Chuzpe von Lily Brett, 2006, SuhrkampChuzpe.
Roman von Lily Brett (2006, Suhrkamp
- Übertragung Melanie Walz).
Besprechung von Heike Runge aus Jüdische Allgemeine:

Sex und andere Altersschwächen 
Liebe nach den Wechseljahren: Lily Bretts Roman "Chuzpe"

Chuzpe ist keine Frage des Alters. Das jedenfalls lernt man aus dem neuen Roman der amerikanischen Autorin Lily Brett. Ihr Held Edek Rothwax ist Witwer und stolze 87, als er Australien den Rücken kehrt, um zu seiner Tochter nach New York zu ziehen. Ruth, eine Mittfünfzigerin, hat eigentlich schon genug um die Ohren. Die eigene Familie, die kleine Firma, die ihr gehört, und außerdem steckt sie mitten im „Menostop“. (Den medizinischen Begriff „Menopause“ für die Wechseljahre hält Ruth für eine gemeine Lüge: Schließlich geht es um etwas sehr Endgültiges.) Schnell stellt sich heraus, daß Vater und Tochter völlig unterschiedliche Vorstellungen von einem seniorengerechten Leben in New York haben. Edek schließt sich keiner Altengruppe an, sondern macht sich erst in Ruths Büro nützlich, indem er große Mengen Büro klammern und Toilettenpapier bestellt, beginnt dann ein Verhältnis mit einer lebenslustigen 69jährigen namens Zofia und macht mit ihr gemeinsam ein Restaurant für Hausmannskost auf.

Eingefleischte Lily-Brett-Fans kennen die vergrübelte Ruth mit den Eßstörungen und ihren äußerst munteren Vater Edek mit der robusten Gesundheit schon aus dem Roman Zu viele Männer von 2001. Darin schickte die Autorin die beiden auf eine Reise nach Polen, mit den Stationen Lodz, Krakau und Auschwitz. Nicht nur für die Figuren, auch für die Autorin selbst eine Reise in die Vergangenheit. Lily Bretts Eltern hatten im Ghetto von Lodz geheiratet, wurden nach Auschwitz deportiert und trafen einander nach der Befreiung wieder. Tochter Lily kam in einem Lager für Displaced Persons in Feldafing bei München zur Welt, wuchs in Melbourne auf und lebt heute in New York. 
Zu viele Männer war bei aller Situationskomik eine bittere Geschichte, in der Brett die gewohnte Ironie abhanden kam. Nicht zuletzt der offene Antisemitismus im heutigen Polen hatten der Autorin wie auch ihrer Heldin sichtbar zugesetzt. Chuzpe ist die Fortsetzung der „polnischen“ Geschichte, doch diesmal gibt es wieder das für Lily Brett typische melancholische Happy-End. Das verdankt sich Zofia. Edek, der Schoa-Überlebende mit dem unverwüstlichen Lebenswillen, hatte sie bereits auf seiner Polenreise kennen und lieben gelernt. Sehr zum Ärger der Tochter. Nicht nur, daß Zofia achtzehn Jahre jünger ist als Vater, sie ist außerdem keine Jüdin. Ruth kann es nicht verknusen, daß Edek seine gojische Bekannte nach New York, in „ihre“ Stadt, geholt hat. Wenn Zofia mit großer Selbstverständlichkeit „Edek, Liebling“ flötet, rastet sie fast aus. Zumal es sich keineswegs um eine nur platonische Beziehung handelt, wie Zofias ausladende Dekolletés und Edeks Blicke darauf deutlich machen. Ruth packt die Eifersucht. Bald beginnt sie ihre Brüste mit denen der viel älteren Zofia zu vergleichen und geht dabei ziemlich schonungslos mit sich um.
Für die Offenheit, mit der sie über körperliche und seelische Macken von Frauen schreibt, ist Lily Brett zu Recht berühmt. Sie hat das schöne Talent, sich verletzlich zu zeigen, ohne sich dabei klein zu machen. Mit welch würdevoller Ironie sie hier über „entspannte“ Brüste spricht, kann man gar nicht genug loben. Ihr neues Buch ist nicht unbedingt ihr bestes, auch nicht ihr zweitbestes. Aber es ist die besondere Haltung dem Leben gegenüber, eine Melange aus Weisheit und Ironie, die selbst noch Lily Bretts schwächere Romane auszeichnet. 
Und zu denen zählt Chuzpe zweifelsohne. Das Buch steckt voller liebenswerter Figuren, hat eine nicht unwitzige Handlung, aber leider auch viele ermüdende Dialoge. Vor allem die seitenlangen Erörterungen über „Klopse“ gehen schnell auf die Nerven. Mag sein, daß das Wort „Klops“ lustig klingt. Spätestens nach der zwanzigsten Erwähnung nutzt sich der Spaß aber ab. Auch kühne begriffliche Neuschöpfungen wie „Klopspogrom“ können daran nichts ändern. 
„Klopse braucht der Mensch“ heißt das Restaurant, in dem Edek und Zofia alle möglichen Sorten von Fleischklößchen servieren. Ruth hat ihrem Vaters dafür 30.000 Dollar Startkapital geliehen, obwohl sie die Idee für einen ziemlichen, pardon, Klops hält. Da gibt es schließlich Bauvorschriften und Green Cards, Dinge, die ihr Vater souverän ignoriert. Das wird sich, fürchtet die pessimistische Ruth, bald bitter rächen.
Der Leser braucht sich um das Florieren des Klops-Lokals von Edek und Zofia dennoch keine allzu großen Sorgen zu machen. Auch nicht um die gute Beziehung zwischen Vater und Tochter. Schließlich darf man auf den optimistischen Titel des Romans vertrauen – Chuzpe. Frechheit siegt bekanntlich.

...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

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