Celan trifft H. und C. in Todtnauberg von Boško Tomaševic, 2005, Das ArsenalCelan trifft H. und C. in Todtnauberg.
Gedichte von Boško Tomaševic (2005, Verlag Das Arsenal - Übertragung Helmut Weinberger).
Besprechung von Jelena Dabic aus Rezensionen-online *
Brenner Archiv / Literaturhaus am Inn*, 2006:

Inwieweit lassen sich Lyrik und Philosophie vereinen?

Der 2005 erschienene Gedichtband des serbischstämmigen Philosophiedozenten und Lyrikers Tomaševi? weist schon durch seinen programmatischen Titel sehr genau auf seinen thematischen Schwerpunkt hin: "Celan trifft H. und C. in Todtnauberg". Mit H. ist zum einen Heidegger gemeint, der in Todtnauberg im Schwarzwald seine Hütte stehen hatte, als Denk- und Rückzugsort gewissermaßen; zum anderen aber auch Hölderlin, zumal dessen Bildnis als Profil-Porträt aus dem Jahr 1823 den graphisch sehr stillvoll gestalteten Umschlag ziert. Das originelle Layout (inklusive kleiner Vignetten aus derselben Zeit mit einer Darstellung Hyperions) fällt auch im Buchinneren angenehm auf, sieht man einmal von dem allzu verspielten Umgang mit Schriftgraden und -arten ab: eine einfache kursive Hervorhebung einzelner Wörter hätte es auch getan. C. wiederum, der zweite, den Celan in der Heideggerschen Idylle trifft, ist René Char, französischer Dichter in der Tradition des Surrealismus und langjähriger Freund Heideggers (bis zu seinem Bruch mit ihm aufgrund von Heideggers NS-Vergangenheit). Chars Gedichte wurden im Übrigen von Celan (und auch von Handke) ins Deutsche übertragen.

Die Gedichte dieses philosophisch-lyrischen Bandes, in fünf Kapitel unterteilt, kreisen alle um die Fragen des Seins, des Denkens und des Schreibens. Das Sein - als Hauptelement des Heideggerschen Werks - findet sowohl direkt als auch indirekt eine häufige Erwähnung in den Texten: "Dasselbe Schöne / übertragbares Abendfeld, / welches das Sein / bis zum Morgengrauen / aufschiebt" oder "Nicht Sein der eigene Teilhaber / des Seins, heuerntezeitig". (Letzteres auch ein schönes Beispiel der meisterhaften Übersetzung durch den Innsbrucker Slawisten Helmut Weinberger!) Weiters scheint auch der Gesang - als metaphorische Umschreibung des Dichterwortes - auffällig oft als Schlüsselbegriff auf. Das Denken - ebenfalls wörtlich verwendet oder umschrieben - und die Schrift, die verewigte Sprache, bilden weitere Kerne dieser an Metaphern reichen Lyrik: "Und manches muss / im Denken / dorngleich / erklärt werden", "So wird der Hammer / zerteilt / vor der Schrift", "über alle Allegorien der Schrift hinweg", "einen angestammten Gesichtskreis des Denkens". An einer Stelle heißt es wörtlich: "So treffen das Denken des Dichtens und das Dichten des / Denkens / zusammen". Ja selbst der konkrete Akt des Lesens findet sich in diesen sich großteils im Abstrakten bewegenden Gedichten: "dort unten / von einem, der liest", "die Schrift der Gier / des Lesbaren" oder "Unter wilderndem Stern liest dich Jabès". Interessanterweise kommt auch den Anfängen eine besondere Bedeutung zu, so etwa im einzigen Text, der erotische Thematik wenigstens berührt: "noch eine / Steigerung / für noch einen / ungekannten / Anfang". Auch vom "leichte[n] tödliche[n] Anfang" ist die Rede; an einer anderen Stelle wird die Sehnsucht nach einem neuen Anfang deutlich: "einen völlig neuen Anfang ausbreitend, / eine völlig verhaltene Herausforderung". Weitere thematische Punkte der Gedichte sind der Glaube und die Präsenz Gottes. Das lyrische Ich spricht mehrmals zu Gott. "Dies ist Dualität mein Gott", "Schöngestalt / bedeckt Gott / die Hütte", "Ist das meine Sprache? Mein Gott?". Woanders heißt es wiederum: "Gott gibt es hier nicht". Gleichzeitig liefern Motive und Symbole des christlichen wie jüdischen Glaubens - direkt oder nur angedeutet - weitere Elemente der Metaphorik: "in der ruhigen Teilbarkeit / der Tora": "die Fahrt zum Kreuz und / zurück", "kalt, dornig der Gebirgskamm", "Teilung des Wassers".

