Chronik der Gefühle.
Zweibändig: Band 1: Basisgeschichten, Band 2: Lebensläufe von Alexander Kluge (2000, Suhrkamp).
Besprechung von Claus Philipp aus Der Standard, Wien vom 9.12.2000:

Lernprozesse und Orientierungsversuche
"Chronik der Gefühle" - eine Herausforderung von Claus Philipp.

Ein schönes Paradox in den erzählerischen und theoretischen Texten von Alexander Kluge war immer die Aufforderung zu eigener Arbeitsleistung an den Leser, der doch gleichzeitig eine präzise Montage des Autors (die leider, wie seine Sprachführung oft als kalt mißverstanden wird) gegenüber stand.

Schon das mittlerweile legendäre Kompendium Geschichte und Eigensinn (entstanden in Kollaboration mit dem Soziologen Oskar Negt) war als "Arbeitsbuch" angelegt, in dessen Rahmen man getrost eigenen Interessen folgen sollte. Und auch im Vorspann zu den 2000 Seiten von Chronik der Gefühle schreibt Kluge: "Niemand kann so viele Seiten auf einen Schlag lesen. Es genügt, wenn er, wie bei einem Kalender oder eben einer Chronik, nachprüft, was ihn betrifft." Nun, was in diesem Fall hier den Rezensenten besonders betraf, war zuerst eine Überprüfung der Eingemeindung früherer Texte Kluges in einen größeren Kontext. Chronik der Gefühle ist ja gewissermaßen auch eine erzählerische Werkausgabe, in der alte und neue Texte im Leseschneideraum zu oszillieren beginnen.

Schlachtbeschreibung (erstmals erschienen 1964) etwa kommuniziert da im ersten Band als einer der bis heute radikalsten und bewegendsten Texte über den Winterkrieg im Kessel von Stalingrad mit Basisgeschichten über "Verfallserscheinungen der Macht" rund um Michail Gorbatschow oder aus den letzten Tagen der DDR. Und die grandios verzettelten Schreibhefte zur Unheimlichkeit der Zeit bilden ein solides Fundament auch für jüngst aufgezeichnete (bzw. als möglich ersonnene) Lebensläufe in Band 2. Weiterhin und wie auch in seinen Interviewsendungen im deutschen Kabelfernsehen erweist sich Kluge als skeptisch gegenüber simplen historisch zuordnenden Realismen, während er doch gleichzeitig ganz inständig an den sogenannten "Hausverstand" appelliert. So raunt in seiner "dokumentarisch" sachlichen Sprache immer jene Möglichkeitswelt mit, in der sich auch - siehe nebenstehendes Interview - die Volkssage und die Moritat bewegt.

Im Fallbeispiel eines Managers, der einer schwarzafrikanischen Geliebten erliegt, schwingt also auch so etwas wie die Möglichkeit einer Verhexung mit, und sei es nur, dass sich die Umstände gegen einen überforderten Menschen - wie verhext - verschwören. Und wenn Kluge andernorts die höchst dramatische Geschichte eines im Gefängnis vergessenen KGB-Spitzels scheinbar höchst sachlich aufrollt, dann ist auch dies nur ein Beispiel unter zahllosen "Kalendergeschichten" bzw. chronikalen "Fällen", die Stoff für große Dramen abgäben.

In Zeiten, in denen das Gros der Literaturbetriebs wenig mehr zu tun hat als sich über die Relevanz von Hampels Fluchten abzuhampeln, ist die Chronik der Gefühle in ihrer spröde dramatischen Form eine Wohltat. Suhrkamp sei Dank! Fortsetzung folgt hoffentlich.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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