen, sondern auch zwischen Konfessionen und Sekten. Die Melvillesche Frage, sie gilt heute mehr denn je.

Die Hauptfigur ist nur ein Rohr im Wind

Dennoch wirkt das Insistieren auf dem toten Stein Palästinas wie eine Obsession. Es ist nicht die Medusa, die alle versteinert, die sie anblicken, sondern umgekehrt, der Blick des Erzählers macht zu Stein, was er beschreibt. Deshalb kann die Allegorie des Steins auch mehrfach sein, sie lässt sich sowohl auf die heißen Konflikte der Glaubensgemeinschaften als auch auf das Erkalten des Glaubens beziehen: das Christentum ist im 19. Jahrhundert bereits ein »Petrefakt«. Melville hatte zwar nicht Nietzsche, damals fast ein Unbekannter, oder Feuerbach gelesen, wohl aber von der Religionskritik eines David Friedrich Strauss Kenntnis genommen.

Mit Melvilles Versteinerungsobsession geht nun aber eine andere parallel, nämlich die von grüner, lebendiger Natur – eine Obsession, die an seine amerikanische Heimat gebunden und zunächst nichts anderes ist als triviales Heimweh, im Besonderen wohl nach dem ländlichen Massachusetts, wohin er sich 1850 zurückgezogen hatte, um Moby Dick zu schreiben und sich nebenbei landwirtschaftlich zu betätigen. Das von den in Clarel zahlreich vertretenen Millenaristen erträumte »Neue Jerusalem« erweist sich in den Augen Melvilles und seiner Figuren als Desaster; eher schon kann er, trotz aller Kritik an der amerikanischen Ideologie, die ja bis heute nicht von christlicher Eschatologie frei ist, den säkularen Glauben an eine Neue Welt aufrechterhalten.

Melville hat vielen seiner Werke den Namen der jeweiligen Hauptfigur als Titel gegeben. Im Fall von Moby Dick ist es ein Tier, und diese Wahl entspricht voll und ganz dem Inhalt des Romans. Clarel hingegen tritt oft für lange Zeit ganz in den Hintergrund des Epos, und von allen Figuren, deren Identität manchmal schwer zu behalten ist, ist er die schwächste, ein Rohr im Wind. Mag sein, dass genau diese Schwäche, dieses Zweifeln, diese Gequält- und Zerknirschtheit, dieses Sich-aus-der-Welt-Wünschen die Essenz des Werks ausmacht. Er hat sich in Jerusalem in eine junge Jüdin amerikanischer Herkunft verliebt, lässt sich aber, nachdem ihr Vater gestorben ist, einfach wegschicken und beginnt seine eigentliche Pilgerreise, die ihn aus der Steinstadt in wüste Gegenden führt. Als er nach Hunderten von Seiten in die »Stadt des Gottesmordes« zurückkehrt, ist Ruth gerade gestorben, man weiß nicht genau, wie. »Das Fieber, Gram: Schwer wär’s zu sagen; ’s war nicht Erlösung.«

Clarel hatte sich spät, aber doch zur heterosexuellen Liebe durchgerungen, sich gegen Askese und für ein tätiges Leben entschieden; nun macht ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Und wir anderen Pilger, wir können nicht umhin, zu sagen: In gewissem Sinne ist er selbst schuld. Während der Reise hatte er vielerlei Glaubens- und andere Disputationen angehört. In solchem Disput besteht der überwiegende Teil des Epos. Besonders angezogen hat ihn dabei ein schweigsamer, älterer und schöner Mann namens Vine, hinter dem amerikanische Kommentatoren das Vorbild Nathaniel Hawthorne zu erkennen glauben. Clarel hegt zu Vine eine homoerotisch gefärbte Bewunderung, die in der Biografie Melvilles ihre Entsprechung haben dürfte. Rainer G. Schmidt, der Übersetzer, betont diesen Punkt in seinem Nachwort. Mir scheint dies jedoch nur einer von vielen Zweifeln Clarels zu sein. Tatsächlich schwankt Clarel zwischen Frauenverachtung, »platonischer« Männerfreundschaft und dem scheuen Gedanken an homosexuelle Erfüllung. Man könnte sich an einen anderen zerquälten Jüngling erinnert fühlen, der um die Jahrhundertwende ein höchst seltsames Werk schrieb, bevor er sich selbst tötete: Otto Weininger, der feminine Frauenhasser und jüdische Antisemit.

Clarel ist ein gewaltiges Versepos, ein Labyrinth und ein monolithischer Brocken. Dieses Genre wurde und wird immer wieder als antiquiert bezeichnet. Im Grunde ist es das aber seit jeher, mindestens seit dem Beginn der Neuzeit. Unlängst hat Christoph Ransmayr ein Buch vorgelegt, das einige Kritiker als Versepos identifiziert haben, und Grünbeins Vom Schnee, kein geistliches, sondern ein Epos des Geistes, ist ein Werk, das diese Bezeichnung zweifellos verdient.

