Bunker von Andrea Maria Schenkel, 2008, Edition Nautilus1.) - 3.)

Bunker.
Roman von Andrea Maria Schenkel (2008, Edition Nautilus).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 26.02.2009:

Gut, dass es den bösen Krimi gibt
Andrea Maria Schenkels dritter Roman "Bunker" und der anhaltende Erfolg eines Genres.

Gutes Marketing? Stil? Einerlei, das dritte Buch von Andrea Maria Schenkel hat auch wieder hat diesen Ein-Wort-Titel. Wieder ein Krimi, der mit dem Detektiv in uns spielt, und es gehört nicht viel Prophetie dazu, den gerade erschienenen "Bunker" bald wieder da zu vermuten, wo die beiden Vorgänger "Tannöd" und "Kalteis" auch schon waren: ganz oben in den Bestseller-Listen.

Joyce und Döblin grüßen Schenkels Erfolg fügt sich in einen anhaltenden Krimi-Boom, der bei aller Düsternis ein Kompliment an die Gesellschaft ist, die ihn erlebt: In Diktaturen sind Krimis suspekt und geächtet. Detektivromane gibt es erst seit dem Entstehen bürgerlicher Gesellschaften - und da, wo die Demokratie am stärksten ist, floriert der Krimi am besten.

Überhaupt scheint sich der Gesellschaftsroman des frühen 21. Jahrhunderts vor allem im Krimi abzuspielen. Wer wissen will, was sich beim Clash der Mentalitäten im China von heute abspielt, der erfährt am meisten bei Qiu Xiaolongs Oberinspektor Chen. Wer nach den Gründen für die jüngsten Jugend-Revolten in Griechenland sucht, ruft am besten Petros Markaris an.

Und selbst die literarische Moderne hat im Krimi ihr schwarzes Reservat gefunden. Während ein Großteil deutscher Autoren sich in seltsamer Gleichzeitigkeit zur Wende von 1989 wieder den Erzählstil von Großväterchen Fontane & Co. zum Vorbild genommen hat, gibt es Montagen und Experiment, kühne Perspektiven und avantgardistische Frechheit vor allem im Krimi. Vielleicht ist der Innovationsdruck auf einem klar abgesteckten, gar nicht so weiten Feld der Literatur größer als für herkömmliche Romanciers.

Andrea Maria Schenkel jedenfalls aber hat bei James Joyce und Alfred Döblin gelernt. Sie lässt die Gedankenströme der Menschen blubbern. Sie setzt im harten Schnitt völlig verschiedene, ja widersprüchliche Wahrnehmungen gegeneinander, blendet zurück, spult vor. Der Ton ist nicht immer stimmig, manch barbarische Kreatur spricht einen Tick zu gebildet. Aber die Welt ihrer Romane besteht nunmal aus Perspektiven.

Der Richter und Henker in uns

So hat sie unsere Sehnsucht, den Täter zu finden, in den beiden ersten Romanen nachhaltig enttäuscht. Es waren erschreckende Lehrstücke darüber, wie schnell der Richter und Henker in uns bereit ist, sich aus Indizien und Vorurteilen ein Urteil zu basteln, das keiner späteren Überprüfung standhält. Vor allem aber war es das Gegenteil von ödem Lehrstoff - Spannung hoch drei: keine Dichtung, aber hoch verdichtet, bis in Ein-, Zwei-, Drei-Wort-Sätze hinein.

So ist es beim "Bunker" geblieben, wieder ein schmaler Band, doch diesmal rundet sich am Ende das Bild der Ereignisse rund um die Angestellte eines Autoverleihs, die von einem ganz gewöhnlichen Kriminellen überfallen und entführt wird. Und doch bleibt es über weite Strecken wieder ein atemverschlagend dramatisches Geschehen, das erschreckt mit einem Höchstmaß an psychologischer Plausibilität. Und eine seelische Versehrung nach der anderen enthüllt. So beängstigend böse haben selten Opfer und Täter ihre Rollen getauscht, und selten ist der Wahnsinn so einleuchtend dahergekommen.

Lohn der Selbstausbeutung

Am Ende ist der absehbare Erfolg auch des dritten Schenkel-Romans vor allem dem Hamburger Verleger Lutz Schulenburg und seiner Edition Nautilus zu gönnen. Die ist mit ihrem sonstigen Verlagsprogramm nicht nur ein Hort der Moderne - sondern auch der Beweis für den Verdacht, dass sich die wirklich neuen guten Stimmen im Literaturbetrieb der beharrlichen Selbstausbeutung von Kleinverlagen verdanken. (NRZ)

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Bunker von Andrea Maria Schenkel, 2008, Edition Nautilus2.)

Bunker.
Roman von Andrea Maria Schenkel (2008, Edition Nautilus).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, 26.02.2009:

Schenkels neuer Roman "Bunker"
In der Eiseskälte der Sätze

"Tannöd", "Kalteis" und nun "Bunker": Andrea Maria Schenkel ist den Einwort-Titeln treu geblieben, der Knappheit auch im Umfang, 128 Seiten hat ihr neuer, heute erscheinender Roman.

Tannöd war der grausam poetische Ort, an dem in den 20ern eine Familie ausgelöscht wurde, Josef Kalteis Schenkels sprechender Name für den 1939 hingerichteten Serienmörder Johann Eichhorn. Das einzige, das "Bunker" datierbar macht, ist diesmal kein wahrer Fall dahinter, sondern ein Verweis auf Hoyerswerda. 1991 geschahen dort die rassistischen Ausschreitungen, von denen der Täter im Autoradio hört.

