Chronik meiner Straße von Baraba Honigmann, 2015, HanserChronik meiner Straße.
Prosa
von Barbara Honigmann (2015, Hanser).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 5.05.2015:

Im Rhythmus der Konflikte
Die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen im Straßburg der Schriftstellerin Barbara Honigmann: "Chronik meiner Straße".

Neben dem Vertrauten wird das Fremde, das Andere nicht nur erkannt, sondern auch erachtet. So war es in allen autobiografisch grundierten Büchern von Barbara Honigmann. Sie kennt das Fremdsein. Fremd war sie in der DDR mit ihrem aufblühenden Bekenntnis zum jüdischen Glauben, zunehmend fremder wurden ihr die marxistischen Überzeugungen der Eltern, fremd blieb sie mit ihrer künstlerischen Unbedingtheit am ostdeutschen Theater. Und doch achtete sie immer die Emigrantenerfahrung der Eltern, das andere Leben der Freunde, die Impulse des Theaters. Als Erkenntnis reifte, das Eigene ist besser zu verstehen, wenn es vor dem Hintergrund einer unbelasteten Fremdheit steht, dort wo alles neu und anders ist.

1984 ertrotzt sich Barbara Honigmann mit Mann und zwei kleinen Söhnen die Ausreise von Ost-Berlin nach Straßburg, „ausgewandert, um etwas ganz Neues anzufangen“. Sie wagt, wie es im Debüt „Roman von einem Kinde“ (1986) heißt, den dreifachen Sprung: „vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein“. Wie nur eine Rheinbrücke vom deutschen Ufer entfernt das Fremdsein in ein interaktives, ein symmetrisches Ankommen umschlagen kann, hat sie jetzt in einer „Chronik meiner Straße“ collagiert. Diese Rue Edel, so erfunden alles klingt, gibt es, östlich vom ausgewachsenen Straßburg, unscheinbar, aber trostverheißend für alle Ankommenden. Hier zu wohnen, das kann jedem passieren, es ist eine „Straße des Anfangs und des Ankommens“. Die „Wege der vielen Völker, die sich nach dem Rhythmus der Weltkonflikte erneuern“, kreuzen diese Straße.

In der frappant kleinstädtischen Europastadt liegt dieses Drehkreuz der Zuwanderung. Noch kein Banlieue, aber gemischte Gegend. Hier leben Juden und Araber, Türken und Kurden, Pakistani und Iraner, Afrikaner und Asiaten, Osteuropäer und Kaukasier und nicht zuletzt das „andere Frankreich“, Franzosen ohne Savoir-vivre, in respektvoller Gleichgültigkeit nebeneinander. Sie gehen wortlos aneinander vorbei, notfalls sich auch aus dem Weg.

Alle schnappen nach Leben, nichts ist hier absichtsvoll, alles wie aus Versehen. Weniger stoische Weisheit als gegenseitige Vorsicht. Hier fordern ungeschriebene Gesetze einen geläufigen Pragmatismus für ein Leben in Gegensätzen. Mit balancierter Gleichgültigkeit gegen Affekte der Anteilnahme oder der Antipathie, aus denen die Konflikte verschiedener Glaubensgewissheiten aufflammen. Lebensklugheit als Vorstufe der Toleranz.

Doch, es gibt unangenehme Vorfälle

So könnte es gehen, wie hier im Blick von Barbara Honigmann. Europa-Parlament und Münster braucht es dazu nicht, auch keine zugehörigen Reden. Das heißt nicht, es gäbe keine unangenehmen Vorfälle. Einmal fragt eine Ansammlung Elsässer provokativ, woher sie denn käme, aus Algerien? Aus Marokko? Ein Déjà-vu. Im Roman „Alles, alles Liebe“ fragte ein Gastwirt in tiefster ostdeutscher Provinz nach der „Stammeszugehörigkeit“. So wird nicht geachtet. Die verbale Abwehr der Zumutung ist zwingend. Man kann nicht sagen, dass Verteidigung erlöst, aber zur Balance gehört sie unbedingt.

Für die junge Familie aus Berlin sollte es vor dreißig Jahren auch nur die „Straße des Anfangs“ sein, nach Wochen des Lebens aus dem Koffer. Die Söhne wachsen heran, gehen ihre eigenen Wege. Es sind Kinder, die wissen, wenn man zu sehr auf Erfahrungsratschläge hört, wird man nicht vorankommen. Auch wenn das Leben nicht stehen bleibt, die Eltern werden in der Straße des Anfangs weiter wohnen, im grauen Haus, in der baumlosen Straße einer tristen Gegend mit sozialem Wohnungsbau aus wilhelminischer Zeit, fast wie in Berlin. Aber nicht das ist es, kein Status des Unbestimmten wird behauptet, kein Ort zur Gewinnung von Zeit. Gescheut wird auch nicht der Kraftaufwand, der zu jeder Veränderung gehört. Wenn schon nicht besser wohnen, so doch wenigstens anders. Dort, wo das widersprüchliche Leben vor der Tür tobt, die Geschichten auf der Straße liegen.

Schwebende Aufmerksamkeit

Barbara Honigmann verfolgt alles in ihrer „Chronik“ mit schwebender Aufmerksamkeit von ihrem Schreibtisch-Balkon. Sie erzählt unaufgeregt, nicht selten mit unterlegter Ironie. So wird selbst Polizisten-Schläue zur Toleranz, wenn die Auflage lautet, eine „Laubhütte“ habe binnen acht Tagen abgebaut zu sein, was heißt, die Juden können ihr achttägiges Laubhüttenfest feiern, auch wenn es Eigentümer oder Anwohner stört. Das ist anders als ein Wohnen in der Souterrain-Wohnung in Paris des XIII. Bezirks, wie es sich in „Eine Liebe aus nichts“ zeigte.

Es ist das Konstitutive, was sie hier hält. Jüdische Nachbarn mit ausnehmenden Verfolgungsgeschichten, die ihre Gegenwart brauchen. Eine ungarische Jüdin hat Auschwitz durchlitten und kann eine minimale „Entschädigung“ des Leidens nur mit ihrer Hilfe erstreiten. Ein jahrelanger Brief-Kampf mit deutschen Behörden. Die benachbarte elsässische Jüdin beschwört immer wieder ihre Deportation und die Mengele-Selektion. Sie weint jedesmal. Jeden Ermordeten zählt sie auf, von einunddreißig jüdischen Familien ihres Heimatortes überlebten nur sie und ihre Mutter. Auch der Jeschiwa-Lehrer aus Jerusalem, der als 12-Jähriger aus dem Ghetto von Kowno flüchtete, den ein litauischer Bauer versteckte, wird am Ende über den auflodernden europäischen Antisemitismus weinen.

Barbara Honigmann weiß vom Besonderen des jüdischen Lebens, wenn die Vorgänger sagen, sieh unser Unglück. Was nichts anderes heißt als finde deinen Platz. Sie hat ihn in Straßburg gefunden. Der jüdische Friedhof in Sarre-Union, auf dem jüngst dreihundert Gräber geschändet wurden, ist allerdings nur eine Autostunde entfernt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Frankfurter Rundschau]

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