Caretta Caretta von Paulus Hochgatterer, 1999, Deuticke

Caretta Caretta
Roman von Paulus Hochgatterer (1999, Deuticke).
Besprechung von Wolfgang Straub aus Rezensionen-online *LuK*:

Jugend mit Göttern
Paulus Hochgatterers Roman "Caretta Caretta"

Als vor einiger Zeit der unaufhaltsame Aufstieg des Wolf Haas begann, war ein oft gehörtes Argument, mit dem in abendlichen Runden diese Leseempfehlung untermauert wurde, die hohe Authentizität, die man den erfolgreichen Kriminalromanen zuschrieb. So hieß es einmal, man sei sich sicher, daß der Autor Zivildienst bei einer Wiener Rettungsorganisation geleistet habe, so echt sei alles geschildert.

Hochgatterers Literatur hat mit jener von Haas denkbar wenig gemein, einzig im Sekundären gibt es eine auffallende Ähnlichkeit: seit der 1997 erschienenen Erzählung »Wildwasser« werden auch Hochgatterers große Fähigkeiten, Lebensumstände verblüffend echt darzustellen, nachgesagt. Zwar verfügt Hochgatterer ebenso über detailgenaue Kenntnisse in relevanten Spezialgebieten, etwa in der Formel 1 (da trifft er sich wiederum mit Haas), aber an »Wildwasser« wurde vor allem die Fähigkeit, die Lebens- und Denkwelt eines Sechzehnjährigen glaubwürdig zu schildern, gelobt.

Mit dem neuen Buch, dem Roman »Caretta Caretta«, bleibt der Autor seinem Thema treu: Dort war es der Formel 1-begeisterte Jakob, der sich, mit allerhand Tablettenmixturen ausgerüstet, auf die Suche nach seinem verunglückten Vater macht, hier ist der Ich-Erzähler ein »verhaltensauffälliger« Fünfzehnjähriger – ebenfalls Spezialist in Sachen Medikamentenmißbrauch –, dessen Gott nicht Rennfahrer, sondern Fußballer ist.

An »Wildwasser« konnte man einiges noch gekünstelt, manche Wendung und Figur zu wenig nachvollziehbar finden, manchmal fühlte man sich an T. C. Boyles narrative Willkürlichkeiten erinnert. In »Caretta Caretta« dürfte der Autor nun endgültig zu einem eigenen, ausgewogenen Ton gefunden haben. Denn einerseits kennt der Autor, wie Haas, sein Metier haargenau, dazu kommt zum anderen die Empathie der Darstellung. Die Versuche, einen Text aus der Kinder- und Jugendlichenperspektive (oder, wie jüngst, aus jener von Elefanten) zu schreiben, sind zahlreich, oft genug gelingt es dem Autor aber nicht, sein Erwachsensein (oder Menschsein) hintanzustellen. Hochgatterers Roman zeigt sich hier konsequent aus einem Guß, der einfache, geradlinige Sprachduktus wird niemals verlassen. Und dabei ließe sich nach den ersten Sätzen anderes vermuten. »Wildwasser« fing mit einem einfachen Sachverhalt an: »Der Tag, an dem ich von zu Hause wegging, um meinen Vater zu suchen, war der Tag, an dem Johnny Herbert den Grand Prix von Silverstone gewann.« Der neue Roman hebt ebenfalls mit einem sportlichen Ereignis an, spitzt dieses jedoch extrem zu, macht aus ihm beinah eine »Sternstunde der Menschheit« – wie dies mitunter bereits mit Maradonas »Hand Gottes« oder Baggios verschossenem Elfmeter geschehen war: Jene Sekunde, in der Frankreich 1998 gegen Brasilien im Finale der Weltmeisterschaft 2:0 in Führung ging, verwandelt Hochgatterer in ein Fanal der gesamten Geschichte seines Protagonisten. Dominik, auch er ein Vaterloser, überträgt den Augenblick des französischen Triumphs auf die Erinnerung daran, wie man seinen gewalttätigen Stiefvater abholte. Dieses wie ein Videostandbild gestaltete Anfangstableau ließe eine hohe Künstlichkeit des Romans erwarten; die anfänglich ein wenig schwer nachvollziehbare Parallelisierung des Fußballers Zinedine Zidane und des Stiefvaters könnte exzessive Psychologisierungen befürchten lassen.

