Carlotas Liebhaber.
Roman von Antonio Munoz Molina (1992, Rowohlt TB - Übertragung Sabine Giersberg).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 8.1.2003:

Plaudern im Schneesturm
Antonio Muñoz Molina glänzt mit "Carlotas Liebhaber"

Der spanische Lyriker Antonio Machado hat die theoretisch-wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur einmal als die "Kunst, die Dichtung zu streifen, ohne Gefahr der Ansteckung" bezeichnet und damit auf das Paradox hingewiesen, dass gerade diejenigen, die sich beruflich aus objektiver Distanz um die Poesie bemühen, sie eben wegen ihrer Distanziertheit notwendig lediglich oberflächlich wahrnehmen und somit letztlich nur verfehlen können. Einen derart sich selbst be- und verhindernden Literaturliebhaber zum Erzähler und Protagonisten eines literarischen Textes zu machen, ist der reizvolle Grundeinfall des Kurzromans Carlotas Liebhaber von Antonio Muñoz Molina, in dem sich mehrere Geschichten kunstvoll überlagern und verflechten.

Mitgeteilt werden sie dem Leser von einem spanischen Literaturwissenschaftler mittleren Alters, der uns lediglich seinen Vornamen verrät. Seit ein paar Jahren bekleidet er "eine ehrenvolle, aber noch unsichere Position als associate professor" an einer amerikanischen Provinz-Universität, zum Ende des laufenden Semesters hat er sich nun um die Dauerstellung einer Vollprofessur beworben. Wir begegnen diesem Claudio auf dem Flughafen von Pittsburgh, von dem aus er nach Buenos Aires fliegen will, um an der dortigen Universität auf einem Kongress mit einem Vortrag über ein Sonett von Jorge Luis Borges sein akademisches Renommee zu erhöhen. Der Abflug verzögert sich jedoch auf (zunächst) unabsehbare Zeit durch einen Schneesturm, und während dieser erzwungenen Wartezeit wird Claudio von einem Mann in ein sehr persönliches Gespräch verwickelt, mit dem er wenig mehr als die Nationalität gemeinsam zu haben scheint.

Ein Señor Abengoa spricht ihn an, weil er eine spanische Zeitschrift aus seiner Manteltasche ragen sieht, und - ohne das Unbehagen auch nur zu ahnen, das er damit bei seinem Gegenüber auslöst - entfaltet sofort eine kumpelhaft landsmannschaftliche Vertraulichkeit, die sich noch steigert, als er erfährt, dass Claudios Reiseziel Buenos Aires heißt. Dort hat Abengoa - der für eine Hotelkette überall in der Welt lohnende Übernahme-Objekte aufspürt - vor ein paar Jahren in einem renommierten Grand Hotel eine ebenso leidenschaftliche wie kurze Affäre mit jener titelgebenden Carlota gehabt, die erst durch das Eintreffen von Señora Abengoa abrupt beendet wurde.

Diese eher triviale, wenn auch mit ein paar geheimnisvollen Glanzlichtern versehene Geschichte wird dem Leser gewissermaßen zweistimmig vorgetragen. In den Originalton des ehebrecherischen Hotelfachmannes mischen sich die theoretischen Reflexionen seines ebenso akademischen wie verklemmten Zuhörers. Claudio ist von dem Machismo seines Gesprächspartners genauso abgestoßen wie insgeheim fasziniert: "Ich sah mich mit einer case study konfrontiert, wie ein Anthropologe, der einen der letzten Angehörigen eines Stammes trifft, welcher kurz vor dem Aussterben ist. Wie viele Jahre war es her, dass ich jemanden ,ein umwerfendes Weib' sagen hörte? Würde Abengoa vielleicht auch sagen, diese Frau, die er im Flur des Town Hall traf, sei ein Klasseweib gewesen, eine Rakete oder gar ,rattenscharf'?"

Der Gebildete unterstellt dem Primitiven seine eigenen primitiven Fantasien und kann sie so zugleich ausdrücken und abwehren. Claudio stören an Abengoa auch Angewohnheiten, die er selbst praktiziert, wie etwa die beiläufige Demonstration von Weitläufigkeit durch reichliche Verwendung amerikanischer Wörter und Wendungen im Gespräch. Auch "die tief verankerte Angst, sich lächerlich zu machen - ein weiterer archaischer Zug des spanischen Wesens", der ihm an seinem Landsmann auffällt, ist bei ihm selbst weit ausgeprägter als bei diesem.

Eine besondere Komik gewinnt die Konversation dieser ungleich-gleichen Männer durch die Versuche Claudios, Abengoas naiven Sex-Prahlereien mit jenem "narratologischen Problembewusstsein" zu begegnen, das er sich bei der (eingestandenermaßen unvollständigen) Lektüre von Derrida, Foucault, Lacan, de Man und anderen Cheftheoretikern zugezogen hat - hier gelingen Muñoz Molina glänzende Satiren auf den gängigen Theorie-Jargon.

Dann legt sich der Blizzard, der Flugverkehr wird wieder aufgenommen, die Routen der Reisenden trennen sich. Abengoa sieht der Leser nie wieder, Claudio hingegen darf er nach Buenos Aires begleiten, wo diesem der ersehnte Glanzauftritt bei dem Kongress zum Desaster missrät: Sein Vortrag über das Borges-Sonett wird von einer führenden Vertreterin des "New Lesbian Criticism" nach allen Regeln der Political correctness gnadenlos verrissen. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Jene Ann Gadea Simpson Mariátegui, "die die Namen ihrer Ehemänner zur Schau trägt wie die wilden Krieger ihre Trophäen", hat sich nicht nur um dieselbe Professorenstelle beworben wie er - sie wird sie am Ende auch erhalten. Der von Claudio verehrte Borges gilt seiner Widersacherin als "dead white male trash", er selbst wird als Kolonialist "entlarvt".

Muñoz Molina hingegen huldigt Borges auf eine ebenso elegante wie verschwiegene Art. Er lässt den deprimierten Claudio durch Buenos Aires irren und in dem kurz vor der Schließung stehenden Town Hall Hotel um ein Haar der geheimnisvollen Carlota begegnen. Alle Rätsel dieser Figur finden eine nahezu gespenstische (Auf-)Lösung, wie sie der große Borges in einer seiner fantastischen Erzählungen nicht besser hätte erfinden können. Sein wissenschaftlicher Verehrer hingegen bemerkt kaum, dass er in einer Geschichte mitspielen darf, die des von ihm geschätzten Autors würdig wäre.

Claudio fliegt nach Pittsburgh zurück, erfährt am Humbert College, dass seine Bewerbung abgelehnt worden ist und gegen wen er den Kürzeren gezogen hat - er schluckt auch diese Demütigung und lässt sich mit einer weiterhin unsicheren Stelle als associate professor vertrösten. Was die Dichtung angeht, so hat er sie in Buenos Aires einmal fast berührt; angesteckt hat er sich nicht. Seinem Autor aber ist mit dieser gelungenen Mischung aus fantastischer Erzählung, Literaturbetriebs- und Hochschulsatire, aus sinnlicher Sprache und theoretischem Jargon ein komplexes Kabinettstück gelungen.

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