brütt oder Die seufzenden Gärten von Friedrike Mayröcker, 1998, Suhrkamp

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brütt oder Die seufzenden Gärten
Roman von Friederike Mayröcker (1998, Suhrkamp).
Besprechung von Franz Haas aus Rezensionen-online *LuK*, 1998:

Das Herzzerreißende des Alterns
Friederike Mayröckers neue, altersstarke Prosadichtung

Vor Jahren mutmaßte die Ich-Erzählerin in einem schmalen Buch von Friederike Mayröcker, »daß die Assoziationskraft mit zunehmendem Alter eher zu- als abnimmt« In ihrem neuen, dicken Prosaband hat die Autorin unermüdlich diese Vermutung und noch mehr bestätigt: daß mit ihren (bald 75) Jahren von dichterischer Altersschwäche nichts zu merken ist, im Gegenteil, daß der Blick auf sich selbst herzzerreißend radikal geworden ist. Mit der Gefahr der Senilität ist aber nicht nur die rettende poetische Kraft gewachsen, auch ein beneidenswert munterer Pessimismus. Das erzählende Ich ist manchmal zerknirscht angesichts seiner Sprachgrenzen, oft skeptisch gegen den eigenen Kopf, vor allem aber unnachsichtig mit dem alternden Körper.

Der zweiteilige Titel des Buches deutet das zwiespältige Doppelprogramm an: »brütt oder Die seufzenden Gärten«. Da ist zunächst das Rohe und Häßliche, brutal, aber richtig eingedeutscht aus dem Französischen - und dann eine Ahnung von Illusion, von Rettung in schöne Worte. Doch später im Text, sehr spät, steht dieses poetische Seufzen im Bund mit einer »Verwahrlosung« mit Tränen und Schweiß eines faltigen Körpers, »in den Pupillen die seufzenden Gärten der Erschöpfung«. Solch begnadete Wortgebilde werden von der Erzählerin in uferlosen Sätzen aufgeboten. Argwöhnisch, doch unverdrossen spricht sie von der eigenen »Altersmisere« vom täglichen Dichterleben, von der Schreibmaschine und der Suppenschüssel - und redet dabei ums Leben. Ihr vitaler Kopf dichtet um die Wette gegen die physische Hinfälligkeit. Die Falten in ihrem Gesicht sind einmal ein lyrischer »Laufsteg der Tränen« gleich daneben aber auch ganz prosaisch »das Rinnsal meiner Lefzen« Das ist extreme Dichtung gegen die »Ausweglosigkeit des eigenen Todes« ein kunstvolles Hakenschlagen statt der üblichen Altersmilde.

Die Liebe ist immer noch das beste Kunstmittel gegen den Tod. Also erzählt die Frau ihre »letzte Liebesgeschichte« Der Geliebte heißt Joseph und ist ein keuscher »Pappkamerad« mehr Traumobjekt als Traumdeuter, eine flüchtige »Zettelfigur« immer auf Reisen oder sonstwie abwesend. Sie erzählt die Geschichte in tausend Fragmenten, erzählt sie in Selbstmonologen, in Briefen an Freunde, in Dialogen mit Joseph, meist aber in Gesprächen und Telefonaten mit Blum, dem Lebensfreund, der stützenden Figur (die in anderen Mayröcker-Büchern der »Vorsager« oder »Ohrenbeichtvater« hieß). Sie spricht von ihrer ganzen Existenz, von Lektüren, bildern und Musik, vom Tod der Mutter und von dieser »letzten Liebe«, von der sie nicht ablassen will, wie sie nicht lassen kann vom Schreiben an diesem Buch.

Die Liebe und die Angst vor dem Ende machen die alte »KNÄBIN« erfinderisch, treiben die Wortsucherin in ein assoziatives Delirium, das erst nach 350 Seiten mit einem tröstlichen Zitat endet, »weil nämlich, wie Paul Valéry sagt, der wahre Schriftsteller 1 Mensch ist, der seine Worte nicht findet«. Oft ruft die Erzählerin solche Hilfe von den Heiligen der Weltliteratur an. Sie möchte schreiben können, wie »Beckett und Jean Paul, wie Hölderlin und Brecht zusammen, nicht wie einer von ihnen allein. Beim Lesen von Koeppen bricht sie in Tränen aus, mit dem Gefühl, »daß ich alles falsch gemacht habe«. Verheerend ist auch der Vergleich mit der Sprache von Musil, »da trolle ich mich als beschämter Verlierer«.

