1.) - 3.)
Castorp.
Roman von Pawel
Huelle (2005, Beck - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Marta
Kijowska in Neue
Züricher Zeitung vom 5.03.2005:
Im Schatten des
Zauberbergs
«Castorp»: Pawel
Huelle begeht seine Liebe zu Thomas
Mann
Eigentlich hätte man schon damals dieses Buch voraussehen können - damals, vor sechs Jahren, als Pawel Huelles Feuilletonband «Verschollene Kapitel» erschien, eine Sammlung von Texten, die er jahrelang für die Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» geschrieben hatte. An diesen Feuilletons wurde nämlich erstens sichtbar, dass der Danziger Autor es sehr reizvoll findet, auf der Basis dessen, was längst als Teil der europäischen Kulturtradition gilt, allerlei Vermutungen und Spekulationen anzustellen. Bald spürte er ein vergessenes Buch auf, bald demonstrierte er eine persönliche Sichtweise bekannter Orte oder Ereignisse, bald wandte er sich einer berühmten Gestalt zu, indem er sich mit einer scheinbar unwichtigen Episode aus deren Leben beschäftigte oder einen Menschen, der in diesem Leben nur eine Statistenrolle gespielt hat, in den Vordergrund stellte. So konnte er einem Spaziergang von James Joyce durch Dublin, einem Tag im Leben der Familie Schopenhauer in Danzig oder einem Vortrag von Karl Popper in der Wiener Hofburg einen Hauch der eigenen demiurgischen Kraft verleihen.
Und es gab, zweitens, unter diesen Feuilletons einen Text, der nicht nur den Titel «Castorp» trug und die Richtung, in die bereits damals die Phantasie des Autors driftete, deutlich signalisierte - auch «verschollene Kapitel weltberühmter Romane» seien ein Feld für allerlei Spekulationen und Mythen, hiess es darin -, sondern auch eine Geschichte enthielt, die nach einer literarischen Ergänzung geradezu verlangte. Huelle verdankte sie einem Freund, dessen Grossvater, ein Lemberger Pastor, eine jahrelange Korrespondenz mit Thomas Mann geführt hatte. In erster Linie tauschten sich die beiden über den «Zauberberg» aus: Der Geistliche teilte dem Schriftsteller seine interpretatorischen Ideen mit, und dieser weihte ihn in seine stilistischen und kompositorischen Überlegungen ein. Unter anderem erklärte er ihm, warum er zwar den Leser wissen lasse, Hans Castorp habe vier Semester in Danzig studiert, sich dabei aber nur auf diesen Hinweis beschränke, statt die Episode richtig zu erzählen. Aus seinem Brief ging allerdings nicht hervor, ob er das entsprechende Kapitel nicht geschrieben oder nur dem Manuskript nicht beigefügt hatte.
Bescheidener Vorsatz
Was für eine Herausforderung für einen Danziger Schriftsteller, der laut Selbstauskunft «Thomas Mann liebt». Welche Möglichkeiten, Hans Castorp auf dem vertrauten Terrain herumzuführen und ihn für seinen Weg nach Davos mit einigen neuen Erfahrungen auszustatten. So greift Pawel Huelle, seinem anfänglichen, bescheidenen Vorsatz entgegen - ursprünglich sollte der Text eine Kurzgeschichte sein und den Titel «Hans Castorp in Zoppot. Ein verschollenes ‹Zauberberg›-Kapitel» tragen -, voll zu und baut Thomas Manns kargen Hinweis zu einem kleinen Bildungsroman aus.
Er lässt Castorp im Herbst 1904 nach Danzig kommen und sorgt von Anfang an für eine Ambivalenz von dessen Gefühlen. Einerseits ist sofort eine Vertrautheit da, die sogar Castorps Onkel, Konsul Tienappel, hätte nachempfinden können, hätte er nur «die dunkelrote, stellenweise ins Braune spielende Farbe der Speicher, Magazine, Kirchen und mittelalterlichen Tore gesehen». Andererseits bewirkt eine Reihe von Unannehmlichkeiten - Castorp wird bei seiner ersten Tramfahrt vom Schaffner brüskiert, sein Gepäck geht für eine Weile verloren, die Wohngemeinschaft mit seiner Vermieterin und deren kaschubischem Dienstmädchen erweist sich als problematisch, und obendrauf ist seine geliebte Zigarrenmarke «Maria Mancini» nirgendwo aufzutreiben - ein gewisses Unbehagen. Mit der Zeit stellt sich jedoch die Unaufgeregtheit eines streng geregelten Studentenalltags ein.
