Christa Wolf. Eine Biografie in Bildern und Texten.
Biografie von Christa Wolf (2004, Luchterhand, hrsg. von Peter Böthig).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue Zürcher Zeitung vom 17.04.2004:

Der Himmel macht zu
Christa Wolf, Zeitzeugin in eigener Sache

Im Oktober 1963 verfasst ein Kollektiv schreibender Arbeiter des VEB Waggonbau Halle-Ammendorf einen Brief. «Liebe Christa Wolf! Du warst in unserem Werk, wir freuen uns mit Dir über Deinen Erfolg und wünschen, dass Du noch viele gute Bücher für uns schreiben mögest. Es ist erstaunlich, wie Du die einzelnen Situationen erfasst, die Charaktere der Menschen gezeichnet hast. Wir finden das Leben in unserem Betrieb ungeschminkt wieder.» Viele Monate hatte die 34-jährige Schriftstellerin in den Produktionshallen Stoff für ihren ersten Roman gesammelt. Die Meldung von der geplanten Schliessung des Waggonwerks Ammendorf zum nächsten Herbst, pünktlich zu Christa Wolfs 75. Geburtstag verbreitet, und der damit verbundenen Vernichtung von fast achthundert Arbeitsplätzen scheint wohl eines jener Pandorageschenke zu sein, die hinter der Maske des Schicksals das verantwortungslose Handeln von Menschen verbergen.

Christa Wolf mag sich die Veränderungen nicht gewünscht haben, die sie einmal mehr in den Ruf der prophetischen Frau setzen, der Chronistin eines traurigen, dumpfen Landes und seines verdienten Untergangs. Aber so ist das eben. Wird die Meldung zur Realität, dann wird von diesem Halle-Ammendorf nichts bleiben als ein Roman: «Der geteilte Himmel», die Liebesgeschichte zwischen der Arbeiterin Rita Seidel und dem «Republikflüchtling» Manfred. Dieses Buch hat die Teilung Deutschlands in ein geradezu archetypisches Begriffsbild gefasst, unter dem sich West- wie Ostdeutsche über Jahrzehnte zur Klage über ihre Misere treffen konnten. In der glücklosen Wirtschaftsgeschichte Ostmitteldeutschlands nur ein Aperçu, schwebt das Ende dieses Industriestandorts mit seinen katastrophalen sozialen Folgen für die Region Halle/Leipzig als anything goes über den Büchern der Christa Wolf: Nichts bleibt, wie es geschrieben steht.

Am Nerv der Zeit

Briefe wie jenen aus Ammendorf bekam Christa Wolf oft. Mit ihren Büchern traf sie den Nerv der Zeit oft so punktgenau, dass sie mit Postbergen von Liebe überhäuft wurde. Das half, notorisches Misstrauen der sozialistischen «Machtorgane» auszuhalten. Darum hat sie das Land DDR, oder vielmehr ihre dortigen Leser, noch zurückgeliebt, als die Mehrzahl von ihnen bereits kollektiv Koffer packte. Auch davon berichtet eine schlichte Bildbiografie, die der Leiter des Rheinsberger Tucholsky-Museums, Peter Böthig, zusammengestellt hat. Die Schwarzweissfotos zeigen Christa Wolf bei privaten und öffentlichen Anlässen, aber fast immer mit anderen zusammen. Berühmte und Namenlose. Eltern, Kinder, Enkel, Freunde, der Gefährte Gerhard Wolf, Schriftstellerkollegen. Das Altern spielt sich in diesem ruhigen Gesicht als fliessendes Miteinandersein ab und verliert so unversehens seine Härte. Aus der schönen ernsten jungen Frau wird die hochkonzentrierte Zuhörerin, deren lebhafte Neugier auf Menschen und Lebensläufe ihr über den Schwund der Utopien von einer authentischen sozialistischen Menschengemeinschaft hinweghalf.