Das poetologische Selbstgespräch gibt häufig auch die Stichworte für die Themen aus dem Küchenalltag, denn pessimistische Diskurse sind nicht auf die Kunst beschränkt. »Verknöchert erschien mir meine eigene Sprache«; und wenig später fühlt sich die Ich-Erzählerin »schon bald so verknöchert wie die meisten anderen Frauen«. Kompliziert sind die Phantasie und der Name von diesem Ich (einmal wird er buchstabiert: Mayröcker), elementar der Wunsch nach Unendlichkeit, im Leben, in der Liebe und in der Formulierungskunst. So lange die »letzte Liebesgeschichte« mit Joseph weitergeht, in immer neuen Volten und Erfindungen, so lange das Buch nicht zu Ende ist, geht auch das Leben weiter, zwar mit einem »faltenverschnürten Leib«, doch mit den Funken der lebendigsten Dichterin im Kopf.

Bei allen dichterischen Selbstzweifeln, die Friederike Mayröcker in diesem Buch anführt, ist sie sich ihres Wertes bewußt. Sie kennt die Scham über schiefgegangene Seiten, die »Scham am Morgen über den losgelassenen Brief des Vortags« aber erkennt auch die »BILLIGSCHREIBER«, zu denen sie nie gehören wird. Billige Schönheit wird es auch in ihren zukünftigen Büchern sowenig geben wie in den Arbeitsbildern von Francis Bacon. An diesen Bildern liebt sie "die Häßlichkeit und den Gestank", die trotzige Haltung angesichts der Erbärmlichkeit des Körpers. Das ist keine gekünstelte Ästhetik des Unansehnlichen, so wei in diesem häßlichen Buch "keine Aufgeblasenheit der Sprache" ist. Es ist ein "sich nicht trennen können von dieser ANGEWOHNHEIT". So schreibt sie immer fort an ihrem wunderbaren Bericht über das Leben, diese liebe Angewohnheit.

Auch wenn dieses Schreiben am Leben erhält, seien Buchhändler davor gewarnt, Mayröcker in die Regale der Lebenshilfe-Ratgeber zu stellen. Und wenn siech die Autorin dagegen verwahrt, "meine Schrift als ‘lyrische Prosa’ zu disqualifizieren", dann ist das ihr Recht auf Freiheit von jeder Einschnürung. Im übrigen braucht diese große Dichtung keine Katalogisierung, außer in Germanistenbüchern und Inventurlisten. Ihr erstes Ziel ist nicht, es dem Leser leicht zu machen. Sie schreibt so ungeordnet und "so kindskopfmäßig wie sonst kaum jemand in meinem Alter", sorgt sich wohl um Verständlichkeit, kann aber nur einen Rat geben: "einfach nur lesen, was da steht, mehr ist nicht drin, mehr ist nicht da, aber das ist ja wirklich genug, das genügt, um den abgebrühtesten Kerl zum Heulen zu bringen, nicht wahr." - Ja, einfach nur Mayröcker lesen (und aufhören auch mit dieser Rezension), lesen von den Spuren der Regengüsse auf dem Rücken des Ledermantels der Mutter beim Eislaufplatz, oder von einem "verdutzen Löffel im Honigglas", einfach nur lesen, und heulen wer kann.

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brütt oder Die seufzenden Gärten von Friedrike Mayröcker, 1998, Suhrkamp2.)

brütt oder Die seufzenden Gärten
Roman von Friederike Mayröcker (1998, Suhrkamp).
Besprechung von Andreas Breitenstein in der Neue Zürcher Zeitung, 1998:

Letales Experiment
«brütt»: Friederike Mayröckers radikales Prosapoem

Sie lebt, und wie, in Wien, die «progressive Universalpoesie», die Friedrich Schlegel um 1800 zum Prinzip «romantischer Dichtart» erhob. Eine Literatur, die «ewig nur werden, nie vollendet sein kann», die «alle getrennten Gattungen der Poesie wieder vereinigt», die eine «Wechselsättigung der Formen und Stoffe» bewirkt, die Reflexion «immer wieder potenziert und wie in einer Reihe von Spiegeln vervielfacht» – was beschreiben solche Formulierungen treffender als jene «heiligen Spiele», die die Österreicherin Friederike Mayröcker seit nunmehr fünf Jahrzehnten als solipsistisches Gesamtkunstwerk betreibt?