All das ist nötig, damit stärkere Empfindungen auf den Plan treten können - schliesslich muss Castorp vier Semester lang in Danzig ausharren. Also führt ihn Pawel Huelle in den benachbarten Kurort Zoppot, damit er sich in die schöne und reiche Polin Wanda Pilecka verlieben kann. Diese ist allerdings mit einem geheimnisvollen russischen Offizier liiert, der schliesslich Opfer eines politischen Mordes wird. Castorps Liebe bleibt dennoch unerfüllt, und es sind die Ratschläge eines polnischen Nervenarztes, ein paar belauschte Gespräche zweier Kurortpatienten (ein Vorspiel der Naphta-Settembrini-Duelle) und nicht zuletzt die Danziger Spuren Schopenhauers, die ihn über die frisch erfahrene Lebenshärte hinwegtrösten.
Zwischen Realität und Traum
So können also diese zwei Danziger Jahre in Castorps Leben ausgesehen haben. Das glaubt man dem Autor sofort und lässt sich auch gern von ihm in die nostalgische Stimmung der Belle Epoque versetzen. Man ist auch voller Bewunderung für die Selbstdisziplin, mit der er sich an die Vorlagen seines grossen deutschen Schriftstellerkollegen hält. Man weiss ja, dass die Stadt, in der er Castorp herumführt, nicht wirklich dieses Danzig ist, das er am liebsten zum Schauplatz seiner Prosa macht. Schliesslich hat er oft genug bewiesen, dass er eine genaue Vorstellung davon hat, wie man als Schriftsteller die Kenntnis eines Ortes umzusetzen hat: indem man nämlich dessen ganz eigene Vision schafft, die den Leser durch ihr Klima verführt. Wie James Joyce in «Ulysses», wie Bruno Schulz in den «Zimtläden» und wie er selbst im umjubelten Erstlingsroman «Weiser Dawidek». Es war ein Buch, das aus realem Stoff gemacht war und zugleich in der Welt märchenhafter Phantastik spielte und das zudem durch Detailvielfalt und Präzision der Erzählweise bestach.
Dieses andere Danzig und diesen kraftvolleren Stil von Pawel Huelle vermisst man in «Castorp» ein wenig. Auch hier behält er sich zwar das Recht vor, hin und wieder an der Grenze zwischen Realität und Traum zu balancieren. Etwa dann, wenn er seinen Helden im Hafenviertel nach einem einst visitierten Haus suchen lässt, von dem es unerklärlicherweise keine Spur mehr gibt. Doch in Wirklichkeit passt der ein wenig naive, etwas schwerfällige Castorp in diese halbreale Welt nicht richtig hinein. Entsprechend künstlich fällt dessen Reaktion aus (ein schallender Lachanfall), entsprechend bemüht wirkt das Bild, das Huelle dazu zeichnet (er lässt den jungen Deutschen im Schnee bei den Klängen von Schuberts «Winterreise» wandern). Er ist offenbar immer noch der Meinung, «dass die Grenze zwischen dem, was real ist, und dem, was wir als metaphysisch empfinden, eines der faszinierendsten Themen des menschlichen Denkens ist». Nur ist diesmal die Figur, an der er es zu demonstrieren versucht, aus einem anderen, fremden Holz geschnitzt.
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2.)
Castorp.
Roman von Pawel
Huelle (2005, Beck - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Michaela
Schmitz aus dem titel-magazin
vom 2.5.2005:
Ungeheuerlich wäre es, wenn ein zeitgenössischer Künstler zu Beethovens 9. Sinfonie ein Vorspiel zu komponieren wagte. Ebenso anmaßend erscheint das schriftstellerische Unterfangen, Thomas Manns "Zauberberg" eine Erzählung voranzustellen zu wollen, die den Helden in der Zeit vor seinem Aufenthalt in der Davoser Lungenheilanstalt schilderte.
