Cinema Naturale.
Erzählungen von Gianni Celati (2001, Wagenbach).
Besprechung von Peter Körte aus der Frankfurter Rundschau, 14.4.2001:

Vier Krankenpfleger in der Wüste

Häftlings Hirtengedicht, ein Wunder aus der Schneewehe und andere Erzählungen mit linkshändigem Dreh: Gianni Celati schickt den Leser ins "Cinema Naturale" Von Peter Körte

Was tun mit 2000 handschriftlichen Seiten Kindheitserinnerungen eines melancholischen Knackis, wie verfahren mit ungezählten Stunden Bandaufzeichnungen von einer Frau, die immer nur dieselbe Geschichte in Minimalvarianten erzählt? Was soll aus dem ellenlangen Bericht von vier Krankenpflegern werden, die muntere Kleinstadtorgien feiern und in die Wüste reisen, oder aus den wirren Äußerungen eines Arztes, der den Stimmen, die er zu hören glaubt, wie besessen folgt? Ganz einfach: Raffen, Verknappen, Passagen einfach überspringen, weitererzählen, Geschichten in neue Geschichten verwandeln.

Da schreibt ein italienischer Literaturprofessor, der Twain und Swift, aber eben auch Roland Barthes übersetzt hat, alle Jahre wieder ein Buch. Da entsteht keine falsche Gloriole ums einfache Leben, um Menschen, die sonst keine Stimme hätten. Die Geschichten sind länger geworden seit der Sammlung Erzähler der Ebenen (dt. 1985), doch die Tonlage hat sich nur geringfügig verändert. Man merkt es sofort: Das kann nur Gianni Celati sein. Er narrt einen mit dem Schein der Naivität und ist trotz der schlichten Konstruktion mit allen Wassern der Moderne gewaschen. Der Erzähler ist nicht immer der, der es erlebt hat, oft reicht er nur etwas weiter. Dass Erzählen etwas mit Weitererzählen, vor allem aber mit Hörensagen zu tun hat, mit den Veränderungen, die eine Geschichte auf dem Weg vom einen Erzähler zum Hörer durchläuft, der wiederum zum Erzähler wird - nirgends wird das anschaulicher als bei Celati.

Beiläufig streut er immer wieder ein "höre ich" oder "heißt es im Bericht" ein, er erklärt, dass er gerade mal ein paar Monate überspringe, er versichert einem, dass die Geschichte absolut wahr sei, oder räumt freimütig ein, sie sei "nicht besonders glaubwürdig". Dieser eigentümliche linkshändige Dreh, Celatis Markenzeichen, taucht gleich in der ersten Erzählung vom Amerikareisenden auf, der unbedingt einen Brief nach Hause schreiben will, um seine Abenteuer mitzuteilen. Was ihm dazu fehlt, ist ein Stift, und so erzählt er, als er endlich angekommen ist, wo er hinwollte, seinen Gastgebern davon - und später auch dem Erzähler, der er selbst ist.

"Wie ich in Amerika landete" heißt diese Geschichte, und sie beginnt mit den Worten: "Ein Typ namens Giovanni, den ich ziemlich gut kenne". Ein wunderbares Stück erzählerischer Ironie, ein Ping-Pong-Spiel zwischen Autor und Erzähler, ein Maskenspiel für den Leser, der daraus ein Programm entziffern kann, ohne zu ahnen, in welche entlegenen Winkel, in welche absurden Situationen man ihn führen wird. Er wird gewarnt, alles zu glauben - und muss zugleich auf der Hut sein, den Wahrheitskern der Fabel nicht zu unterschätzen.

Celati beschwört dabei nicht die Authentizität der gesprochenen Sprache, die auf der Bühne oder in erzählender Prosa eben nicht schon von selber klingt. Es braucht ein paar kleine Volten, und schon klingt es wie in Fabel oder Märchen, fast wie in Hollywood, wie in einem italienischen Remake von Frank Capras Weihnachtsfilm Ist das Leben nicht schön?, wenn ein Penner, wie durch ein Wunder aus einer Schneewehe gerettet, von seinem Gespräch mit Gott berichtet, von den Medien belagert wird und deshalb sein Rendezvous mit den Engeln verpasst.