Lyrik und kurze Prosa, Romane und Hörspiele hat die 1942 geborene Dichterin verfasst und dabei die Grenzen zwischen den Schreib- und Denkformen in jenem Sinn aufgelöst, den Schlegel «Ironie» nennt. Mayröckers Werke verbinden das Kreative mit dem Kritischen, das Sinnliche mit dem Intellektuellen, das Elementare mit dem Künstlichen, das Fiktive mit dem Realen, das Private mit dem Öffentlichen, das Existentielle mit dem Rhetorischen, das Chaotische mit dem Systematischen. Schwebe ist alles, und das Geschaffene eine unendliche Folge von Setzung und Aufhebung. Dichtung habe «überall zugleich Poesie und Poesie der Poesie» zu sein, heisst es bei Schlegel, und bei Mayröcker ist die Reflexion der Bedingung der Möglichkeit des Schreibens ebenso ubiquitär wie der «Witz» als «prophetisches Vermögen» und als «Explosion von gebundenem Geist».

Innerhalb der zerbrochenen Welt zielt Mayröckers Schreiben auf Totalität, doch nähert es sich dieser nicht aus dem Bewusstsein des Absoluten, sondern aus absolutem Bewusstsein. In der Autonomie des Ich sieht die Poetin das Geheimnis des Ganzen verborgen. So steht ihr Name für den romantischen (und nicht weniger: modernen) Traum, Kunst und Leben zur Deckung bringen zu können. Der Leser seinerseits wird Teil des Werks, indem er durch die Lektüre in den Prozess der Kreativität hineingerät und mithin selbst zum Künstler avanciert.

«1 immerfort Reden»

Das (Kunst-)Ideal und das Leben – im jüngsten Prosapoem Friederike Mayröckers klaffen sie bereits im Titel auseinander. «brütt oder Die seufzenden Gärten», das bekräftigt zum einen den Willen zur poetischen «Raserei», zum anderen gesteht es die mögliche «Erschöpfung» eben dieses Willens ein. Die monomanische Schreibzimmerexistenz der Ich-Erzählerin findet ihre Grenze zunächst in der Banalität dessen, was täglich ordnend zu verrichten wäre, doch – über die blosse Auflistung hinaus – unerledigt bleibt. Die mit Zetteln und Heften, Büchern und Blättern, Koffern und Kleidern, Geschirr und Trödel vollgestopfte Wiener Wohnung der Dichterin ist nachgerade legendär. Doch nicht allein die Dingwelt wächst der Protagonistin über den Kopf, auch die Gänge ins Freie und die Anwesenheit von Menschen werden zur Qual. So erweist sich der «Zettelrausch» immer mehr als «Schreibverlotterung». Zugleich aber alimentieren die täglichen Kleinkatastrophen den Strom der Aufzeichnungen und verleihen ihm jene Komik, die verhindert, dass er zum papierenen Ritual gerinnt.

Auch sonst nimmt sich Mayröcker nicht ernster als nötig. «Du fragst, wovon die ganze Sache handelt?, ES HANDELT VON NICHTS», lässt sie die Ich-Erzählerin zu Blum sagen, jenem ewigen «Pappkameraden», der als «massgeschneiderte Konzeption», als Kritiker und Tröster die Einsamkeit vertreibt. «Es ist 1 immerfort Reden», doch ist der Endlosmonolog virtuos aufgefächert in tatsächliche und fiktive Dialoge, Telefonate, Briefwechsel mit realen und imaginären Personen. Lektüren und Zitate, Nachtreste und Wachträume, Episoden und Erinnerungen, Wortkaskaden und Sprachmeditationen halten den Leser in Atem, doch auch die Syntax ist eine Verschlingung und die Interpunktion ein Stolperstein.

Es sind Kunstwerke, die das «Feuerrad in der Brust» der Protagonistin immer wieder zum Kreisen bringen. Berge von Büchern (Butor, Derrida, Novalis, Bataille) sind da, jedes verzettelnd «1 wenig anzusaugen»; Kunst (Dalí, Matisse, Schiele) und Musik (Bach, Schubert, Pergolesi) greifen übers Ästhetische hinaus und gewinnen körperliche Präsenz. Am Bildnis eines Knaben von Picasso entlädt sich die päderastische Phantasie der Erzählerin, Lieblingsautoren pflastern ihre Bettstatt. Ohne Ende schliesslich das poetologische Sinnen: In jeder möglichen Art thematisiert der Text sich selbst, ob nun die eigene Radikalität bemängelt («alles [zu] sehr Partitur») und Schreibart denunziert («meine verfluchte Poesie-Produktion 1 einzige Auskocherei»), eine Passage verworfen («habe jüngstes Kapitel abgeurteilt . . . muss gehärtet, gehäutet werden, bis auf die Knochen») oder an die Mühsal des Schreibanschlusses erinnert wird.

