Bürger Grass von Michael Jürgs, 2002, Bertelsmann1.) - 2.)

Bürger Grass.
Biografie über Günter Grass (2002, Bertelsmann, hrsg. von Michael Jürgs).
Besprechung von Marlis Haase aus der NRZ vom 6.11.2002:

Zwischen Feier und Eiertanz
Über die Schwierigkeiten und Vorzüge von Michael Jürgs "Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters."

Es ist immer vertrackt, über einen noch Lebenden Biografisches zu schreiben. Man hat Rücksichten zu nehmen, muss Empfindlichkeiten beachten, kann auch manche Realitäten nicht so schildern, wie man es gern täte. Andererseits hat man im Lebenden natürlich noch eine Auskunftsquelle der besten Art. Und so ist Michael Jürgs Biografie über den "Bürger Grass", erschienen zu dessen 75. Geburtstag, einerseits eine lesenswerte Materialsammlung über unseren berühmtesten Gegenwarts-Autor, andererseits manchmal ein Eiertanz der Vorsicht. Etwa bei dem Kapitel "Erste Ehe mit Anna". Dazu zitiert er Grass: "Wahrlich nicht treu, aber anhänglich." Man merkt es übrigens seinem Satzbau an, wenn Jürgs nicht so recht mit der Sprache heraus will. Dann drechselt er herum, will eigentlich ja, meint eigentlich nein, und man liest ein bisschen verdrossen weiter.

Eines Morgens sah er doppelt

Überhaupt muss der Leser sich an seine quasi-poetische Sprache schon gewöhnen, etwa: "Zunächst fremdelt Günter Grass, als er sich eines Morgens im Spiegel doppelt sieht. Neben ihm steht sein Ruhm". Na ja.

Der Autor macht sich übrigens voll seines Dichters Abneigungen zu eigen. Das kann man am besten in fast jedem seiner Sätze über Marcel Reich-Ranicki nachlesen. Andererseits aber gelingt ihm auch manche Formulierung: "Über sein Leben als Mann, gern liebend, schweigt er sich liebend gern aus."

Klingt gut.

Alles in allem ist hier, sieht man von den Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten just dieser Biografie ab, ein lesenswertes Buch erschienen - zur Geschichte eines Mannes, der mehr Geschichte erlebt und beschrieben hat, als sonst drei Generationen zusammen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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Bürger Grass von Michael Jürgs, 2002, Bertelsmann2.)

Bürger Grass.
Biografie über Günter Grass (2002, Bertelsmann, hrsg. von Michael Jürgs).
Besprechung von Klaus Hübner aus dem titel-magazin:

Vollmundig mündig: Bürger Grass

Wann ist ein Dichterleben fertig? Nein, nicht zu Ende, sondern vollendet - sind es die sechsundvierzig Jahre im Falle von Günter Grass, während der Dichter seine Wörter auf das Papier schreibt, seine Gedanken offen legt, seine Phantasie der literaturinteressierten Öffentlichkeit bekannt gibt?

Möglicherweise ist das Dichterleben fertig, wenn die erste umfassende Biographie erscheint, die detailverliebt das Leben aufrollt, wertet, in Anekdoten verpackt, in die Literaturhistorie einbettet. Vor der Jürgs-Biographie sind schon andere Bücher über Günter Grass erschienen (von Heinrich Vormweg, von Claudia Mayer-Iswandy). Aber keines schob die Person Grass so sehr nach vorne wie das von Michael Jürgs.

Was machte Michael Jürgs aus dem Dichterleben des Günter Grass? Zunächst einmal ein umfangreiches Buch, das seiner, Jürgs’, Fabulierkunst entspricht, seinem Hang zur Bedeutungsschwere zwischen den Zeilen entgegen kommt. Fakten reihen sich an Fakten, Daten verschmelzen zum kalendarischen Großarchiv, dass abrufbereit jetzt auch dem Leser zugänglich ist. Neun Monate sprach Jürgs in Behlendorf, wo Grass ein Atelier besitzt, mit dem Literaturnobelpreisträger. Herausgekommen ist das Bild eines Dichters, der sich einmischte, großartige Romane, aber auch herzergreifend misslungene schrieb. Einer, der seinen Mund aufmachte, wenn andere ihr Urteil schon gefunden hatten, einer, der neben der Literatur und der Kunst ein drittes Standbein, die Politik, für sich entdeckt hatte.

In Danzig geboren, mit Danzig verbunden – Günter Grass lebte und durchlebte seine kaschubische Heimat in allen Facetten. Aus dieser Herkunft speiste er nicht nur sein erfolgreichstes Buch „Die Blechtrommel“, daraus schöpfte er zeitlebens Kraft und Inspiration. Die Liebe zur Mutter prägte den jungen und den alten Günter: „Der wichtigste Mensch in Günters Leben war seine Mutter. Sie ist es über ihren Tod hinaus für Grass bis heute geblieben. Er spricht ironisch von seinem Mutterkomplex, von dem er sich nie befreit habe.“ Jürgs erzählt ausführlich aus der Kindheit von Grass, wobei schon direkt der Zwiespalt dieser Biographie, der Haken, an dem Wohl und Wehe hängen, auffällt. Die Erzählung gräbt in Grass’ Kindheit, und plötzlich ist man mittendrin in der Gruppe 47 oder bei den Sozis des Jahres 1969. Und wieder zurück. Sprunghaftigkeit zeichnet das Buch aus, ein Merkmal, das den kontinuierlichen Aufbau einer Lebensbeschreibung ständig unterbricht und vom Leser fast schon Vorkenntnisse tieferer Art erwartet.

Die Gründe und die Folgen des 17. Juni 1953 zeigten sich als zentrales Erlebnis für den jungen Grass. In „Die Plebejer proben den Aufstand“ verarbeitete er dieses Kapitel deutscher Zweistaatengeschichte. Überhaupt die Politik. Eine Speiche des sozialdemokratischen Karrens reklamierte eine zeitlang, besonders während der Willyjahre, der Dichter Grass. Und litt unter der Sozialdemokratie, wie auch die SPD unter ihm gelitten hat. Ab 1967 trat er auch öffentlich für das linke demokratische Lager ein, fand neben dem Bücherschreiben die Zeit, Wahlreden für Brandt zu schreiben und selbst im Wahlkampf unterwegs zu sein. Engagiert wie kaum ein anderer, spielte Grass vollmundig den vollmündigen Bürger und setzte sich den Verfolgungen und Anfeindungen des politischen Gegners aus. Verfolgt mit Hass und wohl auch aus Angst. Ein Satz von Jürgs beschreibt wohl ziemlich korrekt den Standort des Dichters: „Grass ist zwar ein notorischer Störenfried, der oft nervt und oft den Nerv trifft, doch er sehnt sich nach Harmonie.“

Populär kann man die Biographie schimpfen. Das abqualifizierende Wort populär scheint partiell angebracht, weil das Buch nicht in die Tiefen der Grass-Literatur hinab steigt sondern im flacheren Gewässer die Person und deren Hochs und Tiefs, deren Merkwürdigkeiten und deren Verbundenheit zu den Frauen beschreibt. Das Buch von Michael Jürgs spricht daher auch diejenigen Leser an, die vorherrschend hinter die Person Grass und nicht hinter die Literatur von Grass schauen möchten.

Textprobe:
Weil seine Einsprüche aber ohne Echo verhallten, besann sich Grass auf seine Kunst, anders erzählen zu können von dem, was passierte und passieren würde. Literatur statt Polemik.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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