Celans Kreidestern, Ein Bericht (2010, Suhrkamp)Celans Kreidestern.
Ein Bericht von Brigitta Eisenreich (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Beatrice von Matt aus Neue Zürcher Zeitung vom 22.05.2010:

Paul Celans verborgene Geliebte
Im Zeichen des Kreidesterns – Brigitta Eisenreichs Bericht aus einer Zwischenwelt

Von dieser grossen Liebe Paul Celans hat bis heute kaum jemand gewusst. Die Beziehung zwischen ihm und Brigitta Eisenreich dauerte knapp zehn Jahre, von 1952 bis 1962. Es war die Frau, die er seine «Freiheit» nannte. Sie schrieb selbst Gedichte und suchte dabei kräftige Wörter wie «Drusen» und «Dolmen», «Wurfholz» und «Windbruch». Als Ethnologin hatte sie eine Sicht auf die Dinge, welche nicht von der konservativen Bürgerlichkeit jenes Jahrzehnts diktiert war. Um einer solchen zu entrinnen, war sie 1951, mit 23 Jahren, aus Enns und Linz nach Paris aufgebrochen. Dort lebt und wirkt sie bis heute. Zuerst als Studentin und Au-pair-Mädchen, dann als Wissenschafterin, unter anderem an der Ecole des hautes études en sciences sociales. Wenn sie publizierte, tat sie das unter dem Namen Britta Rupp-Eisenreich. 1963 hat sie einen Landsmann geheiratet.

Sie ist die Schwester des bekannten Schriftstellers Herbert Eisenreich (1925–1986), der im Sommer 1952 in Paris zu Besuch weilte und ihr seinen Freund Celan vorstellte. «Mir war, als sei in seiner Gegenwart die Fremde weniger fremd», schreibt sie über jene erste Begegnung. Das muss ihm, der seit 1948 in einem Hotel im Quartier Latin lebte, gleich gegangen sein. Beider Deutsch hatte die vertraute osteuropäische Melodie. Den Osten trug er immer mit im französischen Westen. Sie, eine Leserin seit langem, erkannte den Dichter in dem Mann, der ihr und ihrem Bruder eine Sommernacht lang das «geheimnisvolle Paris» zeigte. Die Autos rollten damals noch spärlich, und die Fassaden waren schwarz. Sie erkannte aber auch den Verführer mit seinem «Repertorium an Zauberkünsten». Sie habe langes rotblondes Haar gehabt und in jener Nacht ein grünes Kleid getragen, «das im Wind flatterte, als Celan mir die Hand reichte, um die Stufen vom Quai hinaufzusteigen». Er kam ihr von da an «überaus liebenswert» vor. Mit Schilderungen ihrer Gefühle geht sie im Übrigen in den jetzt, nach fast sechzig Jahren, erschienenen Erinnerungen höchst sparsam um.

Nur hochbegabte Frauen

Sie wollte diese Liebesgeschichte auch gar nie aufschreiben. Erst die Tatsache, dass mit Celans Nachlass Briefe und Gedichte von ihr ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach und also an die Öffentlichkeit gelangt waren, brachte sie dazu. Unterstützt wurde sie von Bertrand Badiou, dem ausgewiesenen Celan-Herausgeber, und von Celans Sohn Eric. Die Celan-Biografien werden umgeschrieben werden müssen: wegen einer aussergewöhnlichen Partnerin. Celan scheint nur mit hochbegabten Frauen Umgang gepflegt zu haben.

Als Celan ihr etwas später die Künstlerin Gisèle de Lestrange als seine Verlobte vorstellte, gab sie ihre Freundschaft mit ihm vorerst auf. Doch es kam anders. Nach dem Tod seines ersten Sohnes, ein paar Stunden nach der Geburt, soll er auf der Strasse unter ihrem Dachzimmer eine Schubert-Melodie gepfiffen haben. Sie öffnete. Es begann eine sinnliche Leidenschaft und eine des geistigen Austauschs. Das Wort Liebe allerdings hätten sie immer vermieden. Das geschah, meint Brigitta Eisenreich, wegen Celans besonderer Treue zu seiner verehrten und geliebten Frau. Wer sein Werk kennt, vermag eine solche Vermutung sogar anzunehmen. Eisenreich deutet das Schwellenmotiv im Band «Von Schwelle zu Schwelle» als ein Überschreiten von Eingängen verschiedener Wohnstätten, nicht zuletzt von Frauen. In ebenjenen Jahren wachte auch Celans gequältes Verhältnis mit Ingeborg Bachmann wieder auf, das 1959 endgültig abgebrochen wurde.

