Campo Santo von W.G.Sebald, 2003, Hanser1.) - 2.)

Campo Santo.
Prosa und Essays von W. G. Sebald (2003, Hanser, hrsg. von Sven Meyer).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 10.12.2003:

Wo Lebende und Tote sich begegnen
Der Weltenbrand schwelt fort: "Campo Santo", nachgelassene Prosa und Essays von W.G. Sebald

Die Obsession, die diesen Autor am stärksten bedrängte, war das Inferno. Die Vorstellung eines gewaltigen Flammenmeers, das mit seiner fürchterlichen Zerstörungsgewalt apokalyptische Dimensionen erreicht, hat der Schriftsteller W.G. Sebald in fast alle seine Bücher eingraviert. Lange vor seinen Thesen über die kollektiv erlittene und kollektiv verdrängte Katastrophe des Luftkriegs, mit denen er 1997 die literarische Welt in Aufregung versetzte, quälte Sebald das Phantasma des Weltenbrands.

Noch bevor er 1988 mit dem Elementargedicht Nach der Natur als Schriftsteller an die Öffentlichkeit trat, hatte W. G. Sebald bereits in einer Romangestalt Jean Amérys einen unheimlichen Doppelgänger der eigenen apokalyptischen Imaginationen entdeckt. Es ist der Maler Lefeu, ein nicht mehr anpassungswilliger Künstler, der in seinem Eremitendasein nur noch von einem einzigen Projekt träumt: der Darstellung einer gewaltigen Feuersbrunst, der Kreation eines grauenhaften Flammenmeers, das eine ganze Metropole verschlingt. Im Namen des Améryschen Malers ist dessen unheimliche Passion fixiert: Er heißt Lefeu - und handelt danach: als Feuermann, Brandstifter, Flammenphantast. Im Motto eines 1988 publizierten Essays über Jean Améry hat Sebald die pyromanischen und fatalistischen Phantasien Lefeus festgehalten, die einige Jahre später zur katastrophischen Signatur seines eigenen Prosawerks werden sollten: "Paß auf, sonst brennst du lichterloh. Lichter, loh. So brenne mein Unglück und verlösche in den Flammen."

Die lichterloh in Flammen stehende Welt - sie ist das schwere Zeichen eines literarischen Werks, das sich nie aus dem Bann infernalischer Schrecken hat lösen können. Als Sebald bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte vor seinem Unfalltod im Dezember 2001 erzählte, dass schon die Fahrt durch die Stuttgarter S-Bahn-Station Feuersee die Erinnerung an die brennenden deutschen Städte wachrufe, bekräftigte er damit seine negative Kulturanthropologie, die ihren markantesten Ausdruck im Fußreise-Buch Die Ringe des Saturn (1995) erfahren hat. "Verbrennung", heißt es dort, "ist das innerste Prinzip eines jeden von uns hergestellten Gegenstands. (...) Die ganze Menschheitszivilisation war von Anfang an nichts anderes als ein von Stunde zu Stunde intensiver werdendes Glosen, von dem niemand weiß, bis auf welchen Grad es zunehmen und wann es allmählich ersterben wird."

Das Motiv des Weltenbrands ist in Sebalds Werk dicht verwoben in ein ganzes Netz aus katastrophischen Bildern und wundersamen Korrespondenzen. Seien es nun die Beschwörungen der unwiderruflich vergehenden Zeit, die emphatischen Hinweise auf die fortdauernde Präsenz der Toten, die Figurationen der Melancholie oder aber die fatalistische Geschichts-Anekdotik, die um Zerstörungs-Szenarien kreist: All diese Motive laufen zu auf eine Naturgeschichte der Destruktion. Aus früheren Essaybänden Sebalds glaubte man bereits die literarischen und künstlerischen Quellen zu kennen, aus denen sich seine Themen und Motive speisen: aus der bedächtigen, in Umschweife und winzige Details verliebten Schreibweise des einsamen Spaziergängers Robert Walser, aus Johann Peter Hebels erzählerischen Lektionen der Vergänglichkeit und aus Kafkas Parabeln des Scheiterns.

