Christus kam nur bis Eboli.
Roman von Carlo Levi (1945/2003).
Besprechung von Esther Röhr in freitag, 28.2.2003:

Er kam in Handschellen
ZWISCHEN KAMPANIEN UND KALABRIEN UND APULIEN
Verbannter unter einem verstreuten Volk der Vergessenen - Spurensuche in Sachen Carlo Levi

Mir missfiel alles", schrieb Carlo Levi und hielt sich auch sonst nicht zurück, was seinen zehn Monate währenden Aufenthalt in Lukanien betraf. Kein Wunder: er war nicht freiwillig dort. Vom Mussolini-Regime 1935 "konfiniert" (*), sah sich der Antifaschist aus Turin in entlegenen südlichen Dörfern gefangen, zuerst noch im größeren Grassano, dann acht Monate lang in Aliano, durch das nicht einmal eine Straße führt - der Schauplatz eines literarischen Welterfolgs.

Eine abgebrochene Brücke

Rissige Häuser, mit Fenstern wie starrenden schwarzen Augen, dicht gedrängt, an Hängen klebend, als suchten sie, irre geworden, Halt. Sonst, bis zum Horizont, nur fahles Gelb, hier aufgetürmt, dort in Schluchten stürzend, selbstvergessen, gespenstisch, matt. Kommt man von der Strada 92, findet man Aliano heute leicht. Das steinerne Nest hockt auf seinem Berg. Ein letztes Stück ist mit Vorsicht zu nehmen - eine abgebrochene Brücke ersetzen provisorische Serpentinen.

Christus kam nur bis Eboli wurde 1945 veröffentlicht, in 37 Sprachen übersetzt, 1979 von Francesco Rosi verfilmt. Der seltsam anmutende Titel des Buchs geht auf eine Redensart zurück, die Carlo Levi in Aliano lernte. Heute indes hat die fruchtbare Ebene Eboli, nicht allzu weit von Salerno entfernt, nicht mehr die Bedeutung einer metaphorischen Grenzregion. Hinter Eboli beginnen die Berge, aber nicht mehr das nackte Elend und die Fron eines verstreuten Volks von Vergessenen. Lukanien, das heute Basilikata heißt und zwischen Kampanien, Kalabrien und Apulien liegt wie ein kleiner Fleck, ist zwar noch immer von Armut geprägt, doch sucht es sich inzwischen zu präsentieren und zieht einige - wenige - Liebhaber an.

Ist die abweisende schroffe Landschaft nicht in Wirklichkeit wildromantisch? Ist der eher verschlossene Menschenschlag nicht irgendwie besonders authentisch? Den letzten Malariafall gab es hier 1948 - und nach dem abebbenden Toskana-Boom setzt nun Süditalien auf die Touristen. Der Ort Aliano, von Levi "Gagliano" genannt, lockt mit seinem neu erworbenen Rang als Parco Letterario, es gibt ein Museum, ein Amphitheater.

Noch ist von der Levi-Manie nichts zu sehen. Wir parken am Bersaglieri-Graben und schauen die Bronzebüste an. Etwas streng, etwas formell geraten: über steifem Hemdkragen schwebt ein Kopf, der offenbar einem Idol gehört, und der so gar nichts Verqueres hat, nichts Vitales, nichts Verlorenes. War Carlo Levi hier denn nicht unruhig auf und ab gegangen, mit merkwürdigen Umhängen angetan, Toscani rauchend, auf und ab, bis zum Friedhof und zurück?

In Handschellen kam er in Aliano an, ohne dass die Einwohner an seinem Geschick viel Anteil nahmen. "Quelli di Roma" - "die in Rom" - hatten zwar wieder ein Unrecht getan, doch waren sie zugleich unendlich fern, und in einer sonderbaren Entsprechung versuchte Levi sich in der Haltung eines angeschwemmten beliebigen Fremden.

Zum "Konfinierten" hatten ihn nicht nur jene Artikel gemacht, die er für Untergrundzeitungen schrieb: Mit den Brüdern Roselli hatte Levi Giustizia e Libertà gegründet (und sollte später, im Pariser Exil, die Gruppe zentral organisieren). Ein Jahr zuvor erstmals inhaftiert, wurde er 1935 verbannt. Als Rom sich Addis Abeba einverleibt, kommt er durch eine Generalamnestie zwei Jahre früher als erwartet frei und geht zurück in den Widerstand. Seinen Erinnerungen an Lukanien gibt er erst nach neun Jahren Gestalt.

