1.) - 2.)
Campo Santo.
Prosa und Essays von W.
G. Sebald (2003, Hanser - Hrsg. von Sven Meyer).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 10.12.2003:
Wo Lebende und Tote sich begegnen
Der Weltenbrand schwelt fort: "Campo
Santo", nachgelassene Prosa und Essays von W.G. Sebald
Die Auswahl von Essays, die an die vier kurzen
Prosastücke anschließt, ist keine zufällige Blütenlese verstreuter Arbeiten,
sondern dokumentiert in verblüffender Weise, wie der Autor schon sehr früh
seine eigenen katastrophischen Phantasmagorien in den Werken geistesverwandter
Autoren entdeckt und zu einem eigenen literarischen Weltentwurf des Unglücks
ausgearbeitet hat. Die Kernelemente seiner eigenen Poetik hat Sebald hier in
seine famosen Porträts von Peter
Weiss, Jean Améry
und Wolfgang
Hildesheimer eingezeichnet. Als zentrales Projekt von Peter
Weiss gilt ihm der Versuch einer Begegnung mit den Toten und der Solidarität
mit denjenigen, die ihren Tod überdeutlich mit sich herumtragen, "die auf
dem Weg zum Fährboot sind, zum Acheron, die schon den Ruderschlag, den Ruf hören
des Charon".
In den surrealistischen Malereien und den autobiographisch gefärbten Erzählungen
von Weiss, dem fortgesetzten Eingedenken an die Opfer faschistischer Schrecken
erkennt Sebald bereits 1986 jenen Impuls, der seine eigenen
Geschichts-Erkundungen antreiben wird. Wie Peter
Weiss hat sich auch W. G. Sebald als ein literarischer Anatom der
geschundenen Menschenleiber verstanden. Als ein Urbild dieser Anatomie erscheint
im Weiss-Essay von 1986 jenes berühmte Rembrandt-Gemälde, auf dem der Künstler
eine öffentliche Autopsie des gehenkten Strauchdiebes Aris Kindt festgehalten
hat. Das Anatomiebild Rembrandts fungiert auch in späteren Werken (zum Beispiel
den Ringen des Saturn) als zentrales Bild-Stimulans seiner Prosa, wie
auch die Bilder des hyperrealistischen Malers Jan-Peter Tripp. Bereits aus dem
Jahr 1982 stammt jener umfangreiche Essay, in dem sich Sebald in "die
literarische Beschreibung totaler Zerstörung" vertiefte und in seinen
Reflexionen über Luftkrieg und Literatur jene Thesen skizzierte, mit denen er fünfzehn
Jahre später so enormes Aufsehen erregte.
Der Leser der nachgelassenen Essays von W.G. Sebald wird jenen Weg gehen müssen, den Sebald selbst bei der Lektüre von Flauberts Legende vom heiligen Julian eingeschlagen hat: "Nicht ein einziges Mal während des Lesens hatte ich meinen Blick heben können von der mit jeder Zeile tiefer in das Grauen eindringenden, von Grund auf perversen Erzählung über die Verruchtheit der Menschengewalt."
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2.)
Campo Santo.
Prosa und Essays von W.
G. Sebald (2003, Hanser - Hrsg. von Sven Meyer).
Besprechung von Hans-Joachim
Neubauer in Rheinischer
Merkur, 18.12.2003:
Seit W. G. Sebald vor zwei Jahren bei einem Unfall starb, fehlt der Autor von „Die Ringe des Saturn“, „Austerlitz“ und „Luftkrieg und Literatur“ seinen Lesern. Spät hatte er angefangen zu schreiben, spät erst kam der Ruhm, doch seither wird allzu deutlich, welchen Verlust die deutsche Literatur zu verschmerzen hat. Kein anderer Schriftsteller seiner Generation verstand es, die Gegenwart der Geschichte in seinem schmalen Werk so spürbar zu machen wie Sebald.
Mit „Campo Santo“ nun hat der junge Hamburger Literaturwissenschaftler Sven Meyer einen Band herausgegeben, der wichtige verstreut publizierte oder nachgelassene Prosatexte sowie einige kritische und essayistische Versuche des Autors versammelt. Die Kraft und die Poesie dieser Arbeiten zeigen Sebald auf der Höhe seines Schaffens. Das Buch hat zwei Abteilungen: Die erste versammelt vier Prosastücke, die aus dem Umfeld eines mehrfach unterbrochenen Korsika-Projektes stammen. Der zweite Teil besteht aus vierzehn kritischen Essays über Literatur. Zusammen ergeben diese Texte so etwas wie eine Standortbestimmung des Autors W. G. Sebald.
Die Toten sind vergänglich
Mit der Skizze „Kleine Exkursion nach Ajaccio“ öffnet das Buch den Blick gleich zu Beginn auf die korsische Hauptstadt – und auf die lebendige Welt der Sebaldschen Prosa: „Im September vergangenen Jahres, während eines zweiwöchigen Ferienaufenthaltes auf der Insel Korsika, bin ich einmal mit einem blauen Linienbus die Westküste hinab nach Ajaccio gefahren . . .“, lauten die ersten Zeilen. Und so steht man bald mit dem Autor in „dunklen, stollenartigen Hauseingängen“ und liest auf blechernen Briefkästen „mit einer gewissen Andacht“ die Namen fremder Bewohner.
