Caspar von Beate Rothmaier, 2005, Nagel & KimcheCaspar.
Roman von Beate Rothmaier (2005, Nagel & Kimche).
Besprechung von Herbert Kuhn in der Frankfurter Rundschau, 16.8.2006:

Er schlug sich durch
Und war glücklich, an der Porzellanherstellung beteiligt zu sein: Beate Rothmaiers Debüt "Caspar" zeigt sich in Alfred Döblins Sinne historisch-parteiisch

"Jeder gute Roman ist ein historischer Roman" - in dieser provokanten These ließ Alfred Döblin seinen 1936 auf dem berühmten (Exil)Schriftstellerkongress in Paris gehaltenen Vortrag über den historischen Roman kulminieren. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, war die Gattung des Geschichtsromans zum heftig diskutierten Thema geworden. Die politischen Bedingungen der Zeit verlangten nach einer gesellschaftlichen Funktionsbestimmung der Literatur, eine Fragestellung, die darauf hinauslief, zu klären, wie weit sich die Literatur mit der Illusion einlassen oder ihr Vorschub leisten dürfe. Am historischen Roman, der besonders anfällig für eine mutwillige und wahrheitsgefährdende Inszenierung erscheinen musste, entzündete sich die Debatte.

Drei Positionen kristallisierten sich heraus. Die eine, von Gustav Regler vertretene, plädierte für Unbekümmertheit, wahrscheinlich auch, weil Regler das rechte Vertrauen in die Wirksamkeit der Literatur abging. Lion Feuchtwanger hingegen erkannte im historischen Roman die Möglichkeit, Aktuelles in historische Distanz versetzt zur Prägnanz zu bringen. Alfred Döblin schließlich, ausgewiesenermaßen der erfahrenste im Umgang mit historischen Stoffen und zu dieser Zeit an Das Land ohne Tod arbeitend, einem groß angelegten Roman über die Conquista, verteidigte engagiert den dichterischen Imaginationsprozess bei der Aneignung geschichtlichen Geschehens. Er unterschied dabei, möglicherweise nach geologischem Vorbild, "Tiefen-" und "Spitzengeschichte".

Gegenwärtige Geschichte

"Tiefengeschichte" meint die Verhältnisse der individuellen, stets vom Furor des Verschwindens bedrohten menschlichen Existenz, die in Spannung stehen zur überlieferten (Tradition) oder aktuell propagierten (Ideologie) "Spitzengeschichte". Der lichte Höhenkamm der kanonisierten Geschichte ist umgeben von den Abgründen marginalisierten und der Namenlosigkeit verfallenden Daseins. Da dieses Gefälle im Mit- und Gegeneinander von innerem und öffentlichem Bewusstsein dauernd gegenwärtig ist, konnte Döblin feststellen: Jeder gute Roman ist ein historischer Roman, bringt er doch den notorischen Prozess zur Darstellung, in dem die menschliche Existenz sich zu Bildern, Meinungen und Definitionen ablagert und so schon bei lebendigem Leib "historisch" verfällt. Geschichte ist also in jedem Augenblick gegenwärtig.

Selbstbewusst lässt Döblin danach den Schriftsteller in Konkurrenz treten zum Historiker und spielt die subjektive Befangenheit des Dichters gegen das Objektivitätsgebot wissenschaftlicher Geschichtsschreibung aus: "Gebot für den Historiker ist: alle Fakten stehen lassen! Der Autor erhält andere Befehle: er durchlenkt und durchtastet Zug um Zug seinen Stoff, und wenn er zugreifen will und zugreift, so wird er nicht getrieben von einem wahnhaften Objektivitätsdrang, sondern von der alleinigen Echtheit, die es für Individuen auf dieser Erde gibt: von der Parteilichkeit des Tätigen."

Döblins eigenwillige Wendung von der "Parteilichkeit der Tätigen" bezieht sich auf das Vermögen dichterischer Einbildungskraft. Diese unterliegt subjektiver Beschränktheit, wird aber im ästhetischen System objektiviert und beobachtbar. "Parteiisch" wird die Einbildungskraft, weil sie sich nicht dem Wissen unterordnet, sondern zum leibhaftigen Organ macht für die Tiefengeschichte menschlicher Existenz, die von dem Zwang, zu handeln und unmittelbare Not zu wenden, nicht von geschichtlichem Bewusstsein, bestimmt wird.