Sturz in die Zeit

Wie die Fliege im Zimmer, so neigt auch die Ich-Erzählerin zur Panik. Es sind der Tod der Mutter und eine «letzte» Liebe, die dem Zweifel am Sinn des eigenen Tuns eine schneidende Schärfe verleihen. Beide bedeuten sie den Sturz aus dem «Schreib-Himmelreich» in die Zeit, woraus sich erklärt, dass «brütt» als (diskontinuierliches) Tagebuch angelegt ist. Das Alter zehrt am «faltenverschnürten Leib» der Heldin, und ihre Zuneigung bleibt – sofern es sich bei Joseph nicht ohnehin um eine «Zettelfigur» handelt – unerwidert. Ihren erotischen Wünschen verweigert sich Joseph ebenso wie dem poetischen «Eigensinn» ihrer Existenz. Durchaus nicht zu Unrecht begegnet er dem Totalitarismus ihrer Gefühle mit «ironischer Reserviertheit», hegt die Urheberin ja selber den Verdacht, ihr Begehren sei «nichts anderes als 1 Verfallensein, 1 Vernarrtheit in die Natur der Liebe selbst». Und doch triumphiert die Leidenschaft über die Leere, solange sie davon erzählen kann, weshalb die Suada nicht enden darf (und nach 350 Seiten doch enden muss).

So wenig wie die Liebe bewahren, so wenig vermag die Ich-Erzählerin dem Tod zu wehren; in ihrer Absolutheit entziehen sich beide den Möglichkeiten ihrer Augenblickskunst. In Frage steht daher nicht weniger als die Poetik des Exzesses als solche, ist das Glück, schreibend «am Leben zu sein, rein, mit dem ehrgeizigen (auch elegischen) Herzen», doch erkauft durch die Abwendung von Zukunft und Vergangenheit. Angesichts des nahenden eigenen Endes muss die «Selbstverschwendung» als Versäumnis und die «Buchstabengegend» als Unort erscheinen. Wo in der Langsamkeit des Erzählens die Geschichte aufzuheben und so der Tod zumindest symbolisch zu überwinden wäre, hinterlässt der «Wirbel von Buchstaben, Wörtern, halben Sätzen» bloss eine «verschwindende Schrift». Die Lektüre von Wolfgang Koeppens «Es war einmal in Masuren» löst eben daher Bestürzung aus: Die eigene Kunst, nichts als ein grosser narzisstischer Selbstbetrug – «ich habe alles falsch gemacht, ich habe alles verloren, vertan, versäumt, ich habe die falsche Richtung eingeschlagen, vielleicht ist die SPRACHÄSTHETIK (. . .) die falsche Zielsetzung gewesen, in dieser von Ungeheuerlichkeiten erschütterten Zeit».

Gemessen an Musil findet die Erzählerin ihre «Sprache ungenau, schwächlich, flüchtig, nicht imstande, wirkliche Schatten zu werfen». «Eine Art ROMANHAFTIGKEIT» schwebt nun auch ihr vor, doch kann es sich dabei nicht um Anekdotisches, sondern allein um die Geschichte des eigenen unabdingbaren Scheiterns handeln. Die Entschlossenheit nämlich, «permanent provokative Bücher zu schreiben», entspringt nur teilweise eigenem Willen: «Jemand anderer hat meine Bücher geschrieben, nicht ich.»

Die Geister, die sie rief, wird die Heldin nicht mehr los. Die Sprache ist eine «Kopuliermaschine», im «Buchstaben-Delirium» spricht es aus ihr, was dem «Selbstversuch am lebenden Hirn und Herz» objektiv-notwendige Züge verleiht.

Die Versöhnung von Erzählen und Delirieren, von Schönheit und Berserkertum kann einzig in einem bis zum Letzten verschärften poetischen Aberwitz, in einem «letalen Experiment» liegen. Es wäre ein Irrtum, im vorgebrachten Zweifel eine Abkehr Mayröckers vom Existentialismus des Schreibens sehen zu wollen. Im Gegenteil wird hier eine Altersradikalität bekräftigt, die ohnegleichen ist. «brütt», dieses «verfluchte» und «gebenedeite Buch», löst als Dekonstruktion der Dekonstruktion die neue Qualität des poetischen «Hakenschlagens» gleich selber ein. Es zeigt Friederike Mayröcker auf der Höhe einer Kunst, die das Leben riskiert. Die Dichterin, kein Zweifel, wird ihrem «Kampfplatz» bis in den Tod treu bleiben. Friedrich Schlegel bekanntlich zog es vor, zum Katholizismus zu konvertieren.

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