Busschaffner Hines von James Kelman, 2003, LiebeskindBusschaffner Hines.
Roman von James Kelman (2003, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Silvia Morawetz).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 15.10.2003:

Rauchen und Abwarten
James Kelmans Roman "Busschaffner Hines" aus der Zeit des britischen Thatcherismus

Das Leben ist kein Wunschkonzert. Und auch keine Pralinenschachtel. Denn: "Das Leben ist nicht leicht." Beziehungsweise: "Das Leben ist manchmal einfach zu mies, um wahr zu sein, es nimmt einfach kein Ende." Oder auch: "Das Leben ist zu lang." Dabei ist Robert Hines erst Anfang dreißig, und trotzdem scheint schon alles vorbei zu sein. Er wohnt in einer heruntergekommenen Wohnung in einem zweifelhaften Stadtteil in Glasgow, hat eine schöne Frau aus gutem Haus, nervige Schwiegereltern und einen vierjährigen Sohn.

Zu dem ist er meistens gut, selten nicht; seine Frau und er führen manchmal eine gute Beziehung, manchmal nicht. Dann sitzen sie in ihrem Wohnzimmer, das gleichzeitig das Schlafzimmer des Sohnes ist, und starren an die rissigen Wände oder beobachten eine Maus, die durch das Zimmer läuft. Man müsste ja einfach nur einen Eimer Farbe kaufen, und schon wäre der Zustand erträglicher. Ab und an denkt Hines daran, dann geschieht aber doch nichts. Robert Hines ist Busschaffner bei den städtischen Verkehrsbetrieben. Einige Male wurde er schon gefeuert und wieder angestellt. Seine Personalakte: ein Desaster. Verschliefe er nicht so häufig, dann hätte er schon seine Busfahrerlizenz. Aber wie soll man nicht verschlafen zwischen all den Verpflichtungen?

Busschaffner Hines, ein Roman aus dem Jahr 1984, gibt einen Einblick in die Nöte des Kleinbürgertums in Zeiten des blühenden Thatcherismus - der auch Schottland erreichte - der die Gewerkschaften in die Knie zwang und die Rechte der ohnehin Unterprivilegierten auf ein Minimum zurückschraubte. James Kelman schont mit seiner minutiösen Lebensbeobachtung niemanden, weder seine Leser noch seinen Anti-Helden: Wir erfahren alles über den Nährwert von Rindswürstchen, gebackenen Bohnen und Kartoffeln. Wir lernen, dass Milch im Winter die Nase verstopft, damit der Schleim nicht mehr tropft. Wir werden informiert über die Löchrigkeit sechs Jahre alter Stiefel und die Probleme eines Fußbades in der Kinderbadewanne.

Jede Zigarette, die Hines sich im Laufe eines Tages dreht wird zum Ereignis. Eine quälende und zunehmend enervierende Lektüre - und bei einem Autor wie Kelman muss man davon ausgehen, dass das auch so sein soll. Immer wieder schaltet sich eine innere Stimme in diesen Alltagsstrom ein, die tobt, ausbricht, sich zu witzigen Höhenflügen aufschwingt, um ganz schnell wieder von der Realität zurechtgerückt zu werden, möglicherweise ein Anzeichen einer einsetzenden geistigen Verwirrung, die Hines an sich selbst diagnostiziert. Diese stille Resignation frisst sich tief in die Sprache ein - selten, dass Menschen hier miteinander reden und dabei über dasselbe sprechen. Hines' Bruder lebt in Australien, das wäre ein Ausweg, der als fernes Arkadien durch den Roman geistert. Doch dann kehrt der Alltag zurück, walzt alles nieder, und es heißt wieder Maul halten und eine Zigarette drehen.

Zweimal denkt Hines daran, sich eine Waffe zu besorgen. Natürlich tut er's nicht. Dabei hätte ein Amoklauf nicht nur ihm, sondern auch diesem Roman so gut getan.

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