Catwalk von Dirk Wittenborn, 2004, DuMontCatwalk.
Roman von Dirk Wittenborn (2004, DuMont - Übertragung Volker Oldenburg).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 27.08.2004:

Dünn, nervös und...
Dirk Wittenborn ist wieder da - mit dem frühen Laufsteg-Roman "Catwalk".

Dirk Wittenborn ist einer, der überlebt hat. Damals nach dem Ende von Kennedy und vor dem Ende von Vietnam. Nixon hatte Probleme mit den Rassen, mit wachsender Armut und mit der Einhaltung seiner Wahlversprechen. Das waren nicht die Probleme Wittenborns, der in bonbonfarbenen Anzügen durch die Szene von Manhattan irrlichterte, seit er vor dem Wohlstand Portvilles weggelaufen war, wo er seit seiner Geburt 1952 viel von der Sattheit der Welt begriffen hat. Das Leben ist nur dann eine Party, wenn man mittendrin ist. Wittenborn war es, kokste, soff, hatte Frauen und Bret Easton Ellis an der Seite. Er lebte Glamour, Schönsein, Ekstase und die paradiesische Kunst des Geldhabens. Er hatte Erfolg mit Drehbüchern für Seifenopern und zwei Romanen, die hingeschnodderte Erfahrungsberichte waren. Dann machte das Herz nicht mehr mit. Dann begann nach einer Operation das zweite Leben des Dirk Wittenborn an der Seite eines deutschen Ex-Models. "Born Rich" hieß ein erfolgreicher Dokumentarfilm. "Unter Wilden", der Roman - auch zum Thema Geld - wird gerade mit Donald Sutherland verfilmt. Grund genug, den goldenen Topf am Köcheln zu halten, und einziger Grund, sein zweites Buch von 1983 jetzt erstmals auf Deutsch herauszubringen. Es ist ein überdrehter Roman, aus einer Zeit, deren Geist uns heute hinlänglich bekannt ist, weil uns oft und meistens besser davon erzählt wurde. Koks war noch chic und machte nicht abhängig, Sex war noch keine tödliche Gefahr, mit Geschäften konnte man noch reich werden und der Rest war sowieso egal. Also wollte Mary Ellen Burney nur weg aus Texas. Mick Jagger war anderswo und da musste sie hin nach ihrem 18. Geburtstag. Und weil das alles ein modernes Märchen ist, wird man sie drei Jahre später in seiner Limousine verschwinden gesehen haben. Bis dahin hatte die dünne, nervöse und irgendwie hübsche Tochter eines Hilfsbestatters aus der Provinz eine Bilderbuchkarriere gemacht, weil gerade die Modezeitschriften zu den Bilderbüchern der Frau wurden, Fotografen zu den Ikonenmalern der neuen Zeit und Models zu einer hoch bezahlten Spezies, die den Barbie-Traum ins Leben verlängern sollte. Männer gibt es viele vor, während und nachdem Mary, die sich nach einer Badezimmerseife jetzt Zoé nennt, immer bereit ist und auf dem Laufsteg amerikanische Saisonträume inkarniert: kriminelle, impotente, schwule, geile, finstere, saufende, angeschossene, verschwundene, erregte, sich umdrehende und sich nicht umdrehende. Schön sind sie alle, weil sie Geld haben. Bremsen quietschen, Tränen fließen und alles ist irgendwie Accessoire. Gegen das Ende hin will ein Drehbuchautor wie Wittenborn was mit Kunst machen, bevor er sich dann doch für die 26-teilige Sitcom bei CBS entscheidet. Dieser frühe Roman ist ein unfreiwillig komisches Dokument. Er redet vom Haute Couture-Milieu und kommt von der Stange. Er liest sich weg wie die Boulevardzeitung und ist ungefähr so nötig wie Werbepausen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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