1.) - 2.)
Café
Saratoga.
Roman von Malin
Schwerdtfeger (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Von Claudia Kramatscheck aus der Wochenzeitung, Zürich, 4.10.2001:
Julia Schoch, Malin Schwerdtfeger und Juli Zeh: Drei Debüts, die den Untergang des sozialistischen Ostens verhandeln.
Die Grenzen sind gefallen. Zwischen Ost und West, Sozialismus und Kapitalismus. Und
doch leben sie fort etwa als äussere Koordinaten der Innenräume all jener, die
aus dem geschichtlich-geografischen Entweder-oder entlassen sind in eine vermeintlich
grössere, freiere Welt.
Auch in Julia Schochs Debütband
«Der Körper des Salamanders» bildet «der Osten» den Echoraum ihrer Figuren, an dessen
Existenz sich ihre individuellen Existenzen entscheiden. Und das in einem wortwörtlichen
Sinn denn Schoch dreht die Zeit ein wenig zurück, noch gibt es die Grenze, noch
die DDR, und dann schon gibt es den Übergang und doch hallt dieser Osten wie von
merkwürdig fern nach, denn nichts sind diese neun Erzählungen weniger als fiktive
Wiederbelebungen dessen, was einmal Osten war. Zwischen den Zeilen ist er Bedingung, ohne
die die Geschichten nicht wären, was sie sind: abgründige, sich letzten Gewissheiten
entziehende Reflexionen über die gesellschaftliche Verfasstheit des Menschen, das Gewicht
der Geschichte, das den Körper des Einzelnen beschwert.
Das Schwarze Meer und Rumänien, die Havelseen und das Donaudelta; eine stillgelegte
Fischfabrik, der Ruderverein Dynamo, ein verfallendes Lichtspielhaus dies sind die
Plätze und Orte, an die Schoch uns entführt. Merkwürdig karg wirken sie und
wagemutig «unsexy» auch in ihrer Sprödheit, mit der Schoch selbst diese realen Eckdaten
wie nur versehentlich in den Text einstreut. Man ist versucht zu sagen: Territorien der
Unbehaustheit. Schochs Figuren blicken uns aus diesen ihren Welten so fremd wie
eigensinnig an. Doch dem, was sich da im Negativ ihrer Augen als die Kontur des Ostens
flüchtig abzeichnet, dem eignet etwas nicht Bezähmbares, etwas hartnäckig Unbeirrbares
noch da, wo sich Scheitern abzuzeichnen droht.
Von solchem Widersinn, der Entschiedenheit, sich nicht vereinnahmen zu lassen, erzählen
Schochs Figuren mit leisen Bewegungen, aber zäh. Herr Quantitschek etwa, der als Ober
entlassen wird, weil er von alten Gepflogenheiten die weisse Serviette überm Arm
und Geschmeidigkeit statt Eile nicht lassen will, und heimlich in seinem Zimmer ein
Flugzeug konstruiert, mit dem er davonfliegen wird an jenen Ort tief im Osten, an dem man
sich an Spieleabenden mit Reiseberichten die Zeit vertreibt; Kaatsch, der den alten Charme
des Lichtspielhauses Aurora bewahren will und die Modernisierung sabotiert, indem er neue
Filme in falscher Reihenfolge abspielt; oder jenes Mädchen der titelgebenden Erzählung,
die ihrem Hass auf den kalten Drill des Wassers, dem sie als Steuerfrau im Ruderboot
ausgesetzt ist, eines Tages durch eine gezielte Manipulation des Bootes ein Ende bereitet.
