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Cassada.
Roman von James Salter (2003, Berlin-Verlag - Übertragung Malte Friedrich).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 10.7.2003:

Auf schmalem Grat
Der US-amerikanische Autor James Salter hat seinen zweiten Roman "The Arm of Flesh" überarbeitet - und der Berlin Verlag hat ihn als "Cassada" herausgebracht

Ein seltsamer Fall, ein hoch interessanter dazu. James Salter ist ein Autor, der stets auf schmalem Grat wandert zwischen irritierenden Machismen und großer Sprachkraft, zwischen Abstürzen in die Peinlichkeiten des heroischen Pathos und frappierend originellen und genauen Bildern. Ein Schriftsteller, der nicht selten nicht weiß, wann er schweigen sollte, von manchmal nervtötender Geschwätzigkeit und Indezenz seinen Figuren gegenüber, dem es schon wenige Zeilen später wie aus dem Nichts heraus gelingt, mit wenigen, leicht dahin geworfenen Worten feinste Haarrisse anzudeuten, die sich zu Abgründen ausweiten. Dafür benötigen andere einen ganzen Roman. Ein Mann, verhaftet in der Poetik der 50er Jahre, rührend und wohltuend altmodisch und dennoch immer wieder gegenwärtig.

Salter selbst war als Pilot der amerikanischen Luftwaffe im Korea-Krieg (ein beträchtlicher Teil seiner Autobiografie Verbrannte Tage erzählt von diesem Abschnitt); das Zentrum des Salter'schen Kosmos ist die Bewährung: Seine Protagonisten (naturgemäß Männer zumeist) sind zur permanenten Erprobung ihrer Fähigkeiten gezwungen. An der Natur, an der Technik, an der Liebe - das Leben als Herausforderung, die Biografie als Kampfplatz. Das kann ganz furchtbar daneben gehen wie in dem Bergsteiger-Roman In der Wand von 1970. Oder es entstehen großartige Gesellschaftsbilder, knapp, lakonisch, sensibel, geheimnisvoll, so wie in der Ehegeschichte Lichtjahre (1975). In ihrer elegischen Stillage markieren Salters Romane immer wieder Abschiede, Brüche; am Ende steht die Offenheit eines Neubeginns, dessen konkrete Ausprägung unausgesprochen bleibt.

Cassada ist eine komplette Neubearbeitung des zweiten Romans The Arm of Flesh, in den USA erstmals 1961 publiziert. Ein deutscher Luftwaffenstützpunkt der US Air Force in den 50er Jahren bildet das Gravitationszentrum; von dort schwärmen Geschichten und Erinnerungen gleich Fliegerstaffeln aus. In vier langen Kapiteln erzählt Salter zunächst zwei Handlungsstränge unabhängig voneinander, um sie am Ende in der Katastrophe zusammen zu führen.

Der eine erstreckt sich über einen Zeitraum von gut einem Jahr: Lieutenant Robert Cassada landet auf dem Stützpunkt und wird dem erfahrenen wie zynischen Staffelführer Wickenden zugeteilt. Cassada ist Einzelgänger und Außenseiter, ehrgeizig, klug und sensibel, mit der Sehnsucht nach Anerkennung, dem unbedingten Willen, sich in der Hierarchie des Stützpunktes zu etablieren ("Staffeln unterschieden sich. Sie hatten eine Identität, sie waren einzigartig.") einerseits, spürbarerer Befremdung gegenüber den militärischen Strukturen andererseits und mit einem in dieser auf Auszeichnung getrimmten Welt gravierenden Makel: "Es war, als wären sie von einem Auftrag zurückgekehrt, dachte Cassada, von einem Kampfflug. Er hatte all das verpasst, das, was dem Major, den Gruppenkommandeuren, Isbell, selbst einigen Piloten eine größere Authentizität verlieh. Zurückzukommen und glatt zu landen, im Triumph." Die fehlende Bewährung im Gefecht, das Bestehen vor Anderen und sich selbst in einer lebensgefährlichen Situation lassen sich auch nicht durch noch so viele riskante Flug- und Schießübungen (bei denen er zunächst kläglich versagt) ersetzen.

Der Darstellung einer solchen Situation ist der zweite Erzählstrang gewidmet, eine auf wenige Minuten komprimierte Krisenlage, in der Cassada sich mit seinem Führungsoffizier Isbell (mit dem ihn eine Freundschaft und eine erotische Rivalität verbindet) befindet. Ein Showdown in der Weite des Himmels, die auf die Enge eines Cockpits zusammen schrumpft. Eine leichtsinnige Entscheidung, zwei Flugzeuge in einer Schlechtwetterfront, ein ausgefallenes Funkgerät, eine existentielle Notsituation, die tödlich endet.