Celatis Ouvertüren allein sind schon die Lektüre wert: "Der Häftling Da Ponte war schon seit acht Jahren im Gefängnis, weil er einem Carabinieri den Schädel eingeschlagen hatte, da kam ihm der Gedanke, das Hirtengedicht seiner Kindheit niederzuschreiben." Besser kann man nicht anfangen, wenn man unter dem Titel "Bukolisches Gedicht" ländliche Verhältnisse inklusive Inzest und Dorfirren beschreibt und dabei noch die bizarre Kosmologie vom "allgemeinen Kreisen in ländlichen Gegenden" vorstellt.

So changieren diese Geschichten unentwegt. Wo man einem schlichten Gemüt zu lauschen glaubt, schreckt einen die Stimme des Erzählers auf, der sich einmischt; wo sich der Ton gehobener ausnimmt, weil gerade zwei Studenten verzweifelt bei einem Genfer Meisterdenker Gehör finden wollen, da übernimmt auf einmal ein Vertreter für Dampfkochtöpfe ganz pragmatisch das Kommando. Und ganz beiläufig schmuggelt Celati seine zeitdiagnostischen Betrachtungen in die Stories ein: über Wissenschaftsmoden und kleine Karrieristen, über die Einsamkeit, über die Gier der Medien und die eher vertrackten Verhältnisse der Geschlechter - und es wird nie fad oder besserwisserisch, weil er seine Gewährsleute schont und ohne Herablassung behandelt, weil er zuallererst erzählen will. Der Rest kommt dann von selbst.

Und weil Celati sich im gegenwärtigen Wörterbuch der Gemeinplätze bestens auskennt, kann er auch die beiden älteren Herren Cevenini und Ridolfi nach Afrika schicken und dorrt haarsträubende Dinge erleben lassen bei ihrer Suche nach einem Wunderheiler, der die cholerischen Anfälle des einen kurieren soll, die aus seinem Ärger rühren, auf der Welt zu sein.

Sie sind seltsame Enkel von Flauberts Bouvard und Pécuchet, mit denen sie nicht nur die unerwiderte Liebe zum Philosophen Spinoza teilen, sondern auch die Unfähigkeit ihn zu verstehen; sie sind borniert und dabei doch herzensgut, und natürlich muss einer der beiden die Abenteuer aufschreiben, "damit auch die in ihrer Kneipe erfahren, wie es gewesen ist". Wo sonst sollte er sie auch erzählen? Der Multiplikator sitzt schon am Nebentisch.

Warum er diese Sammlung von neun Geschichten Cinema naturale genannt hat, daraus macht Gianni Celati kein Geheimnis. "Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen", schreibt er in der Eingangsnotiz.

Man muss nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, scheinbar wahllos die Digicam laufen lassen oder eine Serie Polaroids schießen, um hinterher zu bemerken, was man da für Töne und Bilder eingesammelt hat, aus denen sich ein Drehbuch post festum ganz von alleine zu schreiben scheint. Klar, auch die Natürlichkeit ist ein Kunstprodukt, akribisch zurechtgeschliffen, und was auf den ersten Blick so schmucklos und minimalistisch wie ein dänischer Dogma-Film wirkt, ist doch so subtil ausgeleuchtet, dass die Szenerie Momente freigibt, die der durchschnittliche Realismus nie wahrnehmen würde.

Und genau das ist die spezielle Dialektik von Gianni Celati: Er schreibt wunderbare Stories darüber, dass es besser ist, Geschichten mündlich zu erzählen als aufzuschreiben, ihnen zuzuhören als sie zu lesen, und wie er auf diese Weise unermüdlich an dem Ast sägt, auf dem er selber sitzt, das ist ein artistisches Glanzstück. Oder auch: Zauberei, die darauf beruht, dass alles vor unseren Augen geschieht und wir doch den entscheidenden, den magischen Moment immer wieder verpassen.

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