Entschwinden, Abtauchen in ein Eigenes, und sei es nur auf das Eiland der Fantasterei
dies scheint der Traum, der die Schochschen Figuren beseelt. Fremd sind sie,
sowohl im Alten wie im Neuen, das ihre eigene Existenz mit den Riesenschritten der
Geschichte dann überholt. Fremd scheinen sie sich selbst, immer nur wie Gäste im eigenen
Dasein, das sie teils mimen wie Schauspieler: «Wie Frischverliebte» heisst das Spiel,
das Crohn und seine Begleiterin während ihrer Reise in das vom Umsturz erschütterte
Rumänien betreiben. So wird die Mimikry, scheint es, ihnen zur eigentlichen Heimat. Denn
was ist Heimat in einem Land, aus dem man nur hofft zu entkommen? Und was, wenn die
Vorzeichen der Geschichte sich ändern und man der eigenen beraubt wird? Wie zurückkehren
in etwas, das nie mehr das sein wird, was es war? Und kann man etwas verlassen, was es
nicht mehr gibt? «Ich hatte mit einemmal gar keine Hoffnung mehr, woanders anzukommen als
in Europa. (
) Dass jeder Weggang mich nur wieder herankommen liesse», gesteht die
Erzählerin in «Im Delta». Ist dies Freiheit oder der Fluch eines unentrinnbaren
Dazwischen? Behutsam, indirekt und wie im Verborgenen erzählt Schoch somit von der
Freiheit des Menschen, von der sie weiss, dass sie eher unbequeme Frage ist denn schnelle
Antworten bereithält. Sartre, auf diesen Namen tauft der junge Soldat jenen Vogel,
den er dem Mädchen schenkt in seiner letzten Nacht, die er noch lebt.
«Wie soll man einen Menschen erzählen?», fragt sich die junge Erzählerin in «Cinema
Aurora». Schoch, 1974 geboren, weiss bereits jetzt von der Beredsamkeit auch des
Unausgesprochenen. Sie schreibt vom Menschen, indem sie die Möglichkeiten seiner Existenz
in den Bedingungen seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit schildert. Die Fesseln dieser
Wirklichkeit spiegeln sich als Wünsche in den Augen von Schochs Figuren. Während sie
nach Freiheit trachten, wissen sie, dass diese die Voraussetzung, aber nicht alleiniger
Garant ist für das menschliche Glück.
Deutsch lernen von Mainzelmännern
Von einer Existenz im Dazwischen weiss auch Sonja, die so quirlige wie amüsant
unerschrockene Erzählerin in Schwerdtfegers Roman «Café Saratoga», zu berichten. Denn
immer schon scheinen sie und ihre ältere Schwester Majka gezwungen gewesen, sich zu
entscheiden: entweder/oder. Entweder Parteinahme für ihren Vater Tata oder Solidarität
mit ihrer Mutter Lilka; entweder das Leben auf der polnischen Halbinsel Hel oder der
Neuanfang im gelobten (Deutsch-)Land namens Bundes, das wenige Jahre später der
Wiedervereinigung anheimfallen wird
Und nicht zuletzt die Anstrengung, sich von
einem Kind in eine Frau zu verwandeln.
Trickreich beginnt der Roman mit einem Ende, das ein Neuanfang ist: Denn Sonja ist gerade
dabei, mit ihrer kränkelnden Mutter und ihrer besten Freundin Jane die Grenze zu
überschreiten und zurückzukehren von Bundes nach Hel, in jenes Land ihrer Sehnsucht, das
einst der Mittelpunkt im Kosmos ihrer Kindheit war. Hel, das waren die Sommermonate,
«perfekte Tage», Wasser und Sonne, Ausflüge in die Umgebung. Vor allem aber war Hel
geprägt durch die Umtriebe im Café Saratoga, das Tata von der als Nazihure
verschrienen Tante Apolonia erworben hatte. Tata hofft, «Biznes» zu machen: Geld
einzutreiben für den Grenzübertritt nach Bundes, den Übergang in ein besseres
Leben: «die nächsthöhere Dimension». Erst einmal aber spielt das Leben im Café: Die
Kellnerinnen in hochhackigen Schuhen kommen und gehen wie Eintagsfliegen, und die Mädchen
staunen über die Gespräche der Erwachsenen, die wie Bocian der ungestüme «Rock
n Rocian» Anzüglichkeiten austeilen oder aber auf Polen, Nazis und
Kaschuben gleichermassen schimpfen. Gekonnt spielt Schwerdtfeger in ihrer kräftigen
Figurenzeichnung auch mit den Klischees polnischer und deutscher Mentalität: Tata ist ein
Prachtexemplar jener barbarisch grundierten Lebensfröhlichkeit, wie man sie sich
gemeinhin vorstellt in der Verbindung von Bauernschläue und bacchantischer Vitalität.
