Caspar.
Roman von Beate
Rothmaier (2005, Nagel & Kimche).
Besprechung von Herbert Kuhn in der Frankfurter Rundschau, 16.8.2006:
Er schlug sich durch
Und war glücklich, an der
Porzellanherstellung beteiligt zu sein: Beate Rothmaiers Debüt
"Caspar" zeigt sich in Alfred
Döblins Sinne historisch-parteiisch
Gegenwärtige Geschichte
"Tiefengeschichte" meint die Verhältnisse
der individuellen, stets vom Furor des Verschwindens bedrohten menschlichen
Existenz, die in Spannung stehen zur überlieferten (Tradition) oder aktuell
propagierten (Ideologie) "Spitzengeschichte". Der lichte Höhenkamm
der kanonisierten Geschichte ist umgeben von den Abgründen marginalisierten und
der Namenlosigkeit verfallenden Daseins. Da dieses Gefälle im Mit- und
Gegeneinander von innerem und öffentlichem Bewusstsein dauernd gegenwärtig
ist, konnte Döblin feststellen: Jeder gute Roman ist ein historischer Roman,
bringt er doch den notorischen Prozess zur Darstellung, in dem die menschliche
Existenz sich zu Bildern, Meinungen und Definitionen ablagert und so schon bei
lebendigem Leib "historisch" verfällt. Geschichte ist also in jedem
Augenblick gegenwärtig.
Selbstbewusst lässt Döblin danach den Schriftsteller in Konkurrenz treten zum
Historiker und spielt die subjektive Befangenheit des Dichters gegen das
Objektivitätsgebot wissenschaftlicher Geschichtsschreibung aus: "Gebot für
den Historiker ist: alle Fakten stehen lassen! Der Autor erhält andere Befehle:
er durchlenkt und durchtastet Zug um Zug seinen Stoff, und wenn er zugreifen
will und zugreift, so wird er nicht getrieben von einem wahnhaften Objektivitätsdrang,
sondern von der alleinigen Echtheit, die es für Individuen auf dieser Erde
gibt: von der Parteilichkeit des Tätigen."
Döblins eigenwillige Wendung von der "Parteilichkeit der Tätigen"
bezieht sich auf das Vermögen dichterischer Einbildungskraft. Diese unterliegt
subjektiver Beschränktheit, wird aber im ästhetischen System objektiviert und
beobachtbar. "Parteiisch" wird die Einbildungskraft, weil sie sich
nicht dem Wissen unterordnet, sondern zum leibhaftigen Organ macht für die
Tiefengeschichte menschlicher Existenz, die von dem Zwang, zu handeln und
unmittelbare Not zu wenden, nicht von geschichtlichem Bewusstsein, bestimmt
wird.
Döblins Einlassungen zum historischen Roman sind hilfreich, will man dem Debüt
der Deutsch-Schweizer Autorin Beate Rothmaier gerecht werden. Ihr Roman Caspar
spielt zu Ende des 18. Jahrhunderts, aber die zeitliche Distanz schützt den
Leser in keiner Weise vor einem Gefühl, das sich am besten noch mit dem Wort
"Ergriffenheit" benennen lässt.
Erzählt wird die Geschichte eines Findelkinds. Zunächst dem Zufall der
Hilfsbereitschaft überantwortet, wird es zum Streitobjekt seiner Mitmenschen,
als diesen zu Ohren kommt, dass seine Person einigen pekuniären Wert repräsentiert.
Caspar schlägt sich durch, wird zur Fron als Bauernknecht gezwungen und kommt -
der sein Schicksal wendende Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen - als Lehrling
in einer Porzellanfabrik unter. Die Suche nach dem Vater und eine
Liebesgeschichte grundieren das Geschehen.
Solch dürres Referat des Stoffs könnte ein veritables Stück Opfer-Literatur
erwarten lassen, in dem das geschilderte Elend zum durchgruselten Behagen des
Lesers beiträgt. Das Buch aber vereitelt jeden sinistren Lektüregenuss. Denn
Beate Rothmaier folgt systematisch einer Technik der Zersetzung des entlastenden
Überblicks. Strikt bleibt sie auf Augenhöhe ihres Protagonisten und gibt
allein seiner Perspektive - beengt und geweitet von Behausungen, Landschaften
und Jahreszeiten - Raum.
Dies geschieht ganz offensichtlich in dem Bewusstsein, dass jene unveräußerbare,
die Generationen durch die Epochen hindurch verbindende Gemeinsamkeit der so
empfindliche wie zerbrechliche Körper des Menschen ist. (Diskretes Symbol
dieser Verfassung ist das Porzellan, an dessen Herstellung teilzuhaben für
Caspar zum Glücksversprechen wird.) Die Lesersteuerung erfolgt dem gemäß fast
ausschließlich am Leitfaden des Leibes. Immer wieder schaltet Rothmaier Serien
von Sinneswahrnehmungen in den Text ein, die den Leser durch die Präzision der
Wortwahl und des dem Vorgang eigentümlichen Rhythmus' zur Kompassion drängen -
ja manchmal nötigen.
Ganz im Döblin'schen
Sinn zeigt sich "Parteilichkeit" hier eben nicht in einer
programmatischen Anteilnahme und auch nicht in einer wohlfeilen Wertschätzung
des marginalisierten Subjekts als Opfer, sondern in der konsequenten Beschränkung
auf das, was über alle wahrnehmungsgeschichtlichen Veränderungen hinweg kreatürliches
Erbe ist. Der Text ergreift Partei für die eigenen Sinne, indem er sie als
Mittel der Annäherung an die enteignete Geschichte gebraucht.
Döblin hat diese Form der Verbundenheit mit dem und den Gewesenen in seinem
Pariser Vortrag engagiert und prägnant beschrieben: "So weit Menschliches
reicht, menschliches Denken, Fühlen, gesellschaftliches Leben, so weit ist (
... ) Zugang möglich. Denn wir sind aus keinem anderen Holz als jene drüben in
den Gräbern, und die Zustände ( ... ), unter denen wir leben, machen es möglich,
dass uns, zeitweise, auch die scheinbar ganz abweichenden drüben
beherbergen."
So lässt sich resümieren: Nicht weil der Roman im 18. Jahrhundert angesiedelt
ist, handelt es sich bei Beate Rothmaiers Caspar um einen historischen
Roman, ihr Roman ist ein "historischer", weil er im Sinne Döblins die
Fähigkeit dichterischer Einbildungskraft beglaubigt, zeitübergreifend den
Abgrund der Geschichte auflichten und eine ihm verfallene menschliche Existenz
dem Nichts entreißen zu können.
Den Leser nimmt dieses Stück deutscher Prosa in jeder Beziehung des Wortes mit,
den "parteilich Tätigen" der Einbildungskraft aber kann Kraft
zuwachsen.
[...diese und weitere Besprechungen
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