Die Überarbeitung des Romans durch einen gereiften Autor hat Cassada gut getan. Der unaufgeregte Stil eines großen Autors durchzieht dieses Buch; Salter pur ohne dessen sonst üblichen Abstürze. Cassada entwirft Heldenfiguren, um sie sofort wieder zu verwerfen; jegliches Fehlen von Kategorien wie "gut" oder "böse" rückt den Roman aus dem Dunstkreis der Trivialität des Heroischen. Vielmehr ist es eine beeindruckende Beiläufigkeit, mit der die Dinge geschehen: Die Zeit vergeht unbemerkt, gleitet dahin, dann rast sie wieder, Freundschaften bahnen sich an, wortlos, in Gesten und Ritualen, oder auch nicht, eine Ehe geht zugrunde und bleibt doch bestehen, Paare betrügen sich oder liegen schweigend nebeneinander.

In einer der schönsten Szenen des Romans sitzen sie gemeinsam an einem Tisch, der selbstsichere und kühle Captain Isbell und Cassada, zurück von einem Routinemanöver. Es ist sieben Uhr morgens. "Sie hätten die Teller beiseite schieben können und auf den Ellenbogen vorgelehnt dasitzen können, ins Gespräch vertieft, während der Staub quer durch Sonnenbahnen schwebte und das Essen kalt wurde, aber es geschah nicht ganz. Die Momente erfüllen sich nicht immer."

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2.)

Cassada.
Roman von James Salter (2003, Berlin-Verlag - Übertragung Malte Friedrich).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Die Zeit, 31.12.2003:

Und ewig lockt das Bodenpersonal

In diesem Roman wird die Welt durch eine Öffnung in den Wolken wahrgenommen. Man sieht die Lastkähne auf dem Rhein, „kleiner als Stiche in einer Naht“. Oder Ingolstadt. „Ist Ihnen Ingolstadt mal aufgefallen?“, fragt der junge Offizier Cassada seinen Vorgesetzten Isbell. „Ich seh runter und denk, daß ich gern mal da wäre – auch wenn ich das nicht wirklich will.“ Die Hauptstädte dieses seltsamen kleinen Landes mitten in Europa heißen Landstuhl oder Fürstenfeldbruck. Die Sommer sind hier kurz, manchmal auch extrakurz, „etwa eine Woche statt der üblichen zwei“. Hin und wieder bleibt Zeit für einen Ausflug nach München oder Trier. „Sie war historisch bedeutend“, schreibt der amerikanische Romancier James Salter über die Römerstadt Trier, „aber nicht besonders interessant.“ Punktum.

Die Größenverhältnisse in Cassada haben etwas von Gulliver und Liliput. Aber Deutschland ist natürlich nicht das Thema des Romans, nicht einmal sein Schauplatz. Allenfalls die Kulisse, die man nach Belieben hin- und herschieben oder notfalls auch ganz weglassen kann. Von Bedeutung sind andere Dinge: das Wetter (meistens schlecht), das Geräusch des Triebwerks, das dem Piloten vertrauter ist „als sein eigenes Herz“, der Charakter des Mannes im Cockpit. Der erfahrene Soldat weiß sofort, wer in dieser Welt eine Zukunft hat und wer nicht. Bei Cassada werden Zweifel angemeldet. Der Puertoricaner macht sich schon dadurch lächerlich, dass er Tee bevorzugt. Der derbe Staffelchef hat noch nie einen Kampfflieger getroffen, der keinen Kaffee trinkt. Auf der anderen Seite gilt der Grundsatz des freien Willens in einer freien Welt. Der Neuling, der Tee trinkt, macht sich zwar lächerlich, aber natürlich darf er den Kaffee verschmähen. Vorausgesetzt, er kann fliegen. Denn daran entscheidet sich alles. Der Schwarmführer, der „nüchtern und fähig“ ist, beurteilt die Männer um sich nach einem einzigen Standard, und „der war so einfach, daß er ans Erhabene grenzte: Konnten sie fliegen?“