Genau das unternimmt der polnische Autor Pawel
Huelle in seinem Roman "Castorp". Ausgehend von einem einzigen Satz,
die Hauptfigur habe "vier Semester Studienzeit am Danziger Polytechnikum
hinter sich", rekonstruiert Huelle die Vorgeschichte des jugendlichen Hans
Castorp. Äußerst souverän eignet sich der Autor die für Thomas Mann typische
auktoriale Erzählhaltung mit Kommentaren oder direkter Ansprache des Lesers an.
Ebenso überzeugend adaptiert sind die komplexen hypotaktischen
Satzkonstruktionen und das die Zauberberg-Dialoge prägende humoristische Spiel
mit leeren Phrasen und Füllwörtern. "Kurzum", "da gibt’s
nichts", Pawel Huelle versteht es, den Leser vom ersten Satz an in den Bann
der Sprache zu ziehen.
Wunderbare Dialoge und dichte Atmosphäre
Auch Geschichte und atmosphärische Schilderungen nehmen sofort gefangen. Im
Hamburger Hafen besteigt Castorp ein Dampfschiff nach Danzig. Gegen den ausdrücklichen
Willen Konsul Tienappels, der fürchtet, der melancholische östliche Sog könnte
Castorp auf Abwege bringen. Logische Fortsetzung dieser Drohung ist der Name des
schwimmenden Stahlkolosses. Er heißt "Merkur", der römische Gott des
Handels, aber auch Führer der Seelen ins Totenreich. Aus dem Zauberberg
vertraute Reflexionen über Zeit und Tod nehmen folgerichtig schon auf der Überfahrt
eine Schlüsselstellung ein. Ebenso vertraut wie die mythische Stimmung, die den
Helden gleich bei der Ankunft empfängt. Gegen die praktische und planende Natur
Castorps läuft in Danzig alles von Beginn an "gegen die Ordnung".
Schon der seltsame Empfang der kaschubischen Hausangestellten in Witwe Hildegard
Wibbes Pension gestaltet sich mehr als befremdlich. Bevor Castorp sich im
Polytechnikum, wie vorgesehen, einschreiben kann, wird er bereits aus dem
Raum-Zeit-Kontinuum hinauskatapultiert. Das Chaos gewinnt mehr und mehr die
Herrschaft über die Ereignisse. Gegen alle Widerstände bemüht Castorp sich um
ein konzentriertes Studium.
Aus Raum und Zeit katapultiert
Bis er auf der Suche nach seiner geliebten, dem Zauberberg-Leser wohl bekannten
Lieblingszigarre Maria Mancini in das benachbarte Seebad Zoppot verschlagen
wird. Ein schicksalsschwerer Ausflug, bei dem er ein junges Paar beobachtet: den
russischen Offizier Sergej Dawidow und die Polin Wanda Pilecka, eine slawische
Schönheit mit leicht hervorstehenden Wangenknochen und graublauen Augen. Mit
einem Hauch von Fremde und Osten und dem charakteristischen ambivalenten Reiz
der von Castorp später im Zauberberg verehrten Clawdia Chauchat. Der Held verfällt
ihr sofort. Er entwickelt eine erotische Leidenschaft, in dessen Folge er von
eigenartigen Erlebnissen, melancholischen Stimmungen, Träumen und
Schlaflosigkeit heimgesucht wird.
Psychiater Dr. Ankewitz, von dem Castorp sich Hilfe erhofft, erfährt von ihm
einige Schlüsselszenen. Während eines Strandspaziergangs findet der Held einen
Bernstein - Initiation einer musikalischen Vision und eines
nunc-stans-Erlebnisses, bei dem sich in Erinnerung an den frühen Tod der Mutter
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges überlagern. Rauschhaft wie die Nähe
des Meeres wirkt auch der Besuch des erotischen Maskenballs im Etablissement
"Omphalos". Eine dionysische Szene zwischen Traum und Realität, in
der der Held seine Geliebte wiederzuerkennen glaubt. Die Grenzen verwischend wie
die zwei Schneespaziergängen, in denen Castorp wie im berühmten
Zauberberg-Kapitel in eine "Zeitspalte" fällt und in der er das
sukzessive Kontinuum und die Identität als Konstruktion des Bewusstseins erfährt.