Hinter Clarel ahnt man aber vor allem die Silhouetten der großen christlichen Versepen, Dantes Divina Commedia und Miltons Paradise Lost. Zu Beginn von Clarel bilden der Jüngling zusammen mit einem seltsamen Heiligen namens Nehemia ein reisendes Duo wie Vergil und Dantes Ich-Erzähler, doch dann gesellen sich andere Pilger hinzu, Nehemia stirbt, zurück bleibt Clarel mit seiner wachsenden Reisegruppe, die- sem ratschlagenden und Verwirrung stiftenden Konsortium. Am nächsten steht Melvilles Epos aber wohl Paradise Lost, auch durch die schon für Melvilles Zeiten antiquiert wirkende Sprache, den elisabethanischen Ton, der nicht nur Melvilles Shakespeare-Verehrung geschuldet ist, sondern auch seinem Umgang mit der King-James-Bibel aus dem frühen 17. Jahrhundert. Dass Rainer G. Schmidt bei seiner Übersetzung darauf mit der Verwendung der Luther-Bibel reagiert, ist eine gute Entscheidung.

Schmidts Arbeit ist die erste Gesamtübersetzung von Clarel überhaupt. Ob sie notwendig war, kann man sich fragen, aber die Frage stellt sich im Grunde auch für das Original: Melville ließ die unverkauften Exemplare, es war der größere Teil der selbst bezahlten Auflage, nach ein paar Jahren einstampfen. Melville-Fans werden an Clarel bestimmt ihre Freude und etwas zum Kauen haben. Die deutsche Version ist zuverlässig und sorgfältig, was das Verständnis und die Wiedergabe der Inhalte betrifft; an der von Schmidt gewählten Übersetzungsstrategie darf dennoch gezweifelt werden.

Das Epos hat den Charakter der Schwere, der Gedrängtheit

In sprachlicher Hinsicht ist der deutsche Clarel nämlich weder Fisch noch Fleisch, oder besser: weder Stein noch Wasser. Schmidts Behauptung im Nachwort, die Metrik des Werks sei recht frei, die Reime oft unrein und unregelmäßig, ist nicht nachzuvollziehen, sie dient eher der stillschweigenden Rechtfertigung seines übersetzerischen Tuns (und Lassens). Nein, der originale Clarel zeugt von einem stupenden Formwillen, die Verse sind fast durchweg Vierheber, und das Bemühen um reine Reime liegt auf der Hand. Nicht zuletzt deshalb eignet dem Werk ein Charakter der Schwere und Gedrängtheit. Es bildet den Gegenpol zu einer Literatur der Leichtigkeit, die man einst für das kommende Jahrhundert, nämlich unseres, gefordert hat. Der von Schmidt gewählte Ton ist hingegen oft launig und locker, ab und zu schwingt er sich zu erhabener Diktion auf, selten zu metrischer Strenge, meistens ist es Prosa im Flattersatz. Hinter solchen Diskussionen steht eine Grundsatzfrage: Soll man poetische Werke in Prosa wiedergeben, oder soll der Übersetzer in jedem Fall versuchen, seinerseits poetische Verfahren zur Anwendung zu bringen? Letzteres wäre angesichts der 18000 Verse von Clarel eine fast unmenschliche Aufgabe. Und Prosa ist in solchen Fällen doch immer unbefriedigend, da sich die Übersetzung auf Information über den Inhalt beschränkt. Schmidt hat keine Entscheidung getroffen, sondern eine Art Mittelweg gewählt.

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Clarel von Herman Melville, 2006, Jung und Jung2.)

Clarel.
Gedicht und Pilgerreise von Herman Melville (2006, Jung und Jung - Übertragung Rainer G. Schmidt).
Besprechung Sabine Eidenberger aus Rezensionen-online *bn*, 02/2007:

Monumentalwerk, das nie einen großen Durchbruch erfuhr. (DL)

Anders als der Roman "Moby Dick" wurde dieses Werk niemals zu einem wirklichen Erfolg. Melville selbst gab etwa 300 Exemplare auf eigene Kosten heraus. Dieses in der nun vorliegenden deutschen Übersetzung mehr als 660 Seiten umfassende Epos wird sich auch heute nicht unbedingt großen Leserschichten erschließen. Ganz im Stil der großen englischen Epen war es wohl auch zu Zeiten seines erstmaligen Erscheinens nicht mehr sonderlich en vogue, obwohl es künstlerisch gesehen eine Meisterleistung ist.

Leider ist auch die Übersetzung reichlich holprig geraten, es wurde mehr auf korrekte Wiedergabe als auf Lesbarkeit geachtet. Für Literaturwissenschaftler ist die Geschichte des jungen Studenten, der sich auf Pilgerfahrt nach Jerusalem begibt, sicherlich interessant, für durchschnittliche Bestände jedoch wenig lohnenswert.

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