Zu einem großen Teil handelt es sich hier aber auch um poetologische Gedichte. Das Schreiben, die Übertragung der Gedanken in die lyrische Form und nicht zuletzt die (problematische) Dichterexistenz sind weitere Themen des Bandes. Gelegentlich zeigt sich der aus den Texten sprechende Dichter (und Denker) optimistisch: "Deine Zukunft existiert. / Abends lesen dich […]" - wobei mit dem "Du" genau genommen sowohl Celan, als auch Heidegger oder Char gemeint sein können. Ähnlich zuversichtlich auch die Zeilen "Erneut, entschwunden, verlässt sich die Sache auf dich" oder "Morgen ist meine Zeit, / mein Tag". Manchmal erscheint der Dichter sogar gottgleich, als Demiurg: "Die Welt ist gefertigt von meiner Hand"; gleichermaßen kommt aber auch das Leidvolle des Dichterlebens zum Ausdruck. Tomaševi? findet dafür treffende Bilder und Formulierungen wie "wir - Reisende ohne Schatten" oder "Jenes Verletzte wegen des Nichtschreibens, nicht meines". Eingebettet ist dieser ganze gedankliche Apparat in eine zeitlose, stellenweise archaisch und mystisch anmutende Natur, die in ihrer Abgeschiedenheit etwa an die Natur eines Johannes Bobrowski erinnert: "geneigt auf längst vergangene Ruder des Flusses", "die Feuerstelle ganz zurück bis zu den Dingen", "neben den Netzen der Quellen". Städtische Landschaften und Bilder modernen Lebens fehlen vollkommen; nur an einer Stelle findet so etwas wie Alltag seinen Weg ins Gedicht: "Das Anstehen, Herr, in der Schlange der Zeit". Ein paar Zeilen weiter spricht das Subjekt von der (vielfach mühsamen) "Abgeschiedenheit des Daseins in der Fremde". Es ist der einzige Text, in den der Autor auch autobiographische Momente einfließen lässt.

Eine rhythmische Unterteilung ist den Texten nicht eigen, nur da und dort findet sich eine Anapher. Ein prosaähnlicher Sprechduktus bestimmt den ganzen Band. Es ist möglich, dass die Gedichte dadurch besonders elegisch wirken. Tomaševi?s wichtigstes Verfahren ist hier zweifellos die Metapher, allen voran die Genitivmetapher. Viele dieser Sprachbilder stehen in Celanscher Tradition, was sie auf den ersten Blick sehr hermetisch erscheinen lässt. Der Sinn hinter den Texten will eben erst entdeckt werden, hinter versteckten Anspielungen, leicht zu übersehenden Hinweisen und etlichen Zitaten. Man könnte sagen, dass die Gedichte - nachdem es in erster Linie doch literarische (und keine wissenschaftlichen) Texte sind - allzu sehr mit akademischem Wissen überfrachtet sind. Wirklich erreichen kann solche Lyrik nur einigermaßen eingeweihte Leser. Hat man aber die Chiffren erst einmal entschlüsselt, entfalten diese Gedichte eine unerwartet suggestive Kraft, die noch lange nachwirkt. Ein beachtliches ästhetisches Erlebnis, zweifellos, aber erst nach mehrmaliger, genauer Lektüre.

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