Mit Zitaten aus Briefen, Reden, Gesprächen, handschriftlichen Faksimiles legt Böthig den roten Faden von Denken, Schreiben und Leben durch die Fotoserien, um die Kohärenz darzustellen, um die es ihr immer ging, nämlich: «Die schwierige Balance zu finden zwischen der Einsamkeit der Selbstauseinandersetzung und dem Lebenselixier der Kommunikation. Diese Art Spannungen bilden dann, wenn der Balanceakt gelingt, unausgesprochen das Skelett der Prosa, ohne das sie, wie brisant ihr ‹Thema› sonst scheinen mag, einfach zusammensacken würde. Äussere Spannung ist bei mir ja nicht so viel zu finden . . .» Das Buch macht diese Balance, mit der zugleich das innere Erzählprinzip benannt ist, gut nachvollziehbar. Dabei wäre es in dem Vorwort keineswegs nötig gewesen, die spürbare Bewunderung hinter dem distanzierend-spöttischen Begriff des «Christa-Wolf-Sounds» zu verbergen; ein überflüssiges Zugeständnis an die jüngere westdeutsche Rezeptionsgeschichte. - Neben dem literarischen Werk wuchs mit den Jahren und zahlreichen Reisen ein Netz von Freundschaften über die ganze Welt, dessen Briefzeugnisse grösstenteils noch im Vorlass der Berliner Akademie der Künste verschlossen sind. Das Porträt der Schriftstellerin als Gruppenbild: In dieser Konstellation erschien soeben ein zweites Buch, als sinnvolle Ergänzung der Fotochronik, Christa Wolfs Briefwechsel mit der Londoner Psychotherapeutin Charlotte Wolff in den Jahren 1983 bis 1986. Die deutsche Jüdin Charlotte Wolff war 1933 aus Berlin geflüchtet, nach Philosophiestudium in Freiburg bei Husserl und Heidegger, medizinischer Approbation und einer erfolgreichen Laufbahn in der Berliner Schwangerenfürsorge. In Paris fand sie Zugang zu den surrealistischen Kreisen von Saint-Germain. Kurz vor dem Krieg liess sie sich als Ärztin in London nieder und widmete sich fortan ihren Studien der Handphysiognomie.

Am 1. Dezember 1984, fast anderthalb Jahre nach Beginn des Briefwechsels, mittlerweile sind beide beim Du angekommen, schreibt Charlotte Wolff an Christa Wolf: «Ich fühle denselben Willen zum Absoluten in Dir wie in mir . . . Das heisst - wir sprechen zueinander, ohne je zu ‹übersetzen›. Das ist das Seltenste zwischen Menschen, was ich in meinem Leben erfahren habe.» Die Studien zur Bisexualität, ihre Theorie der Homoemotionalität als Grundform gewaltfreier gesellschaftlicher Kommunikation trafen sich partiell mit Themen Christa Wolfs. Deren Archäologie des weiblichen Wissens im damals gerade erschienenen Kassandra-Projekt und ein erster zaghafter Ansatz feministischer Literatur in der DDR hatten dieselben Quellen in einer letztlich auf politische und soziale Veränderung zielenden weiblichen Rationalität, die sich den Zeichen einer anderen, poetisch-symbolischen Realität dennoch nicht verschliessen wollte.

«Meine jüdischen Freunde»

«Ja, unsere Kreise berühren sich» ist diese Briefsammlung betitelt. Dass die beiden Frauen über den Altersunterschied von mehr als dreissig Jahren hinweg nicht nur die Empfindung einer Seelenverwandtschaft teilten, sondern sich in einem grösseren europäischen Geistes- und Geschichtszusammenhang wussten, war beiden sehr bald klar. Diese siebenundsechzig Briefe sind sozusagen die historische Schnittstelle zwischen der Westberliner Feministinnenszene und der Frauenliteratur in der DDR, zwischen dem lesbischen Berlin der 1920er Jahre und der literarischen und künstlerischen Emigration aus Nazideutschland. Einige dieser Emigranten waren enge Freunde der Schriftstellerin. «Meine jüdischen Freunde» nannte sie Christa Wolf in der vor einem Jahr erschienenen Chronik «Ein Tag im Jahr» und notierte unter dem 27. September 1984: «Gibt es da nicht einen Auftrag - ehe sie sterben?» Charlotte Wolff starb im September 1986.

Aufträge, Pflichten, Engagement sah Christa Wolf übergenug für sich, die «leidenschaftlich Beteiligte»; in der atomaren Aufrüstung, im Umweltschutz, in der psychosomatischen Medizin, in der Bürgerbewegung. Diese Grossmeisterin der Empathie stemmt sich mit aller Kraft gegen die Gegenkräfte des Schreibens: Vergessen. Verlust von Mitmenschlichkeit. Aber auch die Selbsthistorisierung, in der wir Christa Wolf gegenwärtig erleben, kann nicht verhindern, dass die Haltepunkte der Erinnerung immer weniger, die literarischen Orte mehr werden. So ist das eben.

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