Bugatti taucht auf von Dea Loher, 2012, WallsteinBugatti taucht auf.
Roman von Dea Loher (2012, Wallstein Verlag).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 14.08.2012:

Die Brüchigkeit des Glücks
Reich an Wundern: Dea Lohers Roman „Bugatti taucht auf“

Es gibt ja kaum noch einen halbwegs ordentlichen Roman, der nicht schon als Theaterstück auf deutschsprachige Bühnen gekommen ist. So mag man nun den umgekehrten Fall mit Genugtuung registrieren und kann ihn sogar bejubeln: ausgerechnet die bekannteste und meistgespielte deutsche Dramatikern hat das schönste Stück Prosa in diesem Jahr vorgelegt.

Dea Loher kann nicht nur fein gesponnene Schauspiele komponieren, in denen so verzweifelt wie anrührend um die letzten Dinge des Lebens und der Seele gerungen wird, sie kann auch herrlich hinter- und abgründige Geschichten erzählen, in die man als Leser hineintaucht und in deren von Fallstricken durchzogener Atmosphäre man sich hoffnungslos und doch auch fasziniert verirrt. Es ist der Realität, in die Loher ihre Figuren wirft, nicht zu trauen.

Bis man hinter die Intention ihres ersten Romans kommt, mäandert man durch drei nur auf den ersten Blick unzusammenhängende Erzählungen. Am Ende aber ist man gefangen von der herben Einfachheit, auf die Dea Loher so kunstvoll wie zielgerichtet zusteuert: Gar nicht naiv ist der (hier eingelöste) Wunsch, dass jedem Schrecken eine Erkenntnis und – warum nicht? – eine Ahnung von schönem Neubeginn innewohnen möge.

Ein scheinbar absurder Mordfall, die Bergung eines traumhaften technischen Wunders und die traurig tragische Historie einer weltberühmten Familie: Was sich dort in verschiedenen Zeiten und auf sprachlich klar abgegrenzten Erzählebenen im heiter bis trüben Licht der Gegend um den Lago Maggiore abspielt, entpuppt sich als ein Lehrstück vom Suchen und Finden. Das Unzusammenhängende einer minutiös rekonstruierten Straftat mit der bewunderten Besessenheit eines Einzelkämpfers und mit den verborgenen Sehnsüchten, verschwiegenen Schicksalsschlägen, die sich zwischen den Zeilen intimer Tagebücher finden, verknotet Loher so spannend wie verblüffend und formal präzise zu einer Parabel auf die Möglichkeit, Sehnsüchte zu erfüllen.

Ein Bugatti Brescia 22, dieses Wunderwerk an Ästhetik und Kraft, dümpelt als Wrack seit über 70 Jahren auf dem Grund des Sees. An dessen Ufer geschieht im Trubel einer Fasnacht eine blutige Tat, deren Sinn sich im Verlauf der Aufklärung immer mehr verflüchtigt. Und auf einmal werden die Aufzeichnungen des Rembrandt Bugatti, Bruder des legendären Autobauers und seines Zeichens Tierbildhauer, zum Bindeglied zwischen den unaufhaltsamen Ereignissen: „Manchmal stelle ich mir vor, dass niemand etwas über mich weiß,“ heißt es da einmal. Und tatsächlich könnten das alle Protagonisten von sich behaupten, die Schuldigen und die Opfer, die Aufgegebenen und die Erfolgreichen.

Einzelkämpfer und Besiegte beobachtet Loher diskret und schenkt ihnen fast schon zärtlich eine Chance. Aber auch wer sie zu nutzen weiß (Bugatti selbst gehört nicht dazu, sein Selbstmord ist verbürgt), steht nur wieder am Anfang seiner Zweifel: „...es gab kein Über und Unter mehr, es gab nur noch den weiten Raum, der ihn in sich aufnahm und in dem er sich leicht dahintreiben lassen und auf die Dinge sehen konnte in einer Art Schwerelosigkeit. Man musste auf dem Land sein, um das verstehen zu können. Um verstehen zu können, was er dabei empfand. Am besten in einer Gegend, die nicht bewohnt war. Von Menschen nicht.“

Das Misstrauen dem Glück gegenüber heißt aber bei Dea Loher nicht (und das ist das erstaunlichste Wunder ihres an Wundern so reichen Romans), dass man sich, geprügelt und desillusioniert, nicht immer wieder auf das Versprechen gerade dieses brüchigen Glücks einlassen sollte. Und so verbirgt sich bei Loher hinter der Melancholie des Scheiterns stets die trotzige Kraft zum Aufbruch: „Der Himmel ist hoch und ich kann durch ihn hindurchfliegen.“

Die vollständige Besprechung mit. Abb von Bernd Noack finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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