Celebration.
Texte und Bilder zur Nacht von Rainald Goetz (1999, Suhrkamp).
Besprechung von
Christian Schachinger aus Der Standard, Wien vom 26.2.1999:

DA MUSS MAN DARÜBER REDEN

Mit Mitte Dreißig entdeckte Rainald Goetz, daß Tanzen und Nachtleben und alles was dazugehört, feine Sachen sind, mit denen man gut leben kann. Seitdem sind im Technoland auch schon wieder zehn Jahre vergangen - und Goetz ist immer noch dabei.

Möglicherweise handelt es sich bei dem fälschlicherweise genau wie Kollege Thomas Meinecke immer wieder als "Pop-Autor" diffamierten Schriftsteller, der sich am Anfang von früher einmal beim Klagenfurter Wettlesen "skandalträchtig" die Stirn aufschnitt, eventuell handelt es sich bei Goetz also um den ältesten Raver der Welt.

Daß er allein im Vorjahr neben all dem Leben in der Nacht auch noch den, sagen wir einmal, ausgezeichneten, ähm, grenzphilosophischen "Techno"-Roman Rave und das Stück Jeff Koons veröffentlichte und an der Frankfurter Universität unter dem Titel Praxis Poetikvorlesungen hielt, zeugt jedenfalls davon, daß hier jemand die Party sehr ernst nimmt.

Ganz abgesehen von seinem einzigartigen Internet-Tagebuch Abfall für alle, in dem er sein Leben und seine aus Clubs, Zeitungslektüre, Fernsehen, Literatur und Philosophie gezogenen Ansichten ziemlich sehr öffentlich machte. Und sie auf hohem Niveau reflektiert.

Bei der vorliegenden Textsammlung handelt es sich um Interviews und Betrachtungen aus dem Nachtleben und der Kunstszene der vergangenen fünf Jahre. Darunter auch der höchst umstrittene Text Loveparade, den er 1997 für das Zeit-Magazin fertigte.

Darin und in der anschließenden Debatte Praktische Politik in der Zeitschrift Texte zur Kunst behauptet Goetz, Techno sei eine Massenkultur und habe mehr gegen den Rassismus ausgerichtet, als sämtliche Versuche, diesem Phänomen demokratiepolitisch oder gar linksintellektuell beizukommen. Beispielsweise mit den Aktionen des legendären Wohlfahrtsausschusses.

Feuer am Dach

Daß Techno eben keine Massenkultur ist, was ja auch wiederum egal wäre, solange alle Beteiligten daran Spaß haben, steht auf einem anderen Blatt. Seine Sichtweise von Techno hat zumindest in Deutschland für Feuer auf dem Dach der politisch-engagierten Pop-Intellektuellen gesorgt.

Dank moderner Technologie definiert Goetz Techno als ,,rein geistig gemachte Musik, hergestellt nur für den Körper". Diesen Körper liest er dann als Kollektiv, in dem der Einzelne beim Rave aufgeht und das Individuelle sich glückselig lächelnd hin zur Masse verabschiedet. "Masse" ist in Deutschland aber ein böses Wort. Da muß man darüber reden. Viel, viel reden. Das ist lustig.

Ernsthaft: Da es sich bei Techno laut neuestem Forschungsstand zwar nicht um einen lange Zeit als "inhaltslos" gelesenen Stil handelt, aber zumindest um einen, der nicht nur den "Terror der Tonalität" beendigte, sondern mit der Abschaffung der Gesangstexte jedwedes "auktoriale Erzählen" abschaffte, diesem einer sprachlichen Sprachlosigkeit nahekommenden Zustand ist Rainald Goetz so nahegekommen wie niemand zuvor. Mit dem Mittel der Sprache.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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