Bübische Hände von Emmanuelle Pagano, 2011, WagenbachBübische Hände.
Roman von Emmanuelle Pagano (2011,
Wagenbach - Übertragung Nathalie Mälzer-Semlinger).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 25.3.2011:

Emmanuelle Paganos „Bübische Hände“
Die Französin Emmanuelle Pagano spinnt aus Erzählfäden märchenhafte Landschaften. Nach ihrem Erfolg „Die Haarschublade“ erscheint nun „Bübische Hände“ – vier Frauen erzählen die Geschichte einer fünften.

Moderne Romane handeln zumeist von den Leiden der Großstadtmenschen; das merkt man aber erst so richtig, wenn man Emmanuelle Pagano liest. Als die französische Autorin 2009 den Europäischen Literaturpreis erhielt, beschrieben Porträts und Begegnungen mit ihr staunend eine scheinbar unzeitgemäße ländliche Verwurzelung. Diese erdet auch das neue Werk, „Bübische Hände“. Wieder sind es die Regionen Vercors und Ardèche, die für Paganos wundersame Sprachlandschaft Pate standen. Wieder hat sie aus realen Menschen Figuren gesponnen, die am seidenen Faden der Vergangenheit hängen.

Pagano schreibt so, dass man es „ursprünglich” nennen wollte, wäre das nicht so klischeehaft. Ihre Romane gleichen einer wilden, rauen Märchenwelt, mit schroffen Felsen, dunklen Tälern. Eine Welt, in der der gesellschaftliche Stand noch davon abhängt, ob man Kastanien oder Wein anbaut. In der Seidenraupen feine Erzählfäden spinnen, in der die Natur Poesie produziert.

Frauen haben Träume wie Einkaufslisten

Es erzählen vier Frauen die Geschichte einer fünften: Die kinderlose Ehefrau eines reichen Winzers leidet an unerklärlichen Ohrenschmerzen und verachtet insgeheim ihresgleichen: „Die Frauen haben Träume wie Einkaufslisten (die sie nicht brauchen, dafür haben sie Personal).” Heimlich liest sie die Notizen ihrer Putzfrau, die sie in ihrer Brutalität anziehen und verwirren.

Die Mutter zweier Söhne versucht zu begreifen, warum der eine einst einer grausamen Versuchung widerstand – und der andere nicht.

Eine pensionierte Lehrerin gesteht sich ein, dass sie damals die Hilferufe eines Mädchens nicht hören wollte: „Sie sagte nein hinter dem Fertigbau…. Sie sagte nein unter der Treppe. Zuerst flüsterte sie, nein. Sie sagte lauter nein, und dann schrie sie, nein, nein, nein.”

Und ein junges Mädchen ahnt von all dem Vergangenem nichts; und doch wird sich die Geschichte an ihr auf schreckliche Weise rächen.

Wie eine Seidenraupe

Weil das einstige Opfer, die junge Putzfrau des Winzerpaares, das Mädchen vor Übergriffen für immer schützen will: so, wie sich eine Seidenraupe in ihrem Faden für Feinde unantastbar macht.

Elfriede Jelinek wurde, vor dem Literaturnobelpreis, oft vorgeworfen, in ihrer Intimzonenprosa der männlichen Sicht doch nicht entkommen und in ihrem Projekt der nachahmenden Bloßstellung letztlich gescheitert zu sein. Pagano nun findet eine eigene Sprache für Geschlechter-Gewalt – und einen erträumten Ausweg: „Und ich werde wohl ihre Hand nehmen wollen, komm, wir gehen, wohin, anderswohin. Wenn du willst, ich kenne einen Wald in den das Einhorn geht zum Trinken.” Beeindruckend und verstörend.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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