Cant lässt grüssen
Roman von Alois
Brandstetter (2009,
Residenz).
Besprechung von Wolfgang Kühn in DUM
- Das alternative Magazin, 2009:
Alois Brandstetter, der in Oberösterreich
geborene und in Klagenfurt lebende Schriftsteller, der seit seinem Klassiker "Zu
Lasten der Briefträger" zu den bekanntesten österreichischen Nachkriegsautoren
zählt, beweist mit seinem neuesten, bei Residenz erschienen Roman,
eindrucksvoll, dass er auch mit siebzig noch lange nicht zum alten Eisen zählt.
Das neue Buch liefert uns einen Autor, der nach wie vor großen Spaß am Schreiben
hat. Geschickt schlüpft Alois Brandstetter in die Rolle des Cantschen
Schreibgehilfen, der für den großen Meister einen lange hinaus gezögerten Brief
an Maria von Herbert aus Klagenfurt schreibt, die sich aus Liebeskummer und
purer Verzweiflung 1791 bzw. 1793 in zwei Briefen um Trost und Rat an den großen
Denker gewandt hat.
Diese historisch belegten Briefe der Maria von Herbert aus Klagenfurt bieten dem
"Klagenfurter" Alois Brandstetter eine wundersame und große Spielwiese, um einen
gewitzten Brief in Romanform entstehen zu lassen, der ihm von historischen
Grundfesten ausgehend, immer wieder Seitenhiebe auf das südlichste Bundesland
Österreichs oder Österreich erlaubt. Man sieht den spitzbübisch grinsenden Autor
förmlich vor sich, wie er als unschuldiger Amanuensis des großen
Immanuel Kant aus der Vergangenheit
liebevolle Giftpfeile in die Gegenwart abschickt - Verglichen mit Königsberg
klingt "Clagenfurth", das doch eigentlich ursprünglich "Klagenfurth" geheißen
haben wird, wirklich ein wenig "beklagenswerth", um nicht zu sagen "kläglich"
oder, Gott bewahre, erbarmungswürdig oder gar erbärmlich.
Nordlichter und Barfüßige
Auf 235 kurzweiligen Seiten versucht der Icherzähler dem Fräulein Maria von
Herbert von einem in ihrem zweiten Brief angekündigten Besuch in Königsberg, der
Heimat Kants in ausschweifender Art und Weise abzuraten, ihr dabei jedoch
ständig Ratschläge erteilend, sollte sie doch eines Tages unvermutet in
Königsberg auftauchen: Und sprechet bitte deutlich und deutsch. Vermeidet Eure
grobmundartliche österreichische Haussprache, er würde Euch in dieser nicht
verstehen. Deutsche Hauptsprache statt österreichischer Haussprache! Die
Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland begleiten uns wie ein roter
Faden durch das Buch. Es herrscht eine große Alterität (Fremdheit) zwischen dem
österreichischen Süden und dem deutschen Norden. Die Bayern stehen dazwischen.
Und sie verachten die einen und die anderen, die Nordlichter, wie sie sagen, und
die Barfüßigen, wie sie die Österreicher gern verspotten.
Brandstetter präsentiert uns in "Cant läßt grüßen" aber auch einen mitunter
schrulligen Philosophen, der uns des Öfteren im Versuch sich vom großen Dichter
der damaligen Zeit, einem gewissen Göthe, zu
distanzieren, begegnet. Auf der einen Seite der große Sturm und Drang Dichter,
der holden Weiblichkeit nicht abgeneigt, Auszeichnungen und Ehrungen durchaus
zugetan, den Obrigkeiten ebenso, auf der anderen Seite der nahezu asketisch
lebende große Denker, der das weibliche Geschlecht meidet wie der Teufel das
Weihwasser, der der bildenden Kunst ebenso wie der Musik entsagt und für den
Auszeichnungen und Ehrungen ein Gräuel sind - Er würde, sagte er mit einem
Wortspiele, wie er sie so sehr liebet, "einen Baum aufstellen", wenn man nach
ihm oder ihm zu Ehren einen Baum aufstellen oder anpflanzen möchte …
Fazit: Ein unterhaltsames Buch, das uns zeigt, dass sich manches in den letzten
zweihundert Jahren vielleicht doch nicht so sehr verändert hat, wie wir oft
glauben.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1209 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © DUM