Bruder Kemal.
Roman von Jakob Arjouni (2012, Diogenes).
Besprechung von Nevfel Cumart aus den Nürnberger Nachrichten vom 12.2.2013:

Kayankaya in Bedrängnis
Jakob Arjounis letztes Buch mit dem Frankfurter Detektiv

Jakob Arjouni, einer der talentiertesten Erzähler in Deutschland, ist vor kurzem mit nur 48 Jahren gestorben. Ein herber Verlust für die Fans, die sich nach zehn Jahren über einen neuen Band mit dem Privatdetektiv Kemal Kayankaya freuten. Doch der ist kaum wiederzuerkennen. Und doch lesen wir begierig Zeile für Zeile und sind dankbar, dass „Bruder Kemal“ wieder im Einsatz ist und im Frankfurter Dreck wühlt.

Kayankaya ist mittlerweile 53 Jahre alt, säuft kein Bier mehr, hat dennoch reichlich Bauch angesetzt, mit dem notorischen Rauchen aufgehört, fährt schwitzend Fahrrad, lebt mit einer ehemaligen Prostituierten in einer gepflegten Vier-Zimmer-Altbauwohnung im Frankfurter Westend und liebäugelt mit dem Vaterwerden. Was würden die Kollegen Philip Marlowe und Sam Spade wohl zu soviel Demütigung sagen?

Doch noch ist nicht alles verloren. Denn von seiner alten Straßenköter-Mentalität und seinem unfehlbaren Auge hat Kemal Kayankaya scheinbar nichts eingebüßt. Das wird schon auf den ersten Seiten klar, als er eine bildhübsche und reiche Mandantin aufsucht.

Valerie de Chavannes ist eine französische Bankierstochter und Künstlergattin, bewohnt eine noble Villa im Frankfurter Diplomatenviertel und macht sich große Sorgen um ihre verschwundene Tochter, die vermutlich mit einem Fotografen durchgebrannt ist. Kayankaya soll die 16-jährige Marieke für einen imposanten Tages- und Schweigesatz finden und heimbringen. Sieht aus wie leicht und schnell verdientes Geld, zumal Mutter de Chavannes die Adresse des reizenden Fotografen (und Ex-Liebhabers) kennt.

Raffiniert verkompliziert

Doch Arjouni hat auch in seinem letzten Buch wieder einen Haken geschlagen, der Fall entpuppt sich als ein Sumpf aus Prostitution, Vergewaltigung, Drogenhandel und Mord. Und seinem arg gebeutelten deutsch-türkischen Privatdetektiv noch eine weitere Bürde aufgehalst: Kayankaya wird zeitgleich von der Pressefrau eines Verlages engagiert, für einen bedrohten islamischen Autor auf der Frankfurter Buchmesse Bodyguard zu spielen. Der „Skandalautor“ Malik Rashid kommt aus Marokko und schreibt in seinem Roman über den Umgang mit Homosexualität in einem arabischen Land. Auch hier rechnet Kayankaya mit einem leichten Spiel, zumal er gleich die Drohkulisse als Marketingmittel durchschaut. Pech nur, dass Rashid entführt wird und der Fall vollends aus dem Ruder gerät. Am Ende finden wir einen — immer noch — hartgesottenen Kayankaya, der um Haaresbreite einer Mordanklage entgeht und sich glücklich schätzen kann, dass er einen rumänischen Freund im Polizeipräsidium hat, der so deutsch aussieht, „als hätte Himmler ihn für den Erhalt der öffentlichen Ordnung noch persönlich züchten lassen“.

Islamisten, die mit Drogen dealen, Zuhälter, die in feinen Kreisen verkehren, Verlagsangestellte, die mit getürkten Gefahrenszenarien den Buchverkauf ankurbeln, religiöse Eiferer, die vor Kidnapping nicht zurückschrecken, Upperclass-Frauen mit dunkler Vergangenheit. Arjouni bietet ein beeindruckendes Arsenal an Figuren auf und bettet sie in zwei Handlungsstränge ein, an deren Zusammenführung zweitklassige Autoren kläglich gescheitert wären. Bei ihm entsteht daraus mit sarkastischem Humor und einer unbeschreiblichen Leichtigkeit eine ausgeklügelte Story, anders gesagt: hohe Krimi-Kunst, die reichlich mit überzeugenden Milieustudien angereichert ist! Und keine Frage: Arjouni konnte hierzulande die besten Dialoge schreiben. Er wird in der Literaturszene bitter fehlen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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