Caravan von Marina Lewycka, 2007, dtv1.) - 2.)

Caravan.
Roman von Marina Lewycka (2007, dtv - Übertragung Sophie Zeitz).
Besprechung von Lars L. von der Gönna aus der WAZ vom 15.09.2007:

Das Schicksal auf vier Rädern
Es ist ein gutes Jahr her, dass Marina Lewycka mit einer verrückten Parabel über greise Gelüste und wasserstoffblonde Lebensbedrohungen einen

Überraschungscoup landete: Lewyckas "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch", diese trauergeränderte Exilantengroteske um einen verzweifelten Frühling im Herbst des Lebens, wurde in 29 Sprachen übersetzt. Den titelgebenden vier Rädern bleibt auch Lewyckas neuer Roman treu: "Caravan". Doch nicht nur das Fahrzeug als Motor einer Geschichte (deutlich einflussreicher als im Fall des Traktors) erkennen wir wieder.

Das Fremdsein der freiwilligen und weniger freiwilligen Gäste des alten Europa bleibt das Thema der Autorin, deren Familie die Wirren des Zweiten Weltkrieges von der Ukraine nach Kiel wehten, später nach England, wo Lewycka heute Universitätsdozentin ist.

Der Caravan ist die Behausung der Menschen, die auf Bauer Leipishs (seine Sklaven und Sklavinnen, auch die, die ihm zu Willen ist, nennen ihn bloß Knödel) Erdbeerfeldern zu einem Witzlohn die Ernte einfahren. Den Leser überrascht es naturgemäß weniger als die multikulturelle Zwangsgemeinschaft im Caravan, dass deren Gastspiel im Westen mehr bittere als süße Früchte bereithält.

Doch allzu langes Ausbeuterglück ist Knödels megakapitalistischer Wagenburg nicht beschieden.

Gewaltig greift das Schicksal den immerhin nach Männlein Weiblein getrennten Wohnwagen in die Räder. Plötzlich ist die Truppe frei, was in einer schlechten Welt zwar relativ ist, aber ein Bündel schillernder Abenteuer bedeutet. Denn nun erst steht für die kurvenreiche Polin Jola, für den gottesfürchtigen Knaben aus Afrika, für Irina aus Kiew, Andrej aus Donezk, für Tomasz, Vitali, die zwei Chinesinnen, die doch eigentlich studieren wollen, alles auf dem Spiel. Marina Lewycka hat mit "Caravan" ein tragikomisches Roadmovie geschrieben. Und was diesen Roman - literarisch vielleicht kein gewaltiger Wurf - zu einem ganz und gar nicht banalen Buch macht, ist seine Wachheit für eine Welt, die wir allenfalls aus sicherer Entfernung kennen.

Mit Lewycka, der schonungslos-detailliert operierenden Erzählerin, riechen wir die fauligen Matratzen über den süßen Erdbeerfeldern, sie zerrt uns samt ihren Glücksrittern in die grausige Kulisse eines Hühnerschlachthofs, greift in den ganzen Schmutz des zentraleuropäischen Menschenhandels und doch gibt sie dabei nie den manchmal fast lebensrettenden Humor ihrer Protagonisten auf: "Einer der lästigen Sachen bei Männern, hat Jola festgestellt, ist, dass man jahrelang nach einem Guten sucht, und dann kommen plötzlich zwei auf einmal." Lewycka schreibt vielstimmig. Es gibt den außenstehenden Chronisten, aber auch die sensible Ich-erzählende Irina und die ungelenke Sprache in den Briefen des Afrikaners Emanuel. Selbst ein Hund äußert sich in schöner Regelmäßigkeit über die Abenteuer dieser Truppe, die einem irgendwann, nicht zuletzt wegen gewisser märchenhafter Wendungen, vorkommt wie die "Bremer Stadtmusikanten". Und tatsächlich: Etwas besseres als den Tod finden die meisten am Ende allemal.

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Caravan von Marina Lewycka, 2007, dtv2.)

Caravan.
Roman von Marina Lewycka (2007, dtv - Übertragung Sophie Zeitz).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 1.11.2007:

Radlos? Nie! Auf den Traktor folgt ein Caravan

Gut, dass sich Marina Lewyckas Vorliebe für die Verquickung von Transportvehikeln und Gesellschaftsromanen mittlerweile bekannt ist, ansonsten wäre ihr Neuling "Caravan" im Campingregal gelandet. Was grundverkehrt wäre, denn der mit zwei Wohnwagen verzierte Einband umschlingt die temporeich geschilderten Abenteuer einer ebenso achtköpfigen wie multikulturellen Wanderarbeitertruppe, die im "paradiesischen Westen" studieren, lieben und reich werden will.

Während Polin Jola als britische Gastarbeiterin schon Routine hat, kennen der Bergmann Andrij und die literaturliebende Irina Land und Leute nur aus dem Lehrbuch. Doch ach: Ihr Brötchengeber, Erdbeerbauer Leapish, ist kein charmanter Gentleman, seine blondmähnige Gattin hat mit einer Rose of England nur die Dornen gemein. Als sich zwischen beiden ein Eifersuchtsgerangel entspinnt, flieht die bunte Pflückercrew im altersschwachen Landrover samt angekoppeltem Wohnwagen.

Schmonzette, Räuberpistole, Roadmovie

Auf der Suche nach neuen Einkunftsquellen treffen die Ausreißer auf ihren Ex-Weggefährten Vitali. Wohl wissend, dass ehrliche Arbeit in einer korrupten Welt wenig Erfolg verspricht, hat dieser den bittersüßen Früchten von Mr. Leapish ebenfalls abgeschworen. Als neuer "Agent für Personalvermittlungen" verfrachtet er zwei Chinesinnen kalt lächelnd ins Amsterdamer Rotlichtmilieu, das naive Polentrio ködert er mit Jobs in einem Mastbetrieb. Während Marta der gnadenlosen Fließbandarbeit in kulinarische Tagträume entflieht, verarztet Tomasz seinen Trübsinn mit sentimentalem Gitarrengeschrammel. Der tierischen Flügel- und menschlichen Seelenbrüche bald überdrüssig, entschwindet das Dreigestirn pleite, aber zuversichtlich Richtung Polen.

Andrij und Irina haben trotz auseinandergehender Ansichten über die Ukrainischen Heimat zueinander gefunden. Ihre zukunftstraumseligen Stimmen vereinen sich mit Emanuels linkischen Reiseberichten und monotonem Motorengerassel zu einer Melodie des freiwillig-unfreiwilligen Nomadentums, mal in Moll, mal in Dur.
In ihrem mal zur Schmonzette, mal zur Räuberpistole ausfransenden Roadmovie zeigt Lewycka eine westliche Hemisphäre, die ihren gesellschaftlichen Wohlstand auf die Ausbeutung von Gastarbeitern stützt. Tabu sind Arbeitsrechte oder Mindestlöhne, gerne gesehen aber illegale Einwanderer, die mittel- und ahnungslos mit dem Rücken zur Wand stehen. Und auch wenn es auf den ersten Blick die Vulks und Vitalis, die skrupellosen Ganoven und Mobilfunkmänner sind, die die Szene beherrschen, lernen wir in dieser klug gestalteten, fesselnden Wanderarbeiter-Geschichte, dass noch größere Fische in diesem versumpften Becken kreisen, die sich derartige Handlanger mühelos einverleiben... (NRZ)

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