Café? Umberto.
Theaterstück von Moritz Rinke (2005, Düsseldorf).
Besprechung von Ulrike Merten aus der NRZ vom 26.09.2005:

Zeit für Kopfarbeit
Die Seelen der Hartz IV-Geschädigten: Moritz Rinkes Tragikomödie "Cafe? Umberto" im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Die andalusische Dorfkneipe ist weit. "Cafe? Umberto" liegt mitten in der bundesdeutschen Wirklichkeit: eine kleine Klapptheke für Latte Macchiato und ein gelegentliches Bier. Direkt neben den Plastiksitzschalen in der Wartezone eines Jobcenters hat sie Bühnenbildner Florian Etti in Düsseldorf platziert. Unwirtlich und doch eine Art Zufluchtsort für drei von Arbeitslosigkeit gebeutelte Mittelstandspaare, einen Landwirt und den vermeintlich stummen Milchschäumer Umberto.

Der junge Dramatiker Moritz Rinke hat sich - treffsicher, zugespitzt - Arbeit gemacht mit "Cafe? ?Umberto", dem neuesten Drama um die fatale Erfahrungs-Gleichung: Verlust von bezahlter Arbeit gleich Würdeverlust. Und das Düsseldorfer Schauspielhaus hat den Uraufführungs-Konkurrenzlauf gegen die Kollegen vom Hamburger Thalia mit knappem Vorsprung zweier Tage gewonnen.

Absprung vom ideologischen Hamsterrad

Unaufgeregt, ohne Griff in die effektheischende Trickkiste und doch spannungsvoll inszenierte Burkhard C. Kosminski am Sonntagabend im Kleinen Haus die dramatisierte Aufforderung, die Begriffe Zeit und Arbeit neu zu definieren. Frei nach dem Motto: Wenn du die Verhältnisse nicht ändern kannst, ändere deine Einstellung dazu? Ganz so leicht macht es sich Rinke nicht. Dazu horcht sein Stück zu sensibel die widersprüchliche individuelle Seelenlage der Hartz IV-geprägten Protagonisten aus. Doch der Verdacht des philosophischen Fluchtwegs aus der Misere bleibt. Dabei tut der Absprung vom ideologischen Hamsterrad der Allmacht der Erwerbsarbeit Not. Kosminski arbeitet mit präzisem Timing, lässt sich aber Zeit mit dem tragikomischen Stück. Und das ist gut so. Menschen, deren Alltag vom Warten bestimmt ist, wird ein atemloses Revue-Stakkato nicht gerecht.

So finden sie sich nach und nach ein im "Cafe? Umberto", die Talente, die der Markt nicht braucht: Jaro, Komponist und Optimist trotz allem (authentisch: Marcus Bluhm). Später wird er Mode-Designerin Jule, deren Label "Berlin am Meer" niemand ordern will, vor dem Sprung aus dem Fenster retten, aber nicht vor der Psychiatrie. Lisa Hagmeister umspannt die flatternde innere Unruhe dieser gescheiterten Ich-AG mit nervöser Haut, ohne zu überdrehen. Die Inszenierung dosiert die Leichtigkeit gerade so, dass die Szenen dem Pathos der freudlosen Gasse entgehen, ohne Abgründe zu verdecken.

Explosiv geladen dagegen Paula und ihr Mann und Ex-Uni-Professor Anton. Bei den beiden hat die Arbeitslosigkeit jeden Selbstschutz längst aufgerieben, Beziehungskonflikte potenziert. Glaubhaft ist Dominique Horwitz´ Aufbegehren gegen die Abwertung weniger in den hochgekochten, vielmehr in den stillen Momenten.

Eigentherapie per Dia-Projektor voller Selbstporträts betreibt Erdkundelehrer Lukas (ausgezeichnet: Matthias Leja). Dass seine Frau Sonja, erfolgreiche TV-Moderatorin (Esther Hausmann) ausgerechnet dem Arbeitsagentur-Computer im "Cafe? Umberto" ihre Profi-Stimme verkauft hat, ist zuviel der Erniedrigung.

Bis Bauer Kück (als kauzige Randfigur: Dieter Prochnow) schließlich wortlos einen Baum (der Hoffnung?) ins Jobcenter trägt und Umberto (Jean-Laurent Sasportes) mit dem "Black Bird" der Beatles doch noch seine Sing-Stimme (für die Zukunft ?) abgibt, sind zwei gute, zwei lebensnahe Theater-Stunden vergangen. Freie Zeit, die eigene Lage auszuloten, anregender Stoff für selbstbestimmte Kopf-Arbeit, auch später. - Lang anhaltender Applaus vom Premierenpublikum. (NRZ)

Termine: 6., 7., 8., 29. und 30. Oktober (Tel: 0211/369911)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Neue Ruhr/Rhein Zeitung