1.) - 2.)

Café Cuba.
Roman von Zoé Valdés (2004, Ammann - Übertragung Klaus Laabs).
Besprechung von Dieter Lohr, 24.5.2004:

Bunter Cocktail

Zoé Valdés’ 1999 auf Spanisch erschienener Roman
Café Cuba liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor. Mal ist das Buch zu ausführlich, mal zu knapp, mal zu romantisch, mal zu nüchtern, mal zu vulgär. Und trotzdem: aus der Hand legen kann man es nicht mehr, wenn man einmal angefangen hat zu lesen.

Marcela, die Hauptfigur des Romans, ist gebürtige Kubanerin und auf abenteuerlichen Wegen und Umwegen zu einem nicht kubanischen Pass, Karriere und Geld gekommen. Damit ist sie kein Einzelfall: Die meisten ihrer Freunde sind ausgewandert; Marcela erhält Anrufe, Faxe und E-Mails aus der ganzen Welt, aus Mexiko, Argentinien, Ecuador, Miami, New York und Paris, wo sie selbst lebt. Und alle ihre Freunde haben die gleichen Probleme und die gleiche Einstellung zum Leben: So schön wie auf Kuba ist es nirgendwo auf der Welt, wäre es nirgendwo auf der Welt, wenn es auf Kuba ein bisschen anders zuginge … Kuba – ein verlorenes Paradies. Alle hängen sie einem Traum nach, leben in und von ihren Erinnerungen und sind in ihren jeweils neuen Welten nicht richtig glücklich. Nicht dass sie vollkommen unglücklich wären; Lateinamerikaner verstehen es ja bekanntlich, die Welt in Drehung zu versetzen und zu halten – und dennoch: Die Tendenz zur Wehmut, zur Verklärung und zum Klischee durchzieht die Geschichten von Silvia, Ana, Andro, Enma, Óscar, José Ignacio, Yocandra, Daniela, Carlos und wie sie alle heißen.

Es gibt auch Leute, die Marcela Briefe schreiben – vornehmlich die Zurückgebliebenen auf „Jener Insel“. Am schlimmsten hat es Monguy erwischt; der ist bei der „Ausreise“ erwischt worden und sitzt immer noch im Knast. Seine Briefe sind am schwierigsten zu beantworten.

Zusammenhanglose Lebensgeschichten

Marcela erzählt all diese Lebensgeschichten, auch ihre eigene und die ihrer Familie, teils vollständig, teils in Ausschnitten, teils nur als Anekdoten – teils komisch, teils schrullig, teils tragisch. Was fehlt, ist der Zusammenhang. Das empfindet nicht nur der Leser so, sondern auch Marcela selbst, denn immerhin hat sie nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart, in der sie sich zurechtfinden muss. Und just als ihre Unzufriedenheit in Verzweiflung umzuschlagen droht, tauchen Samuel und sein ominöses Filmtagebuch in ihrem Leben auf und stellen diesen Zusammenhang her – allerdings vollkommen anders als erwartet.

Exaltierter Schreibstil

Genauso zerrissen wie die Handlung und die Erzählerin ist auch der Schreibstil von Zoé Valdés: mal geradlinig, mal verworren, mal hochpoetisch, mal platt. Die Autorin neigt zu Extremen; immer erscheint sie ein wenig zu exaltiert: entweder zu ausführlich oder zu knapp, zu romantisch, zu nüchtern, zu vulgär … Ein bunter Cocktail, der einem beim Lesen nicht unbedingt gefällt. Und dennoch: Das Buch übt einen Sog aus, der Leser und Leserin bis zum Ende fesselt und mitreißt und der zu einem guten Teil der ausgesprochen pfiffigen Übersetzung von Klaus Laabs zuzuschreiben ist.