Francescas Mann kam nicht zurück

Die Casa Carlo Levi wird renoviert, doch ihre Türen stehen offen. Wir steigen zwischen Zementsäcken, zerbrochenen Kacheln und Kippen umher, wir blicken von der Dachterrasse über ein aufgewühltes Schindelmeer. Hier soll das Zentrum des "Parco" entstehen, mit Diaprojektoren in leeren Räumen, so leer, wie Carlo Levi sie 1936 verlassen hat. Wer ist er für Aliano heute?

Er soll klein, doch einnehmend gewesen sein, lebhaft, theatralisch, zuweilen eitel, stolz auf sein "griechisches Profil". Seiner großbürgerlichen Herkunft bewusst, besaß er doch die Fähigkeit, sich auf vielerlei Szenerien einzustellen und seine Theorie der dialektischen Beziehung von "Io" und "Altro" in die Wirklichkeit zu übersetzen, so gut es eben ging.

Levi war ein Sohn des assimilierten Judentums, wuchs ohne Beschneidung und Bar Mizwa auf und trat für den Sozialismus ein, später - eine Frucht der Zeit in Lukanien - für die Belange der Landbevölkerung. Sein unbestreitbares Engagement aber sollte immer auch Symbolkraft haben. Als unabhängiger Kandidat der PCI, der Kommunistischen Partei, zum Senator gewählt, kämpft er für das selbst gebackene Brot, als ein gesetzliches Verbot die familieneigenen Holzöfen bedroht. Ein emphatischer Autonomie-Begriff, gepaart mit diesem Faible für Archaik und mit paternalistischem Impetus: ein Vorbehalt, der auch dem "Cristo" gilt, ist die Neigung zu den großen Gesten und dabei zum Schimärischen. Wo Brote zu "prähistorischen Uhren" werden, ist - auch dies ein Levi´sches Schlüsselwort - "alle Vergangenheit Gegenwart".

Wir treffen Francesca am Brunnen schräg unterhalb der Casa Carlo Levi. Auf einem maroden Mäuerchen seift sie ihre Wäsche, eine blaue Hose, einen Pullover, handgestrickt und sehr bunt gestreift. Unter ihrer grellgrünen Wollmütze steckt ein kleines, weiches Gesicht mit vielen Falten und zahnlosem Mund. Aufmerksame, misstrauische Augen. Carlo Levi? Sie ist schwerhörig. Ob wir vielleicht ein Haus kaufen wollen? Oder einen Olivenhain? Kräftige Griffe in schäumende Wäsche. Si, ja, sie ist hier geboren, ja, sie hat immer hier gelebt, und jetzt ist sie 86 Jahre alt. Carlo Levi? Nichts. Bambini? Ja, vier. Zwei sind gestorben, ein Abort. Ihr Mann hat in Freiburg gearbeitet.

Lukanien und seine Auswanderer: Keine andere Region Italiens hat so viele ihrer Einwohner verloren, Millionen gingen in die USA oder nach Argentinien. Jahrzehnte später führen deutsche Städte die Liste der Hoffnungen an. Manche aber kommen nur bis Rom: zum Beispiel Rocco und seine Brüder, die im gleichnamigen Visconti-Film (1960) die gute Zukunft zerschellen sehen - und aus Lukanien stammen, selbstredend auch Carlo Levis wegen, der die Landflucht zuerst beschrieb.

Francescas Mann kam nicht zurück. Sie sagt, dass er in Freiburg starb. Sie steht jetzt abgewandt am Brunnenrand und spült sorgfältig die blaue Hose aus. "Gib mir den Pullover", sagt sie. Ich ziehe ihn von dem Mäuerchen und mache die zwei Schritte zu ihr hin. "Prego", sage ich. Sie verbessert mich: "Prääg! Prääg!" Und fügt hinzu: "Das ist Italienisch."

Ein letztes Mal: Carlo Levi? Ah! Francesca sagt: "Er war unser Arzt. Wir waren alle krank, malat. Aber" - eine wegwerfende Handbewegung - "der dottore hat uns verlassen".

Den Arztberuf hat Carlo Levi, wenn man so will, nur in Aliano ausgeübt. Er hat Wunden verbunden, Hygiene gelehrt, er hat Chinin gegen Malaria verteilt und oft genug den Tod festgestellt - bis die Präfektur in Matera ihm auch dieses bescheidene Wirken verbot. Nicht unwahrscheinlich: er war erleichtert. Sein eigentliches Metier war die Kunst.