Döblins Einlassungen zum historischen Roman sind hilfreich, will man dem Debüt der Deutsch-Schweizer Autorin Beate Rothmaier gerecht werden. Ihr Roman Caspar spielt zu Ende des 18. Jahrhunderts, aber die zeitliche Distanz schützt den Leser in keiner Weise vor einem Gefühl, das sich am besten noch mit dem Wort "Ergriffenheit" benennen lässt.

Erzählt wird die Geschichte eines Findelkinds. Zunächst dem Zufall der Hilfsbereitschaft überantwortet, wird es zum Streitobjekt seiner Mitmenschen, als diesen zu Ohren kommt, dass seine Person einigen pekuniären Wert repräsentiert. Caspar schlägt sich durch, wird zur Fron als Bauernknecht gezwungen und kommt - der sein Schicksal wendende Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen - als Lehrling in einer Porzellanfabrik unter. Die Suche nach dem Vater und eine Liebesgeschichte grundieren das Geschehen.

Solch dürres Referat des Stoffs könnte ein veritables Stück Opfer-Literatur erwarten lassen, in dem das geschilderte Elend zum durchgruselten Behagen des Lesers beiträgt. Das Buch aber vereitelt jeden sinistren Lektüregenuss. Denn Beate Rothmaier folgt systematisch einer Technik der Zersetzung des entlastenden Überblicks. Strikt bleibt sie auf Augenhöhe ihres Protagonisten und gibt allein seiner Perspektive - beengt und geweitet von Behausungen, Landschaften und Jahreszeiten - Raum.

Dies geschieht ganz offensichtlich in dem Bewusstsein, dass jene unveräußerbare, die Generationen durch die Epochen hindurch verbindende Gemeinsamkeit der so empfindliche wie zerbrechliche Körper des Menschen ist. (Diskretes Symbol dieser Verfassung ist das Porzellan, an dessen Herstellung teilzuhaben für Caspar zum Glücksversprechen wird.) Die Lesersteuerung erfolgt dem gemäß fast ausschließlich am Leitfaden des Leibes. Immer wieder schaltet Rothmaier Serien von Sinneswahrnehmungen in den Text ein, die den Leser durch die Präzision der Wortwahl und des dem Vorgang eigentümlichen Rhythmus' zur Kompassion drängen - ja manchmal nötigen.

Ein Lob auf die Einbildungskraft

Ganz im Döblin'schen Sinn zeigt sich "Parteilichkeit" hier eben nicht in einer programmatischen Anteilnahme und auch nicht in einer wohlfeilen Wertschätzung des marginalisierten Subjekts als Opfer, sondern in der konsequenten Beschränkung auf das, was über alle wahrnehmungsgeschichtlichen Veränderungen hinweg kreatürliches Erbe ist. Der Text ergreift Partei für die eigenen Sinne, indem er sie als Mittel der Annäherung an die enteignete Geschichte gebraucht.

Döblin hat diese Form der Verbundenheit mit dem und den Gewesenen in seinem Pariser Vortrag engagiert und prägnant beschrieben: "So weit Menschliches reicht, menschliches Denken, Fühlen, gesellschaftliches Leben, so weit ist ( ... ) Zugang möglich. Denn wir sind aus keinem anderen Holz als jene drüben in den Gräbern, und die Zustände ( ... ), unter denen wir leben, machen es möglich, dass uns, zeitweise, auch die scheinbar ganz abweichenden drüben beherbergen."

So lässt sich resümieren: Nicht weil der Roman im 18. Jahrhundert angesiedelt ist, handelt es sich bei Beate Rothmaiers Caspar um einen historischen Roman, ihr Roman ist ein "historischer", weil er im Sinne Döblins die Fähigkeit dichterischer Einbildungskraft beglaubigt, zeitübergreifend den Abgrund der Geschichte auflichten und eine ihm verfallene menschliche Existenz dem Nichts entreißen zu können.

Den Leser nimmt dieses Stück deutscher Prosa in jeder Beziehung des Wortes mit, den "parteilich Tätigen" der Einbildungskraft aber kann Kraft zuwachsen.

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