Solch mögliche erste Skrupel laufen sogleich ins Leere, die vermeintliche Künstlichkeit war nur ein Kunstgriff, Hochgatterer steigt erfrischend direkt in den Verlauf seiner Geschichte ein. Dominik bewohnt mit anderen »verhaltensauffälligen« Jugendlichen eine betreute Wohngemeinschaft, er hält sich dort jedoch nur sporadisch auf, zu Beginn befindet er sich gerade auf einer spontanen Zugreise nach Paris. Für einen Fünfzehnjährigen erlebt der Ich-Erzähler eine ganze Menge Abenteuerliches. Stellenweise liest sich »Caretta Caretta« daher wie ein Krimi, nicht zuletzt, weil sich vieles im Halb- bis Illegalen abspielt. Allein durch die Handlung hat der Roman gehörigen drive, durch Einschübe und Zeitsprünge wird man zusätzlich auf Trab gehalten. Hinzu kommt eine sprachliche Unverfrorenheit, die da dem auf coolness und größtmögliche Abgeklärtheit bedachten Mund des Teenagers entströmt. Das führt zu so treffenden Wendungen: »der orangefarbene Vorhang (des Zugabteils) riecht wie ein Stück Konzentrat von Eisenbahn« oder »dieses Verhängnis namens St. Pölten«; dabei kommen aber auch Un-Wörter wie »dieses Getränkedose-wird-Mitte-Juli-geöffnet-Geräusch« heraus. Bei aller Intensität der Jugendsprache und bei allem Spaß, den der Autor bei der Kreation solcher Ausdrücke sichtlich hatte, wahrt Hochgatterer das rechte Maß zwischen authentischem cool sprech, der zu einem Gutteil aus bizarren Vergleichen besteht (ein Revolver sei so schwer »wie die Makita-Schlagbohrmaschine«), und narrativen Passagen.

Es verwundert bald nicht mehr, daß der Erzähler nicht der Beliebteste ist. Er zeigt sich als pedantischer Lifestyle-Gourmet, der Eis nur bei seinem Eissalon ißt, der genau weiß, wie ein Salamisandwich zu sein hat, und selbstverständlich hat er bei der Kleidung ein ausgeprägtes Markenbewußtsein. Er fühlt sich mit seinem Zynismus den Altersgenossen und -genossinnen überlegen. (»Ich wette, ich hätte nur mit den Fingern zu schnippen brauchen und sie wäre mir augenblicklich gefolgt.«)

Daß diese enervierende Seite nicht überhand nimmt und nur ein Teil des Persönlichkeitsbildes bleibt, liegt an den kurzen biographischen Einschüben, die erahnen lassen, warum Dominik in außerhäuslicher Betreuung aufwächst. Hochgatterer breitet keine Details aus, diese geschickte Dezenz läßt er auch in jenen Passagen walten, die von Dominiks »Broterwerb«, seinen Liebesdiensten an beiderlei Geschlecht, handeln.

Paulus Hochgatterer hat mit »Caretta Caretta« auch eine spannende Momentaufnahme über »Problemkinder« geschrieben, in der man wahrscheinlich viel mehr erfährt als in mancher Jugendstudie. Denn es besteht kein Zweifel, daß der Autor ganz genau weiß, wovon er schreibt. Seine Tätigkeit als Kinderpsychiater dürfte ihm dabei geholfen haben (und vielleicht hat er sich als »dieser weizenblonde Oberarzt mit der Intellektuellenbrille« selbstironisch in den Roman eingebaut). Bei allem unterhaltsamen Zynismus stellt er am Ende seiner Hauptfigur eine ernste, die Verunglimpfung in Kauf nehmende Alternative in Aussicht (»Manchmal im Leben paßt nur der ärgste Kitsch«): die Möglichkeit der Freundschaft.

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