Der Obsession erlegen
Seiner rationalen Kontrolle beraubt, erliegt der
Held schließlich der Obsession und mietet sich im Kurort neben seiner
Angebeteten ein Zimmer. Er folgt ihr und sucht bei den gemeinsamen Mahlzeiten
und während der Liegekuren ihren Blick. Wie im Zauberberg bleibt auch hier die
Liebe unerfüllt. Die Beziehung endet, nach dem Mord an Dawidow und einem kurzen
Gespräch mit der Geliebten, abrupt. Des Objekts der Leidenschaft beraubt, verfällt
Castorp vollends seiner Passion. Bis er, auf einem dritten Schneespaziergang,
eine Läuterung erfährt, die den "ewigen naiven Idealisten",
zumindest vorläufig, dem Leben wiedergibt und in die rationale Welt Hamburgs
und Konsul Tienappels zurückführt.
Pawel Huelle hat seinen Roman ganz im Sinne Thomas
Manns nach den Regeln einer musikalischen Komposition kunstvoll
durchkonstruiert. Er lässt in seiner Zauberberg-Ouvertüre Motive anklingen, führt
Themen ein, schlägt Rhythmen an, lässt Ahnungen entstehen und schürt
Erwartungen. Erwartungen, die leider nicht immer eingelöst werden. Denn der
Autor erzeugt eine Überfülle an Valenzen, die im Verlauf der Geschichte oft
nicht aufgehen. Natürlich darf ein Vorspiel zu Thomas Manns Zauberberg nur
andeuten und nicht ausführen. Aber zum Ende hin zunehmend baumeln singuläre
Motive manchmal haltlos im Leeren. Insgesamt liest sich Pawel Huelles Roman aber
mit viel Genuss und großem Amüsement. Die stilistische Adaption ist brillant,
die mannsche Erzählweise humorvoll adaptiert und die Motive und Figuren
ironisch zitiert und überzeugend integriert. Und schließlich, aber nicht
zuletzt, macht die Lektüre – und was kann man von einer Ouvertüre mehr
verlangen – Lust auf das Hauptwerk.
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3.)
Castorp.
Roman von Pawel
Huelle (2005, Beck - Übertragung Renate Schmidgall).
Besprechung von Werner
Jung aus der Frankfurter
Rundschau, 2.8.2005:
Der ewige, naive Idealist
Verschmitztes Spiel mit Thomas Mann: Pawel
Huelles eleganter Roman "Castorp"
Das Geheimnis ist gelüftet, und nun wissen wir es also genau: es gab bereits eine andere Frau vor Clawdia Chauchat, die verehrte und begehrte, dabei so unendlich entrückte Geliebte Hans Castorps aus Thomas Manns Zauberberg. Denn der hat, lange bevor es ihn auf den berüchtigten Berg und in die Welt einer splendiden Bourgeoisie verschlägt, einige Semester Schiffbautechnik in Danzig studiert. So hat jedenfalls der polnische Schriftsteller Pawel Huelle (zuletzt 2003 mit dem Roman Mercedes Benz. Aus den Briefen an Hrabal in Erscheinung getreten) eine kurze Bemerkung Thomas Manns zu einem wunderbaren kleinen Roman fortgesponnen, in dem die Vorgeschichte Hans Castorps nachgeliefert wird. Und weiter noch gelingt es Huelle, das Thomas Mannsche Diskursgespinst mit seiner Themenvielfalt auf unangestrengte Weise, aber bemerkenswertem Niveau mitzuerzählen: auch sein Roman ist ein eminenter Zeitroman, das Figurenensemble ruft das klassische Mann-Personal auf, Lektürefrüchte werden breit in den Text gestreut, und mit leichter Hand lässt Huelle noch intertextuelle Funken in Hülle und Fülle aufblitzen. Nicht zu vergessen bereitwillig gelieferte poetologische Reflexionen samt augenzwinkernden Leseransprachen.
