BubuCroquignloe/Bubu vom Montparnasse.
Romane von Charles-Louis Philippe (2001, Manesse - Übertragung Caroline Vollmann).
Besprechung von Tilman Krause aus Die Welt, 15.12.2001:

Paris, wie es liebte und litt
Zu seiner Zeit ein Star, im Zeichen der Houellebecq-Konjunktur wieder entdeckt: Charles-Louis Philippe

Dirnen, Diebe, Hasardeure: das war die Welt von Charles-Louis Philippe (1874-1909). Der einst vielgelesene Autor wird jetzt mit zwei Romanen wiederentdeckt, die Caroline Vollmann in ein vorzügliches Deutsch gebracht hat, das poetisch ist und doch die Krassheiten des Originals nicht überschminkt. Denn krass geht's zu, bei "Bubu vom Montparnasse" und "Croquignole", die auf der Schattenseite der Belle Époque leben. Ihren Niedergang im Zeichen von Suff und Syphilis zeichnet der Autor mitleidig, aber schonungslos. Als der Roman 1901 erschien, wurde er als Aufbruch in eine lebensnahe Literatur begrüßt.

Es ist der Tag nach dem 14. Juli. Wieder hat das Volk von Paris auf den Straßen getanzt, und nicht nur das Volk. Wieder hat ein Fest der Sinne stattgefunden, haben sich Herzen gefunden, sind jene Hochzeiten gefeiert worden, die nur eine Nacht dauern, was jeder verschmerzt. In der beruhigenden Gewissheit, den Ruf als Hauptstadt der Liebe in glanzvoller Weise bestätigt zu haben, begeben sich am Tag danach satte, ihre Abenteuer nachschmeckende Menschen auf die bereits abendlich beleuchteten Straßen. Mit jener Zufriedenheit, wie sie nur die gestillten Begierden hervorbringen, mit jener wohlwollenden Nachgiebigkeit, die der ganzen Welt jenes Glück gönnt, das man selbst erleben durfte, spazieren Männer und Frauen über Boulevards, die langsam eindunkeln, auf denen immer mehr Lichter zu neuen Verheißungen locken.

Man schlendert müßig von Café zu Café, allein, zu zweien, in kleinen Gruppen. Man lächelt vor sich hin, man mustert sich gegenseitig, nicht geradezu hungrig, aber doch schon wieder ein bisschen neugierig geworden. "Ein kleines Blickgeplänkel sei erlaubt dir, doch immer habe Achtung vor dem Raubtier", könnte man sich zusummen, wenn man es schon kennte, das Lied jener Lola, die dreißig Jahre später dieses Lebensgefühl unbekümmerter Jagd nach Liebe zum Ausdruck bringen wird, einer Jagd, die nirgends so zu Hause ist, nirgends so kultiviert wird wie in Paris, immer schon, immer noch und nicht minder an diesem 15. Juli des Jahres 1901.

Ja, wir befinden uns im Jahre 1901, wir befinden uns in einem Roman von Charles-Louis Philippe. Wir kannten ihn vielleicht nicht, diesen Charles-Louis Philippe, aber er hätte uns das sicher verziehen. Die einleitenden Passagen seines nun wieder aufgelegten und neu übersetzten Romans kommen so unangestrengt, so einladend zum Genuss, so schwelgerisch verliebt in die sommerlichen Reize dieser Stadt daher, dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben. Selig folgen wir dem Sog der abendlichen Promenade, mit der dieser Roman einsetzt, wohlig versinken wir in eigenen Erinnerungen an die Lehr- und Wanderjahre der Liebe, haben sie nun an der Seine stattgefunden oder sonst wo.

Wir könnten ja nachschlagen bei André Gide, Philippes förderndem Freund, der in seinen Tagebüchern viel von Charles-Louis erzählt. Gide hebt dort, unendlich traurig, dass der Kollege schon 1909 mit 35 Jahren stirbt, neben seinen schreiberischen Qualitäten auch die seines Herzens hervor, sein Mitleid, seine Zärtlichkeit. Wir könnten das nachlesen, aber wollen wir es? Wollen wir unser Behagen beim lesenden Nachvollzug dieser abendlichen und nächtlichen Pirsch, auf der sich hier alle begeben, wollen wir es ernstlich belasten durch literaturgeschichtliche Einordnung und Bewertung?.....Fortsetzung

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