Chicago May. Die Königin der Gangster von Nuala O'Faolain, 2006, ClaassenChicago May. Die Königin der Gangster.
Eine Biografie von Nuala O'Faolain (2006, Claassen - Übertragung
Karen Nölle-Fischer).
Besprechung von Marcel Malter aus der NRZ vom 21.03.2007:

Die schöne Welt der Gesetzlosen
Nuala O'Faolain spürt die Realität im Leben von Gangsterkönigen Chicago May auf.

Chicago in den 1890ern: "May führt den Mann, den sie aufgegabelt hat, durch ein lautes Gewirr von bimmelnden Straßenbahnen, vorbei an ausweichenden Gäulen, Gemüsehökern, Einkaufsbuden, Hausierern, Geschäftsleuten, die vor ihr Büro treten, um eine Zigarre zu rauchen, und Frauen wie sie selbst, mit breiten Hüten und schmalen Taillen über glockig schwingenden Röcken. Sie allen sind umweht vom Gestank der Viehhöfe, der verkoteten Gossen, der Abgase von heißen Motoren." Chicago May bringt ihren Freier in ein Stundenhotel. Sie lenkt ihn ab, eine Komplizin schnappt sich seine Wertsachen. Bevor der Mann überhaupt merkt, was geschehen ist, sind die leichten Mädchen längst weg. So verdient May ihr Geld - viel Geld. Sie hat diesen Weg selbst gewählt, als sie die Ersparnisse ihre Familie stahl und aus Irland ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten floh. Sie nutzte die Möglichkeiten, um das ländlich-keusche Leben gegen ein ungeordnetes, kriminelles Dasein zu tauschen. Hätte sie anders entschieden, wäre ihr vieles erspart geblieben - aber wir hätten auch auf die spannende Biographie "Chicago May. Die Königin der Gangster" verzichten müssen. Die irische Autorin Nuala O'Faolain (62), die sich mit ihrer Autobiographie und ihrem Roman "Ein alter Traum von Liebe" internationale Bekanntheit erschrieben hat, haucht in ihrem Buch den Ereignissen rund um Chicago May das nötige Leben ein. Die 1928 erschienenen Erinnerungen der Gangsterkönigin, "Chicago May, Her Story", bestehen nur aus Handlung, entbehren jeder Reflexion. So liegt es an O'Faolain, die Persönlichkeit Mays zu ergründen und ihre geschönten Erzählungen der Realität anzupassen. Die Autorin wandelt auf Mays Spuren, versucht, sich in deren Emotionen einzufühlen und entwickelt bei diesem Rekonstruktions-Versuch, eine tiefe Bindung zur Protagonistin.

Charme und Gewalt

Spannend und zugleich erhellend erzählt sie von einer Frau, die sich durch den Einsatz von Charme und Schönheit in einer Welt der Gesetzlosigkeit behauptet. O'Faolain Sicht ist dabei nicht romantisch-verklärt, sondern kritisch und analytisch. Sie beleuchtet Mays ausgeprägte Gewaltbereitschaft, ihren Snobismus, ihre Naivität aus heutiger Sicht und zugleich im Kontext der damaligen Zeit. Es entsteht das Bild einer Frau, die, obwohl sie für sich selbst sorgen kann, sich immer wieder in emotionale Abhängigkeit zu Männern begibt. Ihr Bemühen, diesen Herren nach einem unausgesprochenen Kodex zur Seite zu stehen, führt zum sozialen und emotionalen Abstieg. Warum May die vielen Möglichkeiten, den Schmerzen ihres Lebenswandels aus dem Weg zu gehen, nicht nutzt, bleibt im Dunkeln. Aber genau dieses Rätsel macht das Leben von Chicago May so interessant. (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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