Brügge tote Stadt von Georges Rodenbach, 2003, ManholtBrügge tote Stadt.
Roman von Georges Rodenbach (2003, Manholt - Übertragung Dirk Hemjeoltmanns).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Die Stadt, Spiegel der Seele
Georges Rodenbach setzte Brügge schon vor über hundert Jahren ein funkelnd-düsteres Denkmal

Zusammen mit Maeterlinck, Verhaeren und Elskamp gilt Georges Rodenbach als einer der Hauptvertreter der belgischen Nationalliteratur am Ende des 19. Jahrhunderts. Sein kleiner Roman Bruges-la-Morte erschien 1892 und ist in der Literaturgeschichte als bedeutender Beitrag zum literarischen fin-de-siècle notiert. Das Besondere an diesem kleinen Roman ist die Zentrierung seiner Hauptfiguren, wobei die Stadt selbst mit dazu gehört, die phasenweise sogar in den dramaturgischen Mittelpunkt vorrückt - so wie etwa Maurice Barrès es später mit Venedig machen sollte oder Michel Butor, viel später, mit Paris.

"Seiner eigenen Traurigkeit wegen", so steht es hier gleich zu Beginn, hat Hugues Viane nach dem Tod seiner jungen Frau Paris verlassen und sich Brügge als Wahlheimat genommen, es heißt: "Der toten Frau musste eine tote Stadt entsprechen." Brügge wird zu einem Ort, dessen graue Schwermütigkeit seltsam mit der Seelenlandschaft der Hauptfigur korrespondiert. Was Hugues außerhalb seiner trüben Erinnerungen von der Verstorbenen aufbewahrt, ist ein geflochtener Zopf, den er seit ihrem Tod unter einer Glasvitrine hütet - einzig verbliebenes materielles Band zu ihr, ein Fetisch.

Als der depressive Mann an einem Herbstnachmittag erinnerungsschwer durch Brügge streift, begegnet er einer Frau, deren verblüffende Ähnlichkeit mit der seit langem Verstorbenen ihn gänzlich elektrisiert; wie unter Schock setzt er nun alles daran, sie kennenzulernen. Jane Scott ist Tänzerin einer Wanderbühne und taucht regelmäßig in Brügge auf. Jane und Hugues kommen sich bald tatsächlich näher, auch wenn sich zwischen ihnen keine Liaison im eigentlichen Sinne entwickeln soll. Ihre Nähe sucht er, weil sie seiner toten Frau in allem so ähnlich erscheint, und der Text zeigt sich da schon leicht kritisch: "(...) er verehrte die Tote in dem Trugbild dieser Ähnlichkeit". Immerhin heitert sich seine Stimmung zunächst grundsätzlich auf. Bald mietet er ihr ein Haus, was im sittenstrengen Brügge nicht unbemerkt bleibt, er erregt auf diese Weise die "Empörung der Frommen".

Das ist sehr dicht erzählt, zugleich zeigt sich Rodenbach auch in der zunehmenden dramatischen Zeichnung als Meister der Ökonomie. Mit der Zeit findet im inneren Gefüge dieser kuriosen Beziehung nämlich eine wesentliche Verschiebung statt: Zunächst verändert Jane sich äußerlich, die Unähnlichkeit mit der ominösen Vorgängerin wird größer. Dann aber wird sie auch immer vulgärer, und ihr Zauber verblasst vollends. Unverhohlen machen sich materialistische Wünsche bei ihr breit, bald spekuliert sie offen auf Hugues Erbe. Sie lässt sich mit anderen Männern ein, was Hugues' Eifersucht erregt.

Der Konflikt zwischen beiden eskaliert, als Jane die Glasvitrine entdeckt und sie sich nicht nur über den darin liegenden Zopf mokiert, sondern ihn auch herausholt und sich um den Hals legt. Eine schreiende Profanisierung, viel zuviel für Hugues, der plötzlich, wie außer Rand und Band, Jane mit eben diesem Zopf erdrosselt. Unter dem Aspekt der Logik hat das einen quasi-kathartischen Effekt, denn nur so - nämlich tot - kann Jane der ersten Toten wieder ähnlich werden, und nur darum ging es.

Das melodramatische Ende passt freilich in die düster-morbide Zeichnung Rodenbachs, der diesen Furor sehr stringent an sein tragisches Ende führt. Das Buch zeigt sich gerade in der Neuübersetzung als kleines Juwel.

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