Dass Sebalds literarischer Kosmos aber auch aus der Literatur und Malerei der jüngsten Gegenwart entscheidende Impulse bezogen hat, erhellt nun ein Band mit Prosa und verstreuten Essays aus Sebalds Nachlass, den der Literaturwissenschaftler Sven Meyer zusammengestellt hat. Der zunächst wie ein Verlegenheits-Patchwork anmutende Band zerfällt in zwei Teile, die den Anfangs- und Endpunkt von Sebalds Schreiben markieren. Der erste Teil enthält vier kurze Fragmente aus einem Erzählprojekt über Korsika, das Sebald Mitte der neunziger Jahre begann, aber schon bald zugunsten der Arbeit an Austerlitz aufgab. In diesen kompositorisch abgeschlossen wirkenden Erzählstücken setzt Sebald jene melancholische "Wallfahrt" durch die Topographien einer verheerten Geschichtslandschaft fort, die er in Die Ringe des Saturn zu einem denkwürdigen Höhepunkt geführt hatte. In dem titelgebenden Stück "Campo Santo" rekonstruiert der Erzähler die Begräbnisrituale und Totenkulte auf Korsika und durchquert jenes schattenhafte Areal, auf dem sich Lebende und Tote berühren. Schon nach wenigen Seiten entfaltet sich das verstörende Sebaldsche Vexierspiel, in dem der Erzähler an einem epischen Totengedächtnis arbeitet, und in dem sich zugleich die Toten als Gespenstererscheinung in die empirische Sichtbarkeit drängen.

Die grandiose Miniatur "Die Alpen im Meer" erzählt von der Entstehung und dem gewaltsamen Ende jener monumentalen Waldungen und Baumpopulationen, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts Korsika überzogen. Auch diese Erzählung von erhabenen Hochwäldern ist in den Ringen des Saturn schon vorweg genommen und firmiert dort als trauriges Exempel für die Vernichtungsgewalt der Zivilisation. Im ersten Stück gerät der Erzähler in ein Museum für Devotionalien und Memorabilien des auf Korsika geborenen Über-Kaisers Napoleon, bei Sebald seit je in mehrfacher Hinsicht eine Gestalt des Unglücks.

Die Auswahl von Essays, die an die vier kurzen Prosastücke anschließt, ist keine zufällige Blütenlese verstreuter Arbeiten, sondern dokumentiert in verblüffender Weise, wie der Autor schon sehr früh seine eigenen katastrophischen Phantasmagorien in den Werken geistesverwandter Autoren entdeckt und zu einem eigenen literarischen Weltentwurf des Unglücks ausgearbeitet hat. Die Kernelemente seiner eigenen Poetik hat Sebald hier in seine famosen Porträts von Peter Weiss, Jean Améry und Wolfgang Hildesheimer eingezeichnet. Als zentrales Projekt von Peter Weiss gilt ihm der Versuch einer Begegnung mit den Toten und der Solidarität mit denjenigen, die ihren Tod überdeutlich mit sich herumtragen, "die auf dem Weg zum Fährboot sind, zum Acheron, die schon den Ruderschlag, den Ruf hören des Charon".

In den surrealistischen Malereien und den autobiographisch gefärbten Erzählungen von Weiss, dem fortgesetzten Eingedenken an die Opfer faschistischer Schrecken erkennt Sebald bereits 1986 jenen Impuls, der seine eigenen Geschichts-Erkundungen antreiben wird. Wie Peter Weiss hat sich auch W. G. Sebald als ein literarischer Anatom der geschundenen Menschenleiber verstanden. Als ein Urbild dieser Anatomie erscheint im Weiss-Essay von 1986 jenes berühmte Rembrandt-Gemälde, auf dem der Künstler eine öffentliche Autopsie des gehenkten Strauchdiebes Aris Kindt festgehalten hat. Das Anatomiebild Rembrandts fungiert auch in späteren Werken (zum Beispiel den Ringen des Saturn) als zentrales Bild-Stimulans seiner Prosa, wie auch die Bilder des hyperrealistischen Malers Jan-Peter Tripp. Bereits aus dem Jahr 1982 stammt jener umfangreiche Essay, in dem sich Sebald in "die literarische Beschreibung totaler Zerstörung" vertiefte und in seinen Reflexionen über Luftkrieg und Literatur jene Thesen skizzierte, mit denen er fünfzehn Jahre später so enormes Aufsehen erregte.

