Cabo de Gata.
Roman von Eugen Ruge (2013, Rowohlt).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 05.6.2013:

Roman „Cabo de Gata“ – Eugen Ruge erinnert sich
Der deutsche Buchpreis machte ihn erst bekannt. Lange hatte Eugen Ruge ein Schriftstellerdasein in Abgeschiedenheit erlebt, aber auch die Verzweiflung erlebt, ein verkannter Poet zu sein. In seinem neuen Roman verarbeitet er solche Erfahrungen, auch wenn er ihn nicht als Selbstporträt sieht.

Das Leben eines Schriftstellers darf man sich als ein stilles, in sich zurückgezogenes vorstellen. Bis zu jenem Moment, in dem der Ruhm hereinbricht – in aller grellen Hektik. Eugen Ruge, dessen Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ 2011 den Deutschen Buchpreis erhielt und in über 20 Ländern erschien, schildert in „Cabo de Gata“ die trügerische Ruhe vor dem Ruhm.
Im Flieger zwischen Tokyo und irgendwo tippt Ruges Ich-Erzähler seine Erinnerungen ins Notebook: Wie er damals alle bürgerlichen Brücken abbrach, die Wohnung und noch die letzte Versicherung kündigte. Wie er in einem andalusischen Fischerdorf überwinterte - und dort täglich neu um den ersten Satz seines Romans rang. Alsbald riechen seine Leser die salzige Luft, sehen die Hunde, den Müll, die dahinwehenden Plastiktüten. Schließen Freundschaft mit einer Katze. Essen gemeinsam mit Eugen Ruge Manchego-Käse und trinken billigen Rotwein, ganz gefangen im poetischen Dort und Damals.

Radikalität und unbedingter Kunst-Wille

Aber der erste Satz in „Cabo de Gata“ lautet: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“. Eugen Ruge schrieb seinen ersten Roman in seinem Haus auf Rügen, das erzählte er nach der Buchpreisverleihung: zwar auch am Meer, aber komfortabel finanziert vom Döblin-Preis für unveröffentlichte Manuskripte. Warum also dieses Armen-Märchen? Weil es gar kein Märchen ist. Weil der heute 58-Jährige mit seinem Erzähler die Radikalität, den unbedingten Kunst-Willen teilt.

Auch seine Biografie ist geprägt von Brüchen - geboren im Ural, wuchs er in der DDR auf, die er 1988 verließ. Nach dem Mathematik-Studium gab er einen Uni-Job auf, um sich als freier Schriftsteller durchzuschlagen. Beinahe hätte er das geerbte Haus verkauft, um das Schreiben des Romans zu finanzieren. Der Döblin-Preis kam in letzter Minute.

„ich erinnere mich“ ist eine Zauberformel

„Ich erinnere mich“ ist also keine Floskel, sondern eine Zauberformel. Die erfundenen Erinnerungen geben Gefühlen eine fassbare Form: den Zweifeln, dem Ringen, der inneren Unruhe, die in so krassem Gegensatz zu äußerlichen Ereignislosigkeit steht. Ruge erzählt fabel- und parabelhaft von einem, der sein Leben in den Dienst einer leeren Seite stellt. Der junge Mann und das Meer, eine Geschichte, die Wunder wirkt. Schenkt sie doch ihren Lesern jenen inneren Frieden, den der Protagonist so verzweifelt suchte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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