Bündel/Budzo
Gedichte von Ilija Jovanovic (2000, Eye Literaturverlag).
Besprechung von Peter Paul Wiplinger aus Rezensionen-online *LuK*:

Gedichte im Budzo/Bündel
Der Roma-Lyriker Ilija Jovanovic´

"Bundzo/Bündel« heißt der in Deutsch und Romanes erschienene Gedichtband des serbisch-österreichischen Roma-Dichters Ilija Jovanovic´. Dieser, 1950 in Rumska in der Nähe von Belgrad geboren, lebt seit dreißig Jahren in Wien, in der Fremde, wie aus seinen Gedichten hervorgeht. Denn die Heimatlosigkeit ist das Thema seiner Gedichte, sowohl die persönliche als auch die seines Volkes, das seit Jahrhunderten durch viele Länder Europas und der übrigen Welt zieht; wo sich die "Zigeuner“ zeitweilig auch niedergelassen haben, dann wieder verfolgt und vertrieben oder zwangsassimiliert wurden, und ein Großteil schließlich auch der NS-Rassenideologie zum Opfer gefallen ist. Mehr als eine halbe Million Roma und Sinti wurden ermordet, kamen in den Konzentrationslagern um.

Immer ist das Bündel gepackt als Zeichen der ständigen Bereitschaft zum Aufbruch; in der Gewißheit der gemachten Erfahrung, nirgendwo willkommen, höchstens für eine begrenzte Zeit geduldet zu sein; und dann auch nur als ein Außenseiter, manchmal auch als ein Ausgestoßener. Unauslöschlich die Sehnsucht nach »einem fernen Ort, wo Menschen einander lieben … sich im Anderen suchen und finden«, wie es im Gedicht mit dem bezeichnenden Titel »Suche nach Frieden« heißt. »Wir sind stets an Händen und Füßen gebunden« – das ist die dichterische Metapher für Gefangenschaft, für ein Leben ohne Entfaltung und Entwicklungsmöglichkeit in einem identitätslosen, kulturlosen Ghetto mitten in unserer konsumorientierten Zivilisationsgesellschaft, an der Zigeuner stranden und oft auch zerbrechen. »Wie ein Getreidekorn bin ich zwischen Mühlsteine geraten« bekennt Jovanovic´.

Gott und die Liebe sind fern; unerreichbar. Das Erleben des Ausgestoßenseins wird zum Grundgefühl der eigenen Existenz. Ausweglosigkeit. Hoffnungslosigkeit. Dazwischen das Leben, zerrieben zwischen diesen beiden Mühlsteinen. Todesgedanken flackern auf, Todessehnsucht wird spürbar; vor allem in der Zeit, da auch die Natur abstirbt. »Der Herbst läßt Trauerfahnen über uns wehen. Der Tod freut sich… Alles, was mir lieb und teuer, ist von der Farbe des Todes befallen.« Das ist kein psychopathologischer Ich-Befund. Hier geht es um mehr. Das individuelle Schicksal ist stets untrennbar mit dem seines Volkes verbunden. Von dorther leitet sich das individuelle existenzielle Grundgefühl ab. Und er kommt zu folgendem Resümee: »Verstummt sind wir. Zerstört ist unsere Welt, wir sind am Ende… Wir wissen nicht mehr, wohin.« Aus der Sicht der unauflösbaren Ich-Zugehörigkeit zu seinem Volk lokalisiert er seine Existenz mit folgenden Worten: »Ich habe nichts, außer dem Wind im Rücken und das Grab vor mir.«

Das sind Gedichte als Lebensäußerung eines in Österreich lebenden Zigeuners – jenseits aller operettenhaften Zigeunerbaron-Schablone mit ihrer diskriminierenden Verlogenheit. Denn so »lustig ist das Zigeunerleben« weder hier noch dort. Davon zeugt dieser Aufschrei einer verwundeten Seele, eines gequälten Menschen, der auch Zeugnis gibt für sein Volk.

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