„An der Rezeption kämpfte ein Hotelboy mit einem riesigen Korb voll Gardenien, Orchideen, Nelken, Sonnenblumen und was es sonst noch an Blumen auf dem Planeten gibt. Ich liebe Blumen, aber zu Sträußen gebunden kann ich sie nicht ausstehen. Welcher Unglücklichen wird ein Einfaltspinsel dieses so überdimensionierte Gebinde geschickt haben? Wenn sie es entgegennimmt, wird sie in ein anderes Hotel umziehen müssen, wo derartige Ungetüme ins Zimmer passen, oder sie wird Teile davon an andere Gäste verschenken müssen. So ging es mir durch den Kopf, als der Boy, kurz davor, unter der Last der Blumen zusammenzubrechen, mir entgegenlächelte und, ohne im geringsten aus seiner Erleichterung einen Hehl zu machen, ausrief:
‘Oh, Miss Wie-heißen-Sie-doch-gleich …’ Er hatte mich noch nie bei meinem richtigen Namen genannt, stets verwechselte er ihn mit Rocco oder Rodríguez oder Rossiter, wo sich Roch doch so leicht merken lässt. ‘Schauen Sie nur, was für ein hübscher Strauß hier für Sie abgegeben wurde!’“

Leseprobe I Buchbestellung 0904 LYRIKw © Dieter Lohr

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2.)

Café Cuba.
Roman von Zoé Valdés (2004, Ammann - Übertragung Klaus Laabs).
Besprechung von Georg Sütterlin in Neue Zürcher Zeitung vom 1.12.2004:

Nicht da, nicht dort
Zoé Valdés' Roman «Café Cuba»

Bekannt geworden ist Zoé Valdés 1995 mit ihrem Roman «Das tägliche Nichts». Damals war sie eine frischgebackene kubanische Exilantin, die sich aus dem sozialistischen Paradies davongemacht hatte nach Paris, der Traumdestination aller drangsalierten Künstler und Intellektuellen aus Lateinamerika. Die Drastik und die ideologische Desillusionierung, mit der Valdés in jenem Roman den kubanischen Alltag in der bleiernen Zeit der «Spezialperiode» schildert, haben den europäischen Revolutionsromantikern das letzte Restchen Wind aus den Segeln genommen.

Inzwischen ist das mediale Interesse an Kuba ziemlich abgeebbt. Die kubanische Revolution hat den Glanz endgültig verloren, und der «grüne Kaiman», wie der Dichter Nicolás Guillén seine Insel genannt hat, ist ein armes, schlecht regiertes Land unter andern armen, schlecht regierten Ländern. Die politische Immobilität hat eine Katerstimmung bewirkt, und Fidel Castro, der weltweit dienstälteste Despot, mutet wie ein skurriles, doch unvermindert gefährliches Fossil an. Zoé Valdés ist weiterhin in Paris ansässig, und Kuba ist der Stoff aller ihrer seither veröffentlichten Romane geblieben.

«Café Cuba» wurde im spanischen Original bereits 1997 veröffentlicht. Interessanter als die zahlreichen und, wie bei Valdés üblich, exaltierten und atemlosen Liebesgeschichten sind darin die Schilderungen der kubanischen Exilantenszene zwischen Paris und Miami, Spanien und Südamerika. Da herrscht konstantes Telefonieren, Faxen, und Sichbesuchen. Die Befindlichkeit ist labil, mal schiesst die Laune himmelwärts, dann wieder droht schwarzes Elend. Das Geld ist knapp, das Gefühl, fremd zu sein, gross. Und man wacht ängstlich über den Seelenzustand der Freunde, denen es gut, aber nicht allzu gut gehen sollte, denn sonst drohen Neid und Zerknirschung. Über allem liegt beklemmend und schmerzhaft nagend das grosse Heimweh, das umso komplizierter ist, als man zwar nach Kuba zurück möchte, aber eben nicht in jenes Kuba. Diesem Heimweh gibt auch der Originaltitel «Café Nostalgia» Ausdruck, doch bei der deutschen Titelwahl setzte der Verlag unbeirrt auf die magische, umsatzverheissende Wirkung des Wortes «Cuba».

Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin Marcela, begehrte Reportagefotografin in Paris. Wie sie das geworden ist, wird nicht klar, denn Marcelas Leben ist so stark von Müssiggang und Desinteresse geprägt, dass sie im wirklichen Leben einen solchen Status nie erreicht hätte. Doch wie so oft in ihren Büchern genügt es Zoé Valdés, etwas zu behaupten, anstatt den Stoff überzeugend zu gestalten. Marcela verstrickt sich in eine Beziehung mit dem Sohn eines Mannes, den sie in Kuba anhimmelte. Diese Erinnerungen geben Anlass, ihre Jugend in Kuba aufleben zu lassen, die Schulzeit, die Feten, die endlosen Palaver um Literatur, Kunst, Film - ein wirksames Antidot gegen Zustände, die immer bedrückender werden....Fortsetzung

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