Wie so oft, nähert sich Sebald auch hier seinem Gegenstand von außen, langsam, gleichsam tastend und in vorsichtigen Schleifen. Durchgehend ist dabei das erzählende Ich gegenwärtig und verführt dazu, es auch für das biografische zu nehmen. So ist es meistens bei diesem Schriftsteller: Man erlebt die Welt durch den Blick des Erzählers, und zugleich erfährt man die eindringliche Präsenz eines merkwürdig einsamen, unbehausten Ichs.
Sein Weg führt dieses Ich in zwei Museen zur napoleonischen Geschichte. Und, wie kaum anders zu erwarten, verdichtet sich die Begegnung des Erzählers mit den historischen Dokumenten zu einem Moment poetischer Genauigkeit. Im Souterrain des Musée Fesch entdeckt er eine Sammlung von Speckstein- und Elfenbein-Skulpturen des Kaisers, Miniaturen, die jenen handwerklichen Fleiß bezeugen, mit dem damals der Napoleon-Kult betrieben wurde. Eine von ihnen, „kaum mehr als erbsengroß“, zeigt den Mann auf St. Helena auf einem Felsen sitzend. „Wohl ist ihm dort, mitten im öden Atlantik, gewiss nicht gewesen, und er wird sie vermisst haben, die Aufregung seines vergangenen Lebens“, sinniert der Erzähler lakonisch, bevor er weiterzieht, zu Kafka, zu Napoleons Leichnam, zu anderem.
Immer wieder konstruiert Sebald, als Inseln im Fluss seines vagierenden Erzählens, Ruhepunkte. Eine steinerne Bank oder das Ufer eines kleinen Baches geben den Blick frei auf Oleander, Fächerpalmen und Lorbeer, auf Uferschwalben und das allen Lesern Sebalds vertraute Licht des Nachmittags. So entsteht jener besondere Rhythmus von Beobachten und Nachdenken, von Erleben und Reflektieren, ein Sog des Berichtens, der immer neu zu einer Erfahrung des Lebens und der Ahnung des Todes führt.
Denn so zart die Bewegungen des Erzählens auch verlaufen: „Campo Santo“ wäre nicht ein Buch Sebalds, stünde es nicht offen für den Schrecken, für Epiphanien des Entsetzens und des Vergehens. In der titelgebenden Geschichte erinnert sich der Erzähler an den Anblick seines verstorbenen Großvaters; dabei zeigt er den Tod als „ein schandbares, von keinem von uns Überlebenden mehr gutzumachendes Unrecht“. Seit einiger Zeit wisse er: „Je mehr einer, aus was für einem Grunde immer, zu tragen hat an der der menschlichen Art wahrscheinlich nicht umsonst aufgebürdeten Trauerlast, desto öfter begegnen ihm Gespenster.“
Doch begreift Sebald auch die Genauigkeit im Umgang mit dem Tod als vergängliches Phänomen in einer Zeit der Überbevölkerung: „Noch sind sie um uns, die Toten, aber manchmal glaube ich, dass sie vielleicht bald verschwinden werden.“ So wird, scheinbar en passant, auch die Gegenwart historisch.
Deutsch und schwerblütig
Peter Weiss und Jean Améry, Handke und Nossack, Grass und Hildesheimer, Kafka, Nabokov: In seinen Essays zur Literatur des vergangenen Jahrhunderts zeigt sich Sebald als Leser. In einer Art von literarischer Archäologie legt er die Schichten des Schreibens offen, die Manien und Mythen, die einige der von ihm beobachteten Schriftsteller antrieben. Doch statt mit akademischer Verve seine Kenntnisse und Erkenntnisse als letzten Stand der Wissenschaft zu verkaufen, wahrt er eine sympathetische Distanz zu denen, die er beschreibt. Denn weniger als nach den Techniken des Schreibens fragt er nach dessen Geheimnis.
Dementsprechend kritisch fallen seine Reflexionen zu Grass' „Tagebuch einer Schnecke“ aus, das für ihn „etwas von einer historischen Pflichtübung“ an sich hat. Nicht die kluge Konstruktion, glaubt Sebald, macht ein Buch zu einem guten; er ist überzeugt, „dass die Literatur heute, allein auf sich gestellt, zur Erfindung der Wahrheit nicht mehr taugt“.
„Campo Santo“ ist Friedhof und heiliges Feld zugleich: ein literarischer Ort der Erinnerung und der magischen Momente, ein weiter, von Schatten spendenden Pflanzen umgebener Platz, auf dem Sebald den ganzen Zauber seines Schreibens entfaltet. Alles rückt nah, das Leben und der Tod, die Literatur und das Schreiben, die Geschichte und die Gegenwart. Sebald lebte in England, sein Thema aber ist Deutschland und seine Geschichte. Und wie so oft bei diesem Autor, so wirkt auch hier die Konzentration auf die essenziellen Themen auf eine irritierende Weise schwerblütig und sehr deutsch.
Doch immer wieder zieht ein fast leichter, tröstender, bisweilen gar verhalten beschwingter Ton über den Raum dieses Buches: die in der Schrift überdauernde Stimme eines Schwierigen. Über Bruce Chatwin schreibt er: „Wie er selber letztendlich ein Enigma geblieben ist, so weiß man von seinen Büchern nicht, wohin sie gehören.“ Man könnte vermuten, dass er damit ein wenig auch von sich selber spricht.
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