Der Leser der nachgelassenen Essays von W.G. Sebald wird jenen Weg gehen müssen, den Sebald selbst bei der Lektüre von Flauberts Legende vom heiligen Julian eingeschlagen hat: "Nicht ein einziges Mal während des Lesens hatte ich meinen Blick heben können von der mit jeder Zeile tiefer in das Grauen eindringenden, von Grund auf perversen Erzählung über die Verruchtheit der Menschengewalt."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Campo Santo von W.G.Sebald, 2003, Hanser2.)

Campo Santo.
Prosa und Essays von W. G. Sebald (2003, Hanser, hrsg. von Sven Meyer).
Besprechung von Hans-Joachim Neubauer in Rheinischer Merkur, 18.12.2003:

W. G. Sebald erkundet Korsika und die Literatur des vergangenen Jahrhunderts
Das heilige Feld
Der Autor starb vor zwei Jahren. Nun geben Texte aus dem Nachlass Einblick in seine letzten Versuche. Sie zeigen ihn als großen Prosaisten und Essayisten.

Seit W. G. Sebald vor zwei Jahren bei einem Unfall starb, fehlt der Autor von „Die Ringe des Saturn“, „Austerlitz“ und „Luftkrieg und Literatur“ seinen Lesern. Spät hatte er angefangen zu schreiben, spät erst kam der Ruhm, doch seither wird allzu deutlich, welchen Verlust die deutsche Literatur zu verschmerzen hat. Kein anderer Schriftsteller seiner Generation verstand es, die Gegenwart der Geschichte in seinem schmalen Werk so spürbar zu machen wie Sebald

Mit „Campo Santo“ nun hat der junge Hamburger Literaturwissenschaftler Sven Meyer einen Band herausgegeben, der wichtige verstreut publizierte oder nachgelassene Prosatexte sowie einige kritische und essayistische Versuche des Autors versammelt. Die Kraft und die Poesie dieser Arbeiten zeigen Sebald auf der Höhe seines Schaffens. Das Buch hat zwei Abteilungen: Die erste versammelt vier Prosastücke, die aus dem Umfeld eines mehrfach unterbrochenen Korsika-Projektes stammen. Der zweite Teil besteht aus vierzehn kritischen Essays über Literatur. Zusammen ergeben diese Texte so etwas wie eine Standortbestimmung des Autors W. G. Sebald.

Die Toten sind vergänglich

Mit der Skizze „Kleine Exkursion nach Ajaccio“ öffnet das Buch den Blick gleich zu Beginn auf die korsische Hauptstadt – und auf die lebendige Welt der Sebaldschen Prosa: „Im September vergangenen Jahres, während eines zweiwöchigen Ferienaufenthaltes auf der Insel Korsika, bin ich einmal mit einem blauen Linienbus die Westküste hinab nach Ajaccio gefahren . . .“, lauten die ersten Zeilen. Und so steht man bald mit dem Autor in „dunklen, stollenartigen Hauseingängen“ und liest auf blechernen Briefkästen „mit einer gewissen Andacht“ die Namen fremder Bewohner.

Wie so oft, nähert sich Sebald auch hier seinem Gegenstand von außen, langsam, gleichsam tastend und in vorsichtigen Schleifen. Durchgehend ist dabei das erzählende Ich gegenwärtig und verführt dazu, es auch für das biografische zu nehmen. So ist es meistens bei diesem Schriftsteller: Man erlebt die Welt durch den Blick des Erzählers, und zugleich erfährt man die eindringliche Präsenz eines merkwürdig einsamen, unbehausten Ichs.

Sein Weg führt dieses Ich in zwei Museen zur napoleonischen Geschichte. Und, wie kaum anders zu erwarten, verdichtet sich die Begegnung des Erzählers mit den historischen Dokumenten zu einem Moment poetischer Genauigkeit. Im Souterrain des Musée Fesch entdeckt er eine Sammlung von Speckstein- und Elfenbein-Skulpturen des Kaisers, Miniaturen, die jenen handwerklichen Fleiß bezeugen, mit dem damals der Napoleon-Kult betrieben wurde. Eine von ihnen, „kaum mehr als erbsengroß“, zeigt den Mann auf St. Helena auf einem Felsen sitzend. „Wohl ist ihm dort, mitten im öden Atlantik, gewiss nicht gewesen, und er wird sie vermisst haben, die Aufregung seines vergangenen Lebens“, sinniert der Erzähler lakonisch, bevor er weiterzieht, zu Kafka, zu Napoleons Leichnam, zu anderem.

