Elias Canetti, Biografie von Sven Hanuschek, 2005, HanserElias Canetti.
Biografie über Elias Canetti (2005, Hanser, hrsg. von Sven Hanuschek).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 24.07.2005:

Lebenslang ein Todfeind
Vor 100 Jahren wurde der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti geboren.

Er hätte den heutigen Tag nur allzu gern erlebt, und eigentlich wollte er sogar 300 werden, mindestens. Er war neidisch auf die Kollegen und schroff, er war kompromisslos, rachsüchtig und dachte vorzugsweise schlecht über die Menschen. Und erst als er 1981 den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, zitierte er etwas seltener seinen Lieblingsautor Stendhal, der sich darüber hinwegzutröstete, nur "für wenige zu schreiben", indem er prophezeite, "dass in hundert Jahren sehr viele ihn lesen würden." Bei Elias Canetti hat es nicht ganz so lange gedauert. Der Nobelpreis löste in den 80er Jahren einen regelrechten Canetti-Boom aus.

Wohlgeformte Erinnerungen

Und nicht von ungefähr lasen die Menschen am liebsten in den drei Bänden seiner Autobiografie, wie es dem Menschen Canetti ergangen war in einem abenteuerlichen Leben, in dem sich das Europa des 20. Jahrhunderts spiegelte wie nur selten: "Die gerettete Zunge" (1977), "Die Fackel im Ohr" (1980) und "Das Augenspiel" (1985) sind wohlgeformte Erinnerungen, die wissen, dass sie wohlgeformte Erinnerungen sind. Die wenigen Bücher, die Canetti zuvor veröffentlicht hatte, wirken im Nachhinein wie die Scheinwerfer eines Gesamtkunstwerks, das Canetti hieß: "Die Blendung", der Riesenroman um den Sinologen Franz Kien, dem seine Bibliothek zum Schneckenhaus wird, in dem er am Ende verbrennt, und auch "Masse und Macht", die große psychologische Untersuchung, die Freud widerlegen sollte, waren geradewegs das Gegenteil von Bestsellern.

Aber schon die Umstände, unter denen Elias Canetti heute vor 100 Jahren geboren wurde, im damals türkischen, heute bulgarischen Rustschuk, als Sohn sephardischer Juden, deren Vorfahren gleich nach den Moslems von Isabella, der Katholischen, aus Spanien vertrieben wurden, das sich gleichzeitig an die Eroberung Amerikas machte - schon das erzählt viel von der Geschichte dieses Kontinents. Und wie erst sein Leben! Es vereinte Gegensätze, Extreme und unzählige Sprachen, vom Bulgarischen und dem Spaniolischen der Sepharden über das geliebte Deutsch, das lange die Geheimsprache seiner Eltern blieb, bevor er es erlernte, bis hin zum Englischen, das er bei Shakespeare gelernt hatte und die Sprache seines Exils wurde.

Aufzeichnungen für Marie-Louise, Autobiographie/Memoir von Elias Canetti, S. FischerVom Geburtsort Rustschuk zog die Kaufmanns-Familie Canetti 1911 nach Manchester, 1913 nach Wien, 1916 nach Zürich, 1921 nach Frankfurt und 1923 wieder nach Wien. Schwer beeindruckt vom sprachmächtigen Karl Kraus lässt sich Canetti in dessen Verehrer-Kreis hineinziehen - und löst sich doch bald wieder, ohne dem bösen Satiriker und Vortragskünstler Kraus seine Bewunderung zu entziehen. 1928 geht der Chemie-Student Canetti in den Semesterferien nach Berlin und arbeitet im Malik-Verlag als Übersetzer von Upton Sinclair; aber es hält ihn dort nicht, er kehrt nach Wien zurück und begegnet fast allen illustren Dichtern und Denkern des Zeitalters. 1938, kurz nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, geht er über Paris nach London ins Exil, wo er erstmals ein ärmliches Leben führen muss, das allerdings für Canetti reich an Geliebten ist; mit seiner Frau Veza, seiner Schülerin Friedl Benedikt und der Malerin Marie-Louise von Motesiczky lebt er zeitweise in einer Vierer-Beziehung.

Vielleicht aus Lebensgier. Canetti hasste den Tod, der ihm so früh, 1911, als er sechs war, den Vater geraubt hatte. Der Tod war, jenseits von Nazis, Massengesellschaft und Spießbürgerlichkeit, der Skandal seines Lebens. Neben seiner leidenschaftlichen Neugierde, die ihn zum "Hund seiner Zeit" macht, neben seinem "Drang zur Universalität, der sich durch keine Einzelaufgabe abschrecken lässt" war der Kampf gegen die absolute Herrschaft des Todes sein Lebenselexier, seine Schreibtriebfeder.

Den Menschen durchdrungen

Mit ihr hat er die ganze Gesellschaft, den ganzen Menschen in weiten Teilen durchdrungen, und nicht selten müssen sich beide bei Canetti aufgespießt vorkommen. Damit hat er am Ende doch seinen Tod, der ihn am 14. August 1994 in Zürich ereilte (wo man ihn neben James Joyce in ein Ehrengrab bettete), überdauert. Wenn nicht gar besiegt. (NRZ)

Die NRZ wird den ersten Teil der Lebenserinnerungen von Canetti ("Die gerettete Zunge") ab September als Fortsetzungsroman drucken. Eine exzellente Biografie über den Schriftsteller ist in seinem Hausverlag Carl Hanser erschienen (Sven Hanuschek: Elias Canetti, 800 S., 29,90 E)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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