Catalina von Markus Orths, 2005, SchöfflingCatalina.
Roman von Markus Orths (2005, Schöffling&Co.).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 21.6.2005:

Die Soldaten-Nonne
"Catalina": Markus Orths verschenkt einen Stoff, den sich das Leben ausgedacht hat.

E s ist eine dieser abenteuerlichen Geschichten, die sich das Leben selbst ausgedacht hat und deshalb kaum zu glauben sind: Der von Abgründen gesäumte Lebensweg der Catalina de Erauso, einer Baskin, die als Mann verkleidet eine Blutspur quer durch Südamerika zog. Sie flieht als Nonne aus einem Kloster, um sich zu den Gold- und Silberminen Südamerikas durchzuschlagen. Sie legt ihre Stimme tiefer, sie bandagiert sich die Brust, sie wird Soldat und geht keinem Kampf aus dem Weg. Und eines Tages steht sie unterm Galgen, verurteilt wegen eines Mordes, den sie nicht begangen hat.

Der letzte Wunsch:
Nackt sterben

Ihr "letzter Wunsch"? Nackt zu sterben. Als er ihr gewährt wird, klappt der schaulustigen Menge kollektiv die Kinnlade runter, ein Raunen, eine Unruhe wogt, fast bricht ein Aufstand los. Aber die Delinquentin wird, angesichts der Tatsache, dass man doch einen Mann verurteilt hat, verschont. Die ehemalige Nonne muss sich Richtung Rom einschiffen und zum Papst - den sie so sehr beeindruckt, dass sie wieder nach Südamerika zurück darf, um dort bis ans Ende ihrer Tage zu leben - als Mann.

Ein Lebensroman, überliefert durch eine schmale Autobiografie, und die weißen Flecken dieser irren Geschichte malen sich fast von selbst aus. Markus Orths aber, der mit seiner rasanten Satire "Lehrerzimmer" schon bewiesen hat, dass er einen guten Stoff auf den Punkt bringen kann, verzettelt sich mit seinem "Catalina"-Roman. Anfangs malt er das Innere der Heldin in aller Breite aus, aber ein schlüssiger Charakter wird nicht daraus. Die Überfahrt auf einem Schiff mit lauter Zungenlosen, ein Orkan, eine Todeswanderung durch Eis- und Hitzewüsten, die Ungeheuerlichkeiten in den Silberminen von Potosì - Catalinas Geschichte strotzt vor Dramatik. Aber ausgerechnet daran hastet Orths vorbei. Und selbst das historische Kolorit bleibt dünn: die Ausbeutung und die unermesslichen Reichtümer, von denen Spanien bis heute profitiert, sind ein paar Nebensätze wert.

Der Roman hat keine echte Perspektive: Mal ist das Raunen eines allwissenden Erzählers zu hören, mal sperrt er uns im Unwissen der Heldin ein. Mal hat der Erzähler den Abstand des 21. Jahrhunderts, mal steckt er in der Verblendung des 17. Jahrhunderts. Mal erzählt er saftig wie ein Garcia Marquez, mal dröge wie ein Buchhalter für außergewöhnliche Lebensgeschichten. - Thema verschenkt! (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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