Catull von Niklas Herzberg, Beck, 2002Catull - Der Dichter und sein erotisches Werk.
Roman über Caius Valerius Catullus (2002, Beck, hrsg. von Niklas Herzberg).
Besprechung von Hildegard Lorenz aus der Münchner Merkur, 19.4.2002:

Der Mann aus Verona
Amüsante Sicht auf Catull und sein erotisches Werk

"Gut essen wirst Du, mein Fabullus, bei mir, falls die Götter Dir gnädig sind, in wenigen Tagen, wenn Du mit Dir bringst ein gutes und reiches Essen. . . denn Deines Catulls Geldbeutel ist voll von Spinnweben. . ."

Das dichtete Caius Valerius Catullus - ein Zeitgenosse Cäsars - nicht ohne Witz für seinen Freund. Catull begann mit griechischen Vorbildern und rang seiner erdigen und klobigen Muttersprache Latein jene Geschmeidigkeit und Eleganz ab, die er am Griechischen so bewunderte. Er gehörte zu den "modernen", den "zornigen jungen Männern Roms", die ihre Gefühle nicht hinter Mythen und Sagen versteckten, sondern in wunderbar biegsamen Versen direkt an den Mann - und an die Frau - brachten, die aber auch Anstoß nahmen an den politischen Zuständen, an Korruption und Sittenlosigkeit (nur bei den anderen, bei sich und ihren Freunden nie) und in bösen Gedichten die politischen und persönlichen Gegner verunglimpften und anprangerten, die eigenen Freunde dagegen in den Himmel hoben. So lautete zumindest bisher die Schulmeinung.

Über Catulls Leben ist sehr wenig überliefert. Was lag für die Philologen also näher, als aus seinem schmalen Gesamtwerk (im Ganzen 116 Gedichte) einen kompletten Lebenslauf herauszuzaubern und in den hübschen, so zurecht gestrickten Roman wiederum bequem alle Verse zu integrieren? Niklas Holzberg - seines Zeichens Professor für lateinische Philologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität - distanziert sich von diesen hermeneutisch-biografistischen Verfahrensweisen, indem er in seiner ersten modernen, deutschsprachigen, für ein breiteres Publikum gedachten Gesamtdarstellung über Catull sehr genau zwischen dem Sprecher der Gedichte und dem Autor unterscheidet. Den Sprecher nennt Holzberg das "poetische Ich" oder die "persona" (Maske) des Autors.

Über die Vita des realen Dichters kann Holzberg nicht viel sagen: "Catull wurde in Verona geboren, verfasste eine Gedichtsammlung, die einen Aufenthalt in Rom sowie die Bekanntschaft mit führenden Persönlichkeiten der Stadt voraussetzt, und, soweit sie Zeitbezüge enthält, als jüngsten Terminus post quem das Jahr 55 v. Chr. zu bieten hat." Da diese lapidaren Angaben der bisherigen Forschung bei weitem nicht gereicht haben, rekonstruiert Holzberg anhand eines eher amüsanten Literaturberichts mit Genuss das Märlein vom im sittenlosen Rom verdorbenen sittenreinen Jüngling und vermittelt dann eine sehr eigenwillige neue Interpretation des Werkes.

Er erklärt zunächst die erotischen Normen und Werte der römischen Gesellschaft des ersten Jahrhunderts v. Chr., vor deren Hintergrund Catulls erotische Gedichte zu lesen sind. Der Sprecher von Catulls Gedichten setzt sich bewusst mit den vorherrschenden "Männlichkeitsidealen" (aktiv und mächtig sein) auseinander, die er gegenüber der geliebten Lesbia nicht immer zu erfüllen scheint, und dann doch wieder heftig gegen die "Cinaeden" (Schwuchteln) verteidigt. Holzberg gibt dem Leser einen neuen Schlüssel zum Verständnis des Werkes, fernab von aller Prüderie. Im Wechsel zwischen den nicht immer erfüllten Erwartungen des Publikums, in den ideenreichen erotischen Anspielungen und auch im Hader mit dem Rest der (fiktiven) Welt liegt der Reiz eines literarischen Spiels zwischen Autor und Leser, dem wir auch heute noch verfallen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0402 LYRIKwelt © Münchner Merkur