James Salter schreibt so etwas ohne Ironie. Das Ironische und das Erhabene schließen sich gegenseitig aus. Ironie zersetzt, und würde man die Gesetze der Fliegerei und der militärischen Männerrituale nicht ernst nehmen, könnte man sich gleich einem anderen Stoff zuwenden. Natürlich gibt es keinen vernünftigen Grund, für die Fliegerei sein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber die Sinnfrage stellt sich hier anders. Sie ist, wie schon in Salters’ Autobiografie Verbrannte Tage, der Suche nach Schönheit und Lebensintensität untergeordnet. Der Blick durch die Wolkendecke auf Ingolstadt, Trier und dieses ganze alte Deutschland, dessen Sprache die Männer nicht verstehen, hat zweifellos etwas Erhabenes: indem er die Helden entrückt und eigene Gesetze bekräftigt. Der Pilot unter der Himmelskuppel ist selten ratlos, solange ihm der Treibstoff nicht ausgeht. Ansonsten droht Gefahr allenfalls noch durch einen allzu direkten Kontakt mit dem Bodenpersonal, sprich: mit der diffusen Sphäre der Frauen, in der andere und sehr viel kompliziertere Regeln gelten.

Dass der Romancier Salter auch sie erforscht hat, zeigt sein Meisterwerk Lichtjahre (1975), in dem wenig geflogen und dennoch intensiv gelebt wird. Auch dieses kommt vollkommen ohne Ironie aus, was bei einem Roman der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts einigermaßen verblüfft. Cassada (2000) ist aus einem früheren Roman entstanden, den der Autor vor einigen Jahren überarbeitet hat. Die Geschichte spielt in den fünfziger Jahren, und die Fabel ist artifiziell konstruiert: Sie wird nicht chronologisch wiedergegeben; sie setzt sich aus vielen Handlungssplittern und den unterschiedlichsten Perspektiven zusammen. Der Dialog dominiert, als handele es sich um ein Drehbuch: ein kurz angebundener, oft rüder Dialog unter Männern. Was hier wie (rhetorische) Ironie klingt, ist in der Regel purer Sarkasmus – einzig und allein dem Zweck gewidmet, Hierarchien zu zementieren.

Selbst die Damen des Clubs der Offiziersfrauen und die Kellnerinnen in den Bars, diese hübschen deutschen Mädchen, scheinen sich dem „männlichen“ Diskurs angepasst zu haben. Ihre Redeweise ist auf Distinktion aus, unabhängig davon, ob sie sich anbieten oder ob sie sich verweigern. „Ach, Sie sind Pilot“, sagt die junge Schöne in München – das und wenig mehr genügt, um den unerfahrenen Cassada in Flammen zu setzen. Dann kommt Isbell, sein Einsatzoffizier, und geht mit dem Mädchen weg. In einer winzigen Szene hatte der Autor Isbells unglückliche Ehe charakterisiert. Die Frau verweigert den Abschiedssex. „Es war ein kalter Akt“, hält die erlebte Rede fest, „da war etwas Selbstsüchtiges in seinem Kern.“ Der Mann steht stumm auf dem Balkon, ohne zu frieren: „Die Bitterkeit war Wärme genug.“ Für Salter enthalten diese beiden lapidaren Feststellungen Psychologie genug.

Keimzellen der Frustration, an ganz unterschiedlichen Stellen der Fabel platziert – umso wirkungsvoller werden sie miteinander verknüpft und für ein dramatisches Finale fruchtbar gemacht. Isbell hält sich an dem Mädchen schadlos, in das sich auch Cassada gern verliebte; und Cassada rächt sich auf die subtilstmögliche Art und Weise – indem er sein eigenes Leben für das Isbells in die Schanze schlägt. In einer Schlechtwetterfront hat Isbell den Funkkontakt mit dem Bodenpersonal verloren; Cassada versucht, seinen Vorgesetzten zu führen. Als beiden der Treibstoff ausgeht, rettet Isbell sich mit dem Schleudersitz; Cassada dagegen stürzt ab.

Sollte diese Wendung der Geschichte so etwas wie eine objektive Ironie enthalten, dürfte sie Salter nicht entgangen sein. Aber er kümmert sich nicht darum. Wo Updike und andere dem Irdischen verpflichtete Kollegen auf Tausenden von Seiten die Innenwelten ihrer Protagonisten liebevoll ziselieren, um sie am Ende gerade noch einmal davonkommen zu lassen, interessiert Salter primär die Erhabenheit des Blicks durch die Wolkendecke (die jederzeit zur „Totendecke“ mutieren kann) und sekundär die Lufthoheit über das Weib. Und den Begriff des Protagonisten führt der Autor rigoros auf seinen semantischen Kern zurück: auf den Agon. Erst im Wettkampf offenbart ein Mann seinen Charakter. Und an dem entscheidet sich doch alles. James Salter ist demnach nicht unbedingt der beste, der brillanteste unter den heutigen Schriftstellern Amerikas. Aber der männlichste doch wohl.

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Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © M.K../Die Zeit