Als er Aliano sah, fürchtete er, allem andern voran, in der Einöde nicht malen zu können. Aber das Gegenteil war der Fall: Carlo Levi fand zu seinem Stil. Schon während seines Medizinstudiums hatte er sich den Bildern zugewandt, doch blieb er innerlich unzufrieden mit dem, was er unter Vagheit verstand. Einer aus der Gruppe I Sei di Torino ("Die Sechs aus Turin"), war ihm die "abstrakte" Kunst verhasst: Er suchte nach einem neuen Realismus, der "wahr" und nicht manieriert sein sollte, nicht formalistisch, nicht bloß deskriptiv. Sein Hauptwerk schließlich: Porträts, Landschaften und zuweilen auch Stillleben, die sich auf eigentümliche Art ineinander wiederfinden. "Was ist das Zimmer, wer sein Bewohner?" hat Carlo Levi einmal gefragt. Was ist ein Gesicht? Und was ein Berg?

Cristo kam nicht nach Aliano

Im Museum von Aliano wartet eine fast blinde Führerin. Sie zeigt Dokumente, Fotografien, Buchausgaben hinter staubigen Scheiben und einen lebensgroßen Esel aus bemaltem Pappmaché. Halb Heimatkunde, halb Hommage: Mit ausgestreckter Hand deutet die Signora auf die Objekte, die sie beschreibt, während sie ihre Lider senkt. Oft sagt sie das Wort umanità und fordert unsere Zustimmung. Aliano: umanità, nicht wahr?

Dass Carlo Levi das Dorf Aliano erweckt oder gar errettet hat, ist natürlich nur eine Legende. Ihr anhängen hieße, Christus doch noch nach Lukanien zu zitieren. Christus kam nur bis Eboli - heute in Aliano Schullektüre - hat Carlo Levis Ruhm begründet und ihn zugleich begrenzt. Popularisiert auch die Person, so ungeeignet als Patron: ein Humanist mit anarchischer Tendenz, ein Romantiker, der Antonio Gramsci kennt, ein jüdisch-konservativer Revolutionär, der immer ein Neues Testament bei sich trägt. Ein charismatischer Menschenfreund, der seine Haushälterin Giulia, wie er selbst unbefangen erzählt, so lange schlägt, bis sie ihm Modell steht. In Aliano nämlich ist die Kunst ein spektakulärer magischer Akt.

Das Gesicht, die Landschaft, das Porträt. Die Wörter, das Schweigen, die Poesie. Levi hielt, was Lukanien betraf, weder Klage noch Begeisterung zurück. Der "Cristo" ist ein grandioser Monolith aus einer bescheidenen Schreibwerkstatt, singulär trotz verwandter Literatur des sogenannten Neorealismo, etwa Silones Fontamara (1933) oder Paveses Paesi tuoi ("Unter Bauern", 1941). Ein "Roman" ist das Buch jedoch nicht, auch wenn es so bezeichnet wird: Lose miteinander verknüpfte Szenen ergeben einen offenen Bericht, dessen verblüffende Genialität in eben jener Haltung wurzelt, die sich in der Beobachtung ebenso wie in der Teilnahme übt und die sich in Carlo Levis Malerei noch weiter radikalisieren wird. Nachfolgende Bücher, obwohl sie sich im gleichen Duktus versuchen, reichen nicht annähernd an den Erfolg, den Christus kam nur bis Eboli erlangt.

Längst vergriffen sind die Reisebilder aus Sizilien, Sardinien, aus Rom - übrigens auch aus dem Nachkriegsdeutschland, dem Levi ein bitteres Zeugnis ausstellt. Der intellektuelle Antifaschist - dessen eigentlich wichtigste Schrift Paura della Libertà ("Angst vor der Freiheit", 1939) wurde gar nicht erst übersetzt. Zu haben ist nur der Longseller "Cristo", sogar wieder neu beim Europa Verlag im Jahr des 100. Geburtstags: außen Leinen, innen ein Lesebändchen - doch nach wie vor in der oft unglücklichen Übersetzung von 1947 (Helly Hohenemser-Steglich), voller Druckfehler und ohne Kommentar.

In der einzigen geöffneten Bar Alianos trinken wir Espresso und teilen uns ein eingeschweißtes Aprikosentörtchen. Alte Männer auf wackeligen Stühlen. Teenager, die Billard spielen, in bauchfreien Shirts und Schlaghosen. Carlo Levis Grab haben wir nicht gefunden: Auch auf dem Friedhof wird gebaut. Zuweilen war hier der gut Dreißigjährige in ein frisch ausgehobenes Loch gestiegen, um zu schlafen oder ein Buch zu lesen. Man sagt, der ehemalige "Konfinierte" habe sich ein auratisches Testament am Ende ausdrücklich hergewünscht. Aber niemand weiß das mit Sicherheit.

(*) In seinem Bewegungsraum auf einen Bezirk beschränkt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0306 LYRIKwelt © freitag/Esther Röhr