Brüchige Tage von Philippe Besson, 2006, dtv

Brüchige Tage.
Roman von Philippe Besson (2006, dtv - Übertragung Caroline Vollmann).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Züricher Zeitung vom 9.11.2006:

Rimbauds letzte Monate
Ein Roman von Philippe Besson

Arthur Rimbaud (1854–1891) galt als «Dichterseher». Zusammen mit Baudelaire und Mallarmé hat er seinen Platz in der Literaturgeschichte als einer der grössten Poeten des 19. Jahrhunderts. Doch im Gegensatz zu den beiden anderen Genannten war er noch nicht einmal 20 Jahre alt, als er seine schriftstellerische Produktion einstellte und, stets sonnenhungrig, zu reisen begann, erst nach Italien, später nach Afrika, wo er sich als Händler und Geschäftsmann versuchte. Knapp 37-jährig kehrte er mit einem schweren Tumor am Knie nach Frankreich zurück. In Philippe Bessons Buch «Brüchige Tage» folgt man den letzten Monaten des Autors des «Trunkenen Schiffs», und zwar aus der Sicht seiner Schwester Isabelle. Ihr (fiktives) Tagebuch setzt in dem Moment ein, da ihr Bruder zur Behandlung des Knies ein Marseiller Krankenhaus aufsucht. Die Schwester fährt zu ihm, begleitet den nur schwerlich Genesenden zurück nach Charleville, in sein verhasstes Elternhaus in den Ardennen.

Isabelle ist die jüngere Schwester – mehrere Geschwister sind bereits jung verstorben –; sie lebt mit ihrer Mutter. Diese Frau zeigt sich als biestige, herzenskalte Person, die ihrem todkranken Sohn nicht die geringste Sympathie entgegenbringt. Das Verhältnis der beiden ist freilich seit langem zerrüttet, Arthur hat ihr nie verziehen, dass sie ihn einst in ein Internat steckte. Auch die Mutter bleibt bis zum Schluss unversöhnlich. Glaubensstreng gibt sie zu verstehen, Arthur habe sein Schicksal verdient; sie sieht es als Strafe Gottes für das liederliche Leben, das ihr Sohn in Paris und London und im Zusammensein mit Verlaine, dem anderen «poète maudit», geführt hat. Isabelle steht zwischen den beiden Antagonisten, doch liebt sie ihren Bruder zu sehr, um ihm die Hilfe zu versagen. Minuziös schildert sie seine Lethargie, dann seine Agonie und ihr ständiges Hin und Her zwischen Furcht und Hoffnung. Ihr Privatleben in diesem Tagebuch ist von vorneherein eine quantité négligeable, fast komplett konzentriert sie ihre Beobachtungen auf den Sterbenskranken. Das schafft freilich eine für ein Tagebuch ungewöhnliche Fokussierung und mithin etwas leicht Konstruiertes. Bei aller Zurücknahme und selbstattestierten Gedankenschlichtheit fällt zudem die Eloquenz und Beobachtungsgabe Isabelles auf. Ihre Reflexionen, sind bereits auf die Nachwelt eingestimmt, auf den Ruhm und die Ehre des Bruders.

Das ist vielleicht auch das Interessanteste an einem insgesamt eher überraschungsarmen Buch: Ausdrücklich will Isabelle die sexuellen Konnotationen und dabei vor allem die Homosexualität ihres Bruders gerade nicht zum Gegenstand ihres Tagebuchs machen. Alle von Arthur diesbezüglich geäusserten Hinweise lässt sie weg – wir erfahren sie nicht –; in dem Bestreben, Arthur «nicht besudelt in die Geschichte» eingehen zu lassen. Als er sich kurz vor seinem Tode wider Erwarten zum christlichen Glauben bekehrt, ist ihre Freude indes gross (was sie wiederum an ihre Mutter heranführt). Arthur wird in Charleville beerdigt, dem Ort, den er am meisten gehasst hat. Isabelle raunt am Ende mit eher ungutem Gefühl: «Ich zweifle, dass er in Frieden ruht.»

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