Die schöne Fremde
Aus dem großstädtischen Hamburg kommt 1904
stud. ing. Hans Castorp ins eher behaglich-beschauliche Danzig, das trotz aller
vertrauten Hanse-Traditionen "doch etwas irgendwie Andersartiges,
Ungreifbares" für ihn besitzt. Bereits der Onkel, Konsul Tienappel, hatte
ihn zuvor gewarnt. Und so geschieht, was sich in der Fremde nur allzu häufig
vollzieht: das Fremde begegnet ihm in der Gestalt jener fremden Schönen, Wanda
Pilecka, von der sich dann herausstellt, dass sie Polin ist und zu Castorps
Verdruss auch einen russischen Geliebten hat.
Dennoch läßt sich Hans, dieser, wie wir bereits aus der Lektüre von Thomas
Mann wissen und jetzt in Huelles Formulierung bestätigt finden,
"ewige, naive Idealist" nicht aufhalten und sucht nach zwei flüchtigen
Begegnungen den Kontakt zur schwärmerisch er- und überhöhten Wanda. Er reist
ins Kurbad Zoppot, wo er tatsächlich, wenn auch aus der Distanz, der Geliebten
wiederbegegnet und immer wieder verstohlen-heiße Blicke riskiert. Bis, man weiß
nicht genau wieso und warum, der russische Offizier nächtens in seinem
Hotelzimmer ermordet wird und Hans, der sich unmittelbar vorher noch mit einem
schmerzhaften Bekenner- und Abschiedsbrief für Wanda geplagt hat, Glück im
fremden Unglück verspürt.
Denn erstmals wendet sich nun Wanda direkt an ihn, scheint ihn jetzt überhaupt
erst richtig wahrzunehmen. Doch dann gleich so: "Ich weiß, daß du mich
liebst. (...) Du bist ein netter Junge, weißt du, daß wir ständig über dich
gesprochen haben?" Worauf Hans, "sanft auf die Stirn geküßt",
"aufgewühlt das Zimmer verließ und spürte, daß das Chaos der Gedanken,
Bilder und widersprüchlichen Gefühle ihm gleich den Kopf sprengen und das Herz
in Stücke reißen würde." Am Ende, nachdem er durch das Purgatorium
dieser Liebelei gegangen ist, kann er zügig seine polnischen Studien abschließen
und lektürebewehrt (Schopenhauer!) in die prosaische Heimat zurückkehren.
Huelle hat auf verkürzte Weise eine gerade in den Lücken und Leerstellen große
Themen andeutende Version eines Desillusionsromans ganz auf der Linie von
Flauberts Education sentimentale geschrieben: nämlich über das
Verpassen jener schönsten Gelegenheit, an die man sich sein gesamtes weiteres
Leben zu erinnern vermag. Dabei ist ein dichter historischer Roman entstanden,
der nicht nur von Zeitanspielungen (von der Wandervogelbewegung über den
zeitgenössischen Anarchismus und Terrorismus bis zu gängigen
naturwissenschaftlichen wie philosophischen Diskursen wimmelt, sondern auch noch
auf elegante Art Literatur über (kanonische) Literatur darstellt, ja darüber
hinaus sogar einen verschmitzten (materialistischen) Kommentar zur
Zauberberg-Geschichte abgibt.
Unerbittliche Zeit
Wenn der Erzähler einmal, auf das Ende des Schnee-Kapitels in Thomas Manns Roman anspielend, ein Bekenntnis zur objektiven, also real ablaufenden und messbaren Zeitordnung ablegt: Hans Castorp blieb "reglos an dem Backsteinabsatz der Schleuse stehen und befand sich, den Blick auf die grüne Wasserfläche geheftet, außerhalb der Zeit. Selbstverständlich nur subjektiv gesehen, denn außerhalb seines Bewußtseins herrschte, abgesehen von der - wenn wir so sagen dürfen - Res cogitans, der denkenden Substanz, eine recht große Betriebsamkeit; die Zeit verging also tatsächlich und unerbittlich."
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