Nichts ist ihm so heilig wie der Leib und die Liebe, und darin ist er so stürmisch wie
rücksichtslos; seine Frau nennt er «kosmische Sekretärin», die Scheidung ignoriert er
geflissentlich, und kaum kann er erwarten, dass seine Töchter Frauen werden. Denn «wenn
die Drüsen deiner Kinder reifen, breitet sich dein Same aus». Kurz: ein charmanter
Eroberer, dem sich auch die Lesenden nicht erwehren können. Und so unverblümt, wie die
heranwachsende Sonja von der Sexualität erzählt, flicht Schwerdtfeger auch
Versatzstücke der deutsch-polnischen Geschichte ganz wie nebenbei ein, die sich unter dem
Blick des jungen Mädchens ins Anekdotische verkehren und doch unüberhörbar den Basso
continuo des Romans abgeben.
Es ist dieser vermeintlich unschuldige, doch entlarvende Blick des Kindes, der als Tonfall
besticht, begleitet von Schwerdtfegers Gabe zur Beobachtung des grossen Ganzen im Reflex
des Kleinen, Alltäglichen. Der Humor der Heranwachsenden wird zum Brennglas, mit dem die
Autorin die Welt befragt und das Wesen der Dinge herausdestilliert. Wie Alice hinter den
Spiegeln enthüllen sich Sonja daher auch die Eigenheiten jener fremden Welt namens
Bundes, in die der Vater die Familie eines Tages endgültig mit sich nimmt.
«Fluchttiere», die sie nunmehr sind, verleiht ihnen der Aussenseiterblick die Macht der
Tragikomik: Deutsch lernen sie von den Schlümpfen und vom «Mainzelmännchengesang»,
Basteln und Gruppengespräche scheinen der Inbegriff des Deutschen. Das Ankommen bleibt
ebenso aus, wie die Erinnerung an Hel immer ferner rückt. Die Mutter liegt nur noch im
Bett, Majka verkriecht sich im Haus, und auch Sonja ist erst wieder im Hier und Jetzt, als
sie der so spontanen wie neugierigen Jane begegnet, die Sonja mit ihren vielen Fragen die
Gegenwart und die Vergangenheit zurückgibt. Doch unaufhörlich zerfällt
der Familienkosmos im neuen Land. Majka beschliesst, nie mehr zu lieben, um nie mehr zu
verlieren; Tata gründet eine neue Familie; die Mutter sehnt sich nach dem einstmals
verhassten Hel. Bewusst lässt Schwerdtfeger es offen, ob Tatas Lebenstraum für
lächerlich zu erklären ist, als sich dann auch noch im Jahre 1989 die Grenzen öffnen.
Was ist verloren, was ist gewonnen? Verlust jedenfalls davon erzählt Schwerdtfeger
so leichtfüssig wie tiefsinnig scheint das schmerzliche Signum der Freiheit: jenes
Rechts, aber auch der Pflicht, sich zu entscheiden. Sonja wird sich für die Sehnsucht
nach ihrer Heimat entscheiden. Sie packt ihre Koffer, ihre Mutter, Jane und sich ins Auto
und fährt gen Hel. Es ist ein Grenzübertritt im wahrsten Sinne des Wortes: ins Land der
Erwachsenen, aber auch in das Land der Liebe, des Frauseins. Das nämlich wartet an der
Grenze auf sie, in der Figur jenes Lastwagenfahrers, dem sie sich in einer kurzen Rast
hingeben wird.
Weltpolitik und Liebeshandel
Polen, aber auch der Balkan, Wien und Leipzig dies sind die geografischen Pfeiler
des so düsteren wie rauschhaften ersten Romans «Adler und Engel» der ebenfalls 1974
geborenen Juli Zeh. Er ist ein Trip
in die Hölle des Menschen(un)möglichen, der nicht nur von bedingungsloser, an die Grenze
der persönlichen Auflösung gehender Liebe erzählt. Wovon er vor allem zu erzählen
weiss, sind die schmutzig-kalten Politgeschäfte, die der Westen im Namen des Friedens mit
jenem Projektionsfeld namens «Osten» zu betreiben weiss, indem er dies Territorium als
Müllhalde der eigenen Staatssicherheit aufrechterhält. Und er zeigt, wie eng sich die
Schlinge des Politischen um den Hals des Einzelnen legen kann, wähnt er sein privates
Leben noch so fern von dessen Geschichte.
