Biografie über Agatha Christie von Laura ThompsonBiografie.
von Agatha Christie, (2010, Scherz, von Laura Thompson).
Besprechung von Peter Pisa und Lisa Schwarz im Kurier, Wien, 8.8.2010:

Agatha Christie: Morden hat sie gar nicht interessiert
Je berühmter sie wurde, desto weniger Geld floss: Eine neue Biografie der Krimiautorin, die lieber singen wollte.

Kann schon sein, dass ihr Geheimnis aus dem Jahr 1926, als sie für zehn Tage verschwand und ein Verbrechen vermutet wurde, mehr als 80 Jahre später immer noch von Interesse ist. Offiziell heißt es nach wie vor (ihr Enkel ist der Erbe, er betreut auch ihre Internet-Seite): Agatha Christie habe damals kurz das Gedächtnis verloren; und sie selbst redete nicht nur nicht darüber, sondern brach den Kontakt zu jenen Leuten ab, die es gewagt hatten, sie danach zu fragen. Nehmen wir's vorweg: In diesen Tagen tanzte sie angeblich wie in Trance und sang Sopran und spielte Billard.

Biografie über Agatha Christie von Laura Thompson, 2010, ScherzWie und warum?

Aber sind nicht die Notizen der berühmtesten Kriminalschriftstellerin der Welt, von deren Büchern mehr als zwei Milliarden verkauft wurden, spannender? So snobistisch Agatha Christie (1890-1976) war: Fürs Notieren war ihr alles recht, ein Schulheft ihrer Tochter, Einkaufslisten, Punktekarten beim Bridge...
Da steht dann zum Beispiel gleich hintereinander: "Wie wird umgebracht und warum?" Danach wurde von ihr der Psalm 23 aufgeschrieben, "der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen", denn sie war sehr gläubig - "Ich schließe mich meinem Schöpfer an", hat sie gesagt, bevor sie starb. Dann, auf dem selben Zettel, erwägt sie die Mordmöglichkeit mit dem Arzneimittel Pilocarpin. Und zuletzt pickt noch eine Zeitungsanzeige für ein Kleid im Paisley-Muster, Größe 4...

Am Donnerstag erscheint die Agatha-Christie-Biografie der englischen Journalistin Laura Thompson. Sie durfte in alle Schubladen schauen, in alle Koffer, Tagebücher. Agatha Christie hatte alles aufbewahrt, auch Speisepläne ihrer Mutter ("Freitagabend Seezunge, gebratene Taube"). Das Buch ist feine Detektivarbeit. Es nervt nur, wenn Thompson versucht, die von ihr Porträtierte zu einer der allergrößten Literatinnen überhaupt zu machen. Tiefe hatten die 66 Krimis ja wirklich nicht. Sie sind geometrische Rätsel, mit denen die Leser aufs Herrlichste getäuscht werden sollen.

Lieber Musik

Haupteinnahmequelle Hercule Poirot, mit Peter Ustinov verfilmt (Bild aus dem im ORF ausgestrahlten Film "Das Böse unter der Sonne".)Eine gute Fee wollte sie werden, als sie in einer viktorianischen Villa in der Grafschaft Devon aufwuchs. Die Kindheit roch nach Rosen und Tee. Zu schreiben begann sie, weil sie in der Musik scheiterte. Am Klavier war sie nicht gut, und ihr zarter Sopran reichte nicht für die Oper, dabei liebte sie Wagner so sehr.

Beim Spazieren durch den Garten entstand 1919 die Figur des belgischen Detektivs Hercule Poirot und ihr erster Roman, "Das fehlende Glied in der Kette", der zuerst in den USA veröffentlicht wurde. Die Tochter, die Agatha damals schon hatte, war ihr nicht besonders wichtig. Ihr Ehemann, Pilot Archie Christie, war es schon. Und ihre Mutter war überhaupt die größte Liebe. Möglich, dass sie an Selbstmord dachte, als die Mutter starb und Archie eine Freundin hatte.
Ihr Wagen stand vor einem Steinbruch, und sie war weg. Dass es sich um einen PR-Gag handelte, bestreitet ihre Biografin. Wollte Agatha Christie, dass Archie unter Verdacht gerät? Sorgen sollte er sich machen. Tausende suchten, Zeitungen hatten Schlagzeilen, und sie ließ es sich im Hotel gutgehen.

Im Loch

Die zweite Ehe mit dem Archäologen Max Mallowan funktionierte insofern, dass man einander Freund war. Agatha saß im Irak in Ausgrabungslöchern an einem Klapptisch und schrieb. Diese Frau konnte überall schreiben. Obwohl sie tüftelte und feilte, merkte ihre Umwelt kaum etwas von der Belastung ("Es ist ähnlich, wie eine Soße zu machen"). Das Morden interessierte sie dabei überhaupt nicht. Ängste hatte sie - beruflich - sehr gern. Und Misstrauen.
Je berühmter sie wurde, desto mehr zog sie sich zurück. In den Nahen Osten. In ihre Gärten, Badewannen. Und immer weniger Geld floss trotz hoher Produktion: 30 Jahre hatte die Britin Streit mit der Finanz. Das war nicht ihre Schuld.

Miss Marple

Amerika beschlagnahmte Geld, das ihr für Bücher und Zeitschriftenbeiträge zustand: Man stufte sie als US-Autorin ein. Und in London musste sie für das Geld, das sie nicht bekam, Steuern zahlen ...
Auch deshalb war Miss Marple wichtig. Ihren Hercule Poirot, den mochte sie. War ja ein g'scheiter Kerl. Und die Haupteinnahmequelle. Die alte Jungfer aber, die brauchte sie. 1930 tauchte Miss Marple erstmals auf. Agatha Christie war 40 und sah damals keineswegs aus wie Margaret Rutherford in den Filmen. Miss Marple erinnerte die Schriftstellerin an ihre Großmütter und damit an ihre Kindheit, als sich ihr Verstand frei bewegen durfte. Manchmal sah sich Agatha Christie auch abgeschnittene Blätter an, die noch immer in einer ihrer Schachteln liegen. Blätter der Bäume auf dem Friedhof, wo ihr Vater liegt.


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