Der Täter: ein vermutlich nicht mehr junger, wohl ungebildeter Mann, der immerhin eine Sanitäter-Ausbildung hat, die er im Verlauf der Handlung gebrauchen kann. Das Opfer: eine Autovermietungs-Angestellte, offenbar auch nicht mehr jung, ebenfalls nicht gerade erfolgreich im Leben. Er überfällt sie, sie hat keinen Schlüssel zum Geld (den hat der Chef), er nimmt sie als Geisel und bringt sie in ein Haus im Wald, wo es auch ein altes Weltkriegs-Versteck, eben den Bunker gibt.

Die beiden liefern sich ein widerwilliges Duell, eigentlich reiten sie sich, reitet sich auch das Opfer dabei selbst tief und tiefer rein. Ein paarmal hätten beide durchaus die Chance auf einen anderen Ausgang dieser - Tragödie.

Warum ein neuer Schenkel ein Ereignis ist (und vielleicht wieder ein Bestseller) in einer so mit Texten überschwemmten Krimi-Landschaft, dass man kein Ufer mehr sieht? Weil diese Autorin außergewöhnlich streng ist zu sich, weil sie vorgestanzte Kriminalroman-Sätze vermeidet, jedes nur behauptete Erschaudern und falsche Herzklopfen, jedes Klischee in Wort und Handlung.

Es gibt tatsächlich Krimi-Autoren, die lassen ihre Hauptfigur auf den ersten Seiten in den Spiegel gucken, damit der Leser auf diese Weise erfährt, wie er/sie aussieht. "Bunker" bietet allerdings an keiner Stelle den Trost, auf Erzählklischee-Grundfeste gebaut zu sein.

Schenkel gestattet dem von ihr gewählten Ausschnitt von Welt, vielstimmig (dies auch formal) und komplex und beunruhigend zu sein - und das ist eben keine Frage des Umfangs. Weil sie Sätze schreibt, die klar und eisekalt sind und die trotzdem das Ungeheuerliche von Gewalt zwischen Menschen fassen.

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Bunker von Andrea Maria Schenkel, 2008, Edition Nautilus3.)

Bunker.
Roman von Andrea Maria Schenkel (2008, Edition Nautilus).
Besprechung von Lars L. von der Gönna in der WAZ vom 3.3.2009:

Schmale Lektüre

"Mir ist so langweilig", sagt die Entführte in Andrea Maria Schenkels neuem Roman "Bunker". Die Dame spricht uns aus der Seele. Kaum ist die Spätzünderin unter den Erfolgsautoren erzählerisch in der Gegenwart angekommen, strauchelt sie.

Wir, die Journalisten, mochten diesen Aufstieg der Andrea Maria Schenkel ja auch, weil er für eine Geschichte steht, wie sie das Leben eben nicht unentwegt schreibt. Hausfrau, drei Kinder, schreibt eine Ewigkeit „nur für sich” – und damit fürs Altpapier.

Dann aber kam „Tannöd”, das düstere Täterpuzzle aus der bayerischen Provinz der 1950er und es bestsellerte nach Kräften. Kaum weniger erfolgreich: „Kalteis”, ein Serienmord aus den 1930ern.

Schenkel ist in der Gegenwart angekommen. Obwohl man bei ihr mit Groschen telefoniert. Die Zeitreise hat der Frau kein Glück gebracht. „Bunker” ist in jeder Hinsicht schmale Lektüre. Das Thema groß, die Umsetzung geringfügig beschäftigend.

Ein Finsterling (natürlich hat er eine Sattelnase, hängende Lider und tief in den Höhlen liegende Augen) versucht einen Überfall. Die Ausbeute ist aber nicht der erhoffte Safe, sondern eine Angestellte. Er verschleppt sie in eine alte Mühle im Wald. Ende.

Der Plot droht zu verhungern

Die Ausnahmesituation einer Entführung, die psychologische Gratwanderung zwischen Ablehnung und Abhängigkeit haben zig Thriller gefüttert. Bei Schenkel aber droht der Plot zu verhungern – an einer dürren Sprache, an einer krausen Konstruktion. Verschenkt: das Klaustrophobische. So sehr es Schenkel nach Mäusepipi und Schimmel riechen lässt, es bleibt fad. Wenn schon eine Entführte – fast nackt!, orientierungslos!! – sagt „Mir ist so langweilig”, was sollen wir erst sagen?

In ihrem Durchbruch „Tannöd” hat Schenkel großes Talent gezeigt, ihren Figuren eine authentische Sprache zu schenken. Wo ist die Gabe geblieben? Wann, bitte, denkt eine Entführte: „Ich nehme meinen Mut zusammen!” oder „Wie durch ein Wunder halte ich das kleine Taschenmesser noch immer in meiner Hand.”

Von Tannöd hat Schenkel immerhin die polyperspektivische Erzählstruktur übernommen. Aber auch sie – trotz Anreicherung um lange Schatten der Vergangenheit – gibt der Geschichte kein Tempo, keine Hitze, keinen Nerv, keinen Takt. Erstmals, heißt es, liege Schenkels Erzählen kein wahrer Fall zugrunde. Wenn das hier der Preis ist, dann hätten wir es gerne wieder anders.

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