Auch Max, Zehs Erzähler, wird schmerzhaft eines Besseren belehrt. Nunmehr Anwalt in der
Wiener Kanzlei von Rufus, einem «Spezialisten im Europäischen und Internationalen
Recht», hatte Max vor zwölf Jahren einen Trip als Drogenkurier nach Italien absolviert:
gemeinsam mit Jessie und Shershah, die er beide aus seiner Zeit im Internat kannte. Und
nun steht Jessie vor seiner Tür und bittet ihn um Hilfe, da sie glaubt, verfolgt zu
werden. Für Max wird sein Ja zu einem Übergang in eine Welt voller Abgründe, in der
alle Gewissheiten enden. Denn Jessie wird sich erschiessen in jener Wohnung in Leipzig,
wohin Max versetzt worden ist in Fragen der EU-Osterweiterung. Ihr Tod zwingt Max,
zurückzukehren in ihre Welt, zurückzukehren auch nach Wien, wo alles seinen Anfang nahm.
Denn hier erhielten sie einst auch ihre Ware von Jessies Vater Herbert, einem der
wichtigsten Dealer in ganz Europa. Und nach und nach kommt Max in Wien mithilfe der jungen
Radiomoderatorin Clara, die seine Geschichte auf Tonband aufzeichnet, der Wahrheit auf die
Spur und ahnt, wie eng sich Recht und Unrecht, hehre Politik und menschenverachtendes
Geschäft verzahnen. Denn Herbert erweist sich als Lieferant für jenen Drogenschmuggel im
Balkan, in dem bosnische Kriegsgefangene zur Finanzierung des Krieges als Kuriere
abgerichtet werden. «Drugs for Guns» lautet die Devise. Max erkennt, dass auch er seinen
Job bei Rufus allein Herbert verdankt und in Leipzig zu nichts anderem diente als der
Vorbereitung neuer Drogenrouten nach Polen. Gekonnt flicht Zeh Weltpolitik und
Liebeshandel, das Grauen und die Hingabe in ihrem so opulenten wie halluzinogenen Roman.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0702 LYRIKwelt © Wochenzeitung
***
2.)
Café
Saratoga.
Roman von Malin
Schwerdtfeger (2001, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung Christina
Bitzikanos aus Rezensionen-online
*Sz*, Oktober 2002:
Die ruhelose Suche nach Identität und Heimat bestimmen das Leben des eigenwilligen polnischen Protagonisten und damit den Handlungsverlauf des Romans.
Als Vater zweier halbwüchsiger Töchter und Ehemann einer depressiven, im Leben und in der Liebe gescheiterten Frau begreift sich "Tata" als Verkünder der Lebensweisheiten und sogar als die Personifikation des Lebens selbst. Malin Schwerdtfeger entwirft in ihrem Debütroman das Bild eines Mannes, der das Erwachsenwerden seiner Töchter mit größter Aufmerksamkeit beobachtet, ohne selbst jemals erwachsen geworden zu sein.
Die beiden Schauplätze, das Café Saratoga auf der polnischen Halbinsel Hel und "Bundes" (die Bundesrepublik Deutschland), machen nicht nur den Romanhintergrund aus, sondern stehen auch als symbolträchtige Begriffe im Zentrum der Handlung. Während der erste stellvertretend für den ereignisreichen Übergang von Kindheit zu Pubertät ist, gilt der zweite als Glücksverheißung und erstrebenswertes Paradies schlechthin: "Bundes zerfloß auf unseren Zungen wie Vanilleeis. Auch Bundes roch nach Neuem, nach Meer, wie damals das Café Saratoga an unserem ersten Tag."
Aus der Sicht der Ich-Erzählerin Sonja, die eine besondere Affinität zu ihrem Vater hat, werden die teilweise schwierigen Erfahrungen mit dem Wohnortswechsel geschildert, mit dem der Wechsel ins Erwachsenwerden einhergeht. Erste sexuelle Erfahrungen und die Entwicklung des eigenen Körpers spielen hierbei eine besondere Rolle.
Mit Hilfe zahlreicher Vergleiche und sprachlicher Bilder, die oft ins Metaphysische hineinspielen, lässt die Autorin eine vergangene, aber stets präsente Welt entstehen, an die sich die Protagonisten wehmütig klammern. Erreichbar ist diese jedoch bezeichnenderweise nur durch die von den Sternen besungene "Stairway to Hel".
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1103 LYRIKwelt © Rezensionen-online