Immer wieder konstruiert Sebald, als Inseln im Fluss seines vagierenden Erzählens, Ruhepunkte. Eine steinerne Bank oder das Ufer eines kleinen Baches geben den Blick frei auf Oleander, Fächerpalmen und Lorbeer, auf Uferschwalben und das allen Lesern Sebalds vertraute Licht des Nachmittags. So entsteht jener besondere Rhythmus von Beobachten und Nachdenken, von Erleben und Reflektieren, ein Sog des Berichtens, der immer neu zu einer Erfahrung des Lebens und der Ahnung des Todes führt.

Denn so zart die Bewegungen des Erzählens auch verlaufen: „Campo Santo“ wäre nicht ein Buch Sebalds, stünde es nicht offen für den Schrecken, für Epiphanien des Entsetzens und des Vergehens. In der titelgebenden Geschichte erinnert sich der Erzähler an den Anblick seines verstorbenen Großvaters; dabei zeigt er den Tod als „ein schandbares, von keinem von uns Überlebenden mehr gutzumachendes Unrecht“. Seit einiger Zeit wisse er: „Je mehr einer, aus was für einem Grunde immer, zu tragen hat an der der menschlichen Art wahrscheinlich nicht umsonst aufgebürdeten Trauerlast, desto öfter begegnen ihm Gespenster.“

Doch begreift Sebald auch die Genauigkeit im Umgang mit dem Tod als vergängliches Phänomen in einer Zeit der Überbevölkerung: „Noch sind sie um uns, die Toten, aber manchmal glaube ich, dass sie vielleicht bald verschwinden werden.“ So wird, scheinbar en passant, auch die Gegenwart historisch.

Deutsch und schwerblütig

Peter Weiss und Jean Améry, Handke und Nossack, Grass und Hildesheimer, Kafka, Nabokov: In seinen Essays zur Literatur des vergangenen Jahrhunderts zeigt sich Sebald als Leser. In einer Art von literarischer Archäologie legt er die Schichten des Schreibens offen, die Manien und Mythen, die einige der von ihm beobachteten Schriftsteller antrieben. Doch statt mit akademischer Verve seine Kenntnisse und Erkenntnisse als letzten Stand der Wissenschaft zu verkaufen, wahrt er eine sympathetische Distanz zu denen, die er beschreibt. Denn weniger als nach den Techniken des Schreibens fragt er nach dessen Geheimnis.

Dementsprechend kritisch fallen seine Reflexionen zu Grass' „Tagebuch einer Schnecke“ aus, das für ihn „etwas von einer historischen Pflichtübung“ an sich hat. Nicht die kluge Konstruktion, glaubt Sebald, macht ein Buch zu einem guten; er ist überzeugt, „dass die Literatur heute, allein auf sich gestellt, zur Erfindung der Wahrheit nicht mehr taugt“.

„Campo Santo“ ist Friedhof und heiliges Feld zugleich: ein literarischer Ort der Erinnerung und der magischen Momente, ein weiter, von Schatten spendenden Pflanzen umgebener Platz, auf dem Sebald den ganzen Zauber seines Schreibens entfaltet. Alles rückt nah, das Leben und der Tod, die Literatur und das Schreiben, die Geschichte und die Gegenwart. Sebald lebte in England, sein Thema aber ist Deutschland und seine Geschichte. Und wie so oft bei diesem Autor, so wirkt auch hier die Konzentration auf die essenziellen Themen auf eine irritierende Weise schwerblütig und sehr deutsch.

Doch immer wieder zieht ein fast leichter, tröstender, bisweilen gar verhalten beschwingter Ton über den Raum dieses Buches: die in der Schrift überdauernde Stimme eines Schwierigen. Über Bruce Chatwin schreibt er: „Wie er selber letztendlich ein Enigma geblieben ist, so weiß man von seinen Büchern nicht, wohin sie gehören.“ Man könnte vermuten, dass er damit ein wenig auch von sich selber spricht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0104 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur