Christie Malrys doppelte Buchführung von B.S.Johnson, 1989, Schneekluth/2002, Argon1.) - 2.)

Christie Malryse doppelte Buchführung.
Roman von Bryan Stanley Johnson (1989, Schneekluth/2002, Argon - Übertragung Michael Walter, Vorwort Georg M. Oswald).
Besprechung von Friedhelm Rathjen in der Frankfurter Rundschau, 18.4.2002:

Die große Abrechnung
Komisch, brutal, kurz - und famos: Bryan Stanley Johnsons Roman "Christie Malrys doppelte Buchführung"

Der Roman Christie Malrys doppelte Buchführung, im Original 1973 erschienen, ist ganz entschieden ein Buch der seligen 60er-Jahre, und das aus drei Gründen. Erstens: Das Werk wimmelt von revolutionären Aufwallungen gegen das, was die Gesellschaft dem Einzelnen antut. Zweitens: Das Buch bringt einige geschlechtliche Prozeduren zur Sprache, und das auf eine höchst entromantisierte, nachgerade buchhalterische Art und Weise. Und drittens - doch nein, das verraten wir vorsichtshalber noch nicht, sonst türmen die geschätzten Leser jetzt schon. Stattdessen fällt uns gerade noch ein viertes Kriterium ein, das aus diesem Buch ein Produkt der 60er Jahre macht: Es ist kurz, sehr kurz, knapp und konzis. Soweit die Eröffnungsbilanz.

Dabei könnte man es vielleicht schon belassen, doch die (ich wiederhole es: geschätzten) Leser, die diese Rezension bis hierhin gelesen haben, haben nun einmal Leseenergien eingesetzt und wollen natürlich auch etwas dafür haben. Das ist das Grundprinzip der Doppelten Buchführung: Jedem buchungstechnischen Abgang (etwa einem Aufwand an Kosten, Zeit oder erlittener Belästigung) hat auch ein Zugang gegenüberzustehen, eine Entschädigung, beispielsweise in empfangener Belehrung oder Unterhaltung. Wer nach unverzüglicher Belehrung suche, möge sich als erstes das Kapitel XVI vornehmen, in dem in mehr als hinreichender Detailliertheit der Bau eines Molotow-Cocktails beschrieben wird. Wer Unterhaltung vorzieht, begebe sich stattdessen schnurstracks zum Kapitel XIX, wo sich der Titelheld und seine Neuntöterin von deren Gebärerin verabschieden, um sich dem erotisierenden Gebrauch von Rasierschaum zuzuwenden: "jetzt müssen wir aber los, altes Muttchen, Sonntag ist nämlich der einzige Tag, an dem wir mal wirklich lange ficken können. Adieu."

Christie Malry ist, wie uns überflüssig häufig eingetrichtert wird, ein einfacher Mensch, und er ist nicht nur einfach, sondern auch jung. Er begibt sich auf den Marsch durch die Institutionen, um am Ende bei dem ersehnten dicken Batzen Geld anzukommen, den er für verschiedene Dinge benötigt. (Sex, erfahren wir früh, zählt durchaus dazu.) Sein erster Trugschluss ist der, eine Banklehre bringe ihn am schnellsten in Geldesnähe; sein zweiter (nun nicht mehr Trug-)Schluss ist der, man müsse wohl zu Transkursionen (vertrackteste Fremdwörter tauchen stets an den unpassendsten Stellen dieses Romans auf, daran führt kein Weg vorbei) Zuflucht nehmen. Tagsüber arbeitet er jetzt in einer Süßwarenfabrik, abends erlernt er in einem Kurs die Buchhalterei. Und da kommt sie ihm: "Eine Tolle Idee! Heureka! Meine ganz private Doppelte Buchführung."

Christie kommt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass "die" ihm ständig übel mitspielen. ("Die" sind wahlweise alle, mit denen er zu tun hat, vulgo die Gesellschaft.) Aber seine Tolle Idee ist, sich nach den Prinzipien der Doppelten Buchführung für all das zu revanchieren. Wird er debetiert (durch Belästigungen, Beschimpfungen, Verdruss und Verluste), so braucht es einen Ausgleich oder eine Entschädigung in Form von geeigneten Kreditierungen. Beispiel: Christie steckt "Rüffel von Haupt- und Hilfsbuchhaltern" ein und notiert dafür in seinem Hauptbuch einen Posten in Höhe von 2,30 (in welcher Währung, erfahren wir nicht); dafür sucht er sich schadlos zu halten, indem er im Büro einen Brief vernichtet (Kredit 6,00) oder ein Stempelkissen entwendet (Kredit 0,02). Dieses System ist wie jedes System höchst ausbaufähig.

Dummerweise endet jede Abrechnung mit einem "Christie geschuldeten Saldoübertrag auf neue Rechnung"; soll heißen: Christie muss stets mehr zu seinen Lasten verbuchen als zu seinen Gunsten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass auf der Debetseite seines Kontos einige horrende Summen auftauchen, vom "generellen Erziehungstrauma" (35,00) über die "generelle Ausbeutung" durch seinen Arbeitgeber (200,00) bis zu "Sozialismus bekommt keine Chance" (311 398,00), die sich durch die "Mitnahme diverser kleiner Büroartikel" (0,06) und einige "Bombenscherze" (2,40) nicht ausgleichen lassen. Schließlich verursacht Christie gezielt den "Tod von 20 479 unschuldigen West-Londonern", doch da er einen getöteten Menschen nur zu einem Kurs von 1,30 berechnet, reicht auch das nicht hin.

Moment mal - Christie bringt Tausende von Menschen um? O ja, dahin hat ihn der Marsch durch die Institutionen geführt (wie die Konservativen es seit eh und je wussten). "War dies ein Krieg? War dies ein Spiel?" Aber eigentlich explodiert die kleine Buchhalterei nur deshalb zu solch astronomischen Spektakeln, weil der Autor "ein bißchen Action" ins Spiel bringt. "Man sagt mir, man muß solche Zwischenfälle einbauen; von wegen der Spannung, Sie wissen schon." Und plötzlich gibt es kein Zurück mehr. Beziehungsweise nur auf eine einzige Weise. Der Autor sucht seine Hauptfigur daheim auf und erklärt ihm: "es scheint mir unmöglich, diesen Roman noch viel länger fortzusetzen." Christie ist voller Verständnis: "Der Roman sollte jetzt nur noch versuchen, komisch, brutal und kurz zu sein." Wenige Seiten später hat er einen Knubbel, dann viele Knubbel im Körper, der Krebs schafft ihn aus dem Buch, fehlt nur noch die Schlussabrechnung: "Als Außenstände abgeschriebener Betrag 352 392,00".

Wie war das - der Autor besucht die Figur und unterhält sich mit ihr? Wir kommen nicht drumherum, jetzt den dritten Grund zu nennen, warum Christie Malrys doppelte Buchführung ein Buch der 60er-Jahre ist: Es steckt voller selbstreflektorischer kleiner Tricks und Tücken. Früh im Buch wird Christie von seiner Mutter eröffnet, sie sei "zwecks dieses Romans" nicht weiter notwendig, also verscheidet sie. Eine der Figuren unterbricht einmal ihren Redefluss, "damit sich das Auge des Lesers an einem Absatz inmitten einer ansonsten beängstigenden Letternmasse ausruhen kann." Dass Christies größter Coup ausgerechnet 20 000 Tote fordert, liegt daran, dass das "annähernd der Zahl von Wörtern entspricht, aus denen der Roman bis jetzt besteht." Und so weiter.

Und sonst? "Mehr Zeit war nicht. Das ist ein kurzer Roman." Ein einfacher Roman. Ein knapper, konstruierter Roman für alle Freunde von Flann O'Brien, Raymond Federman und anderen literarischen Trickstern und Taschenspielern. Kein Roman für Freunde epischer Breite, raunender Tiefe oder jenes simpelgemütlichen "es wird wieder erzählt", das sich als Literatur der Jetztzeit gebärdet. Christie Malrys doppelte Buchführung ist ein schalkisches kleines Meisterwerk der Literatur als Literatur und nun endlich auf Deutsch wieder lieferbar. (Vor zehn Jahren war es kurzzeitig im Fischer-Taschenbuch-Verlag im Programm.) Johnson heißt der Autor, B. S. Johnson: 1973 nahm er sich vierzigjährig das Leben. Die breite Leserschaft hat ihn abgeschrieben, wir verbuchen ihn dennoch auf der Habenseite.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0402 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Christie Malrys doppelte Buchführung von B.S.Johnson, 1989, Schneekluth/2002, Argon2.)

Christie Malryse doppelte Buchführung.
Roman von Bryan Stanley Johnson (1989, Schneekluth/2002, Argon - Übertragung Michael Walter, Vorwort Georg M. Oswald)
Besprechung von Michael Amon :

Hier versucht einer, die Genregrenzen des Romans zu sprengen. Witzigerweise gelingt ihm dies, indem er sich innerhalb der Grenzen bewegt, sie lustvoll und launig kommentiert, und so wird ein locker lesbares Buch daraus. Achtung: nicht Germanistik-Seminar-tauglich, da humorvoll, witzig und geistvoll. Wie man sieht: gute Literatur muß nicht schwerfällig und in unverständlichen Sätzen daherkommen. Schweißperlen auf den Stirnen der Leserschaft (verursacht durch die gebotene Anstrengung beim Studium "ernsthafter" deutschsprachiger Literatur) müssen also nicht sein. Leider sind die Werke dieses Autors fast ausschließlich antiquarisch zu haben. Dies ist der sechste Band der nicht mehr lieferbaren 7-bändigen Werkausgabe. Eine Schande, daß hier die Backlist nicht besser gepflegt wird. Der Autor beging 1973 Selbstmord und zählt für mich zu den bedeutendsten britischen Autoren der Gegenwart.

Weinempfehlung:
Charmes Chambertin Grand Cru 1996 von Louis Latour

Plattenempfehlung:
Fritz Ostermayer: Kitsch Concrète, Mego 2003, CD
(erhältlich bei http://www.mego.at)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Michael Amon.Literatur aus Österreich]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1104 LYRIKwelt © Michael Amon