Der Bericht «Celans Kreidestern» – gemischt aus Erinnerungen und zerstreuten Dokumenten, Notizen, Widmungen – ist ein Muster von Zurückhaltung und Subtilität. War es so? war es anders?, wird ständig überlegt. Die nüchternen Sätze tun eine anrührende Vorsicht kund. Im Umgang mit dem schwierigen Freund war eine solche sicher geboten; sie prägte die Beziehung. Zeichen traten an die Stelle expliziter Erklärungen: Wenn sie zu Hause war, hängte sie ein weisses Tuch ans Fenster, und wenn er vergeblich anklopfte, malte er einen Kreidestern auf die Tafel an der Tür. Fährten im Grossstadtdschungel: Einer Urgeschichtlerin muss das gefallen haben. Nicht immer vielleicht. Zumindest endet ein Kapitel mit der Frage: «Er war der Vielgeliebte, daran ist nicht zu zweifeln; er aber, mit dem Traum von <Freiheit> und <Wahrheit> im Herzen, war er der jeweils ganz und immer wieder Liebende?»Fast kommentarlos erzählt Brigitta Eisenreich die Geschichte einer Abtreibung im Januar 1956: Allein bestieg sie den Zug nach Hannover und dann ein Flugzeug nach Berlin, wo der Eingriff – damals noch strafbar – vorgenommen wurde. Celan kam dafür auf, indem er sich, wie er ihr sagte, «als Übersetzer im Internationalen Arbeitsbüro in Genf» verdingte. Allein reist sie nach Paris zurück. Erst nach seiner Rückkehr im Mai sehen sich die beiden wieder.

Sie beginnt, wie schon früher als Kind, Gedichte zu schreiben, und tut es jetzt ganz aus der Celan-Welt heraus. Die Verse, die, zusammen mit einigen Übersetzungen, in dem Band über 15 Seiten hinweg abgedruckt sind, wirken in keiner Zeile dilettantisch. Es eignet ihnen eine starke Präsenz. Eisenreich verwendet gerne alte oder seltene Wörter, holt sie etwa aus dem «Reallexikon der Vorgeschichte». Ihr konkreter Sinn für archaische Ausdrücke muss Celan gefallen haben. Einige übernahm er in die Bände «Sprachgitter» und «Die Niemandsrose». Doch Brigitta Eisenreich beeilt sich zu betonen, dass in ihrer beider Schreiben gewisse «Korrespondenzen», nie aber ein «Zwiegespräch» bestanden haben. Ihre eigenen Versuche hätten sich in Celans Dichtung gespiegelt und keinesfalls umgekehrt. Da hat sie gewiss recht. Trotzdem: Ein bloss imitatives Kunstgebaren war das nicht. Auch sie war vom Glauben an die Sprache beherrscht. Wie für ihn stellte Sprache für sie die Verbindung zur Wirklichkeit und zu deren Verletzungen her. Und auch sie hatte eine Jugend im Krieg hinter sich, wenn auch eine ganz andere. Immerhin eine gefährdete im katholischen Widerstand.

Gemeinsame Übersetzungen

Eine Brücke auch zu älteren Dichtern zu suchen, daran war Paul Celan seit je gelegen. Er übersetzte – jetzt gelegentlich auch gemeinsam mit ihr – Mandelstam, sie sprachen über Rimbaud und Valéry, Shakespeare und die metaphysical poets , über Emily Dickinson. Celan interessiert sich angelegentlich für Kinderreime und alte Lieder, die ihnen beiden von früher geläufig waren. So erscheint es nicht abwegig, dass er mit der Zeit ein Leben zu dritt erwägt. Brigitta und Gisèle Celan-Lestrange sollten «Schwestern» werden, ein Ansinnen, das beide ablehnten.

1960 begann das Unheil, an dem Celan schliesslich sterben sollte: Die monströsen Plagiatsvorwürfe Claire Golls wurden öffentlich. Immer heftiger versicherte er sich jetzt seines Judentums. Es wurde für ihn das Andere, das Eigene, Territorium gegen die Feinde mit ihrer Nazivergangenheit, die ihm und seiner Poesie nach dem Leben trachteten. Seine Frau, die aus dem französischen Hochadel stammt, redet er in Briefen als «meine Jüdin» an, Brigitta sollte «verjuden», wie er sich ausdrückte. Auch wenn sie darauf einging, zusammen mit ihm Martin Buber studierte und jüdische Mystik, empfand sie die Aufforderung dann doch «als etwas Trennendes, als etwas Schuld-Zuweisendes, als etwas mich Verstossendes». Eine zu eindeutige Festlegung wohl für sie, die sich in ihrer Beziehung zu ihm in einer «heimlichen Zwischenwelt» gesehen hatte, in dem ihr Deutsch ihm «als Sprachbrücke» diente.

1962 kam es zur Trennung. Auch wenn sich seine Frau weiterhin selbstlos und liebevoll um ihn kümmerte, scheiterte in jenen Jahren auch Celans Ehe und zerbrachen die meisten seiner Freundschaften.

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