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Brot und Spiele.
Urban Poems von Anke Glasmacher (2014, elifverlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Mai 2014:

der barmann meint/ ich habe eine tiefgründige seele

Man ist verwundert und freut sich, dass der Elif Verlag, (klein, aber fein), gut editierte und unverwechselbar gestaltete Gedichtbücher druckt und veröffentlicht und somit mancher Dichterin und manchem Dichter ein Forum gibt, ihre poetischen Arbeiten vorzustellen wie zum Beispiel Anke Glasmacher, die unter dem vielsagenden Titel „Brot und Spiele“ „Urban Poems“ vorlegt, bei denen man schon während der Lektüre spürt, dass da jemand schreibt, von dem man noch viel lesen und hören wird, eine Entdeckung, authentisch und und eigen, lichtecht und unverwechselbar.

Anke Glasmacher, geboren 1969, lebte viele Jahre in Berlin und heute in Köln und gehörte 2013 zu den PreisträgerInnen des Lyrikwettbewerbs postpoetry.NRW. Ihre „Urban Poems“ sind durch Begegnungen entstanden mit den großen Städten der Welt, New York, Wien, London, Lissabon, Berlin, Köln und Düsseldorf, aber auch mit Zinnowitz oder der Insel Mallorca und haben in meinen Augen das gewisse Etwas, das Poesie lebendig macht und wie ein Glas zum Klingen bringt, wenn man mit nassem Finger über seinen Rand kreist.

Sie kommen daher wie Notate, ähneln präzise, kurz oder länger, flüchtigen Skizzen oder Filmsequenzen vom poetischen Glanz eines Haikus. Und niemand kann ihre Entstehung besser charakterisieren als die Dichterin selbst: „verstehen/ ist ein prozess des auges/ denke ich// und banne/ das photo aus meiner feder/ noch bevor die rechnung kommt“.

Die Dichterin besitzt das begnadete Talent, Sprache beim Wort zu nehmen und damit zu spielen, surreal und komisch, mit dem feinen Sinn für Pointen. So lesen wir im titelgebenden Gedicht „Brot und Spiele“, datiert, Mallorca 2011: „die boote legen ihre insassen ab// der angler an meiner seite fischt/ eine barbusige jungfrau aus der/ meeresbucht und quietscht beglückt/ über den neuen köder// so plätschert der tag gegen die felsen/ so kugeln sich die fischer“.

Die Dichterin besitzt die Gabe hintersinniger Ironie und weiß sie geschickt und gewandt einzusetzen: „SPOT// cheese, sagt er./ und bekommt einen/ toast darauf.// London 2001“.

Oder: „DER WEISSE TISCH// an gedeckten tischen/ tischen sie auf/ die geschichten/ rund um die gedeckten tische“.

Sie ist sensibel für Eindrücke und Stimmungen und manchmal durchweht ihre Gedichte ein Hauch von Melancholie, der berührt und nachdenklich macht: „NACHTCAFÉ// im café der nacht/ halten sich/ zwei hände. fest/ die zähne lächeln/ die brillen leeren/ kakao. tassenweise// und der kaffee wartet auf/ bessere/ zeiten. // Berlin 2001“.

Wir lesen lebendige, einprägsame und lakonische Gedichte, die jedes Verständnis für Außenseiter und Zukurzgekommene aufweisen und ein Dokument wahrhaftiger Menschenliebe sind, sozial und politisch: „KIEZKULTUR// rasierter kopf/ mit nasenring/ macht sich auf zum/ sonntagsschnitt// ruhig wartet/ das spiegelglas/ im saloon/ die szene ab// leise schüttelt/ ein baum/ die erlegten blätter/ in den garten eden//…// Berlin 2010“. Inhaltlich geht es um Zukunft und Vergangenheit der Städte und ihrer Bewohner, um Abriss und dem Entstehen von Neuem, um „berliner höfe/ neu gestaltet“.

Die Dichterin nimmt ihre Leser mit zu den Orten, an denen sie wohnt, sich aufhält und ihre Beobachtungen macht und zeigt ihnen den Wandel, „im augenwinkel/ mit dem design/ des abrisses“.

Sie macht uns mit Menschen bekannt, die in der Anonymität der Großstadt ungesehen bleiben: „UNDERGROUND// fließende menschen/ ein flüchtiger augenblick/ unter der sonnenbrille// flipflops die damen/ turnschuhe die herren// unterm abendkleid/ die krawatte fest gebunden// alle gleich/ die treppen hoch// das gusseisen blank/ geklammert// New York 2010“.

Mit Hilfe ihrer Gedichte gibt die Dichterin den Anonymen ein Gesicht und verewigt selbst flüchtige Begegnungen im Gedächtnis ihrer Dichtung, als könne sie die Zeit anhalten bzw. bannen: „LIVING IN THE BOX// aufgereiht auf den bänken/ blicken die gäste fest/ auf ihre schuhe/ im kopf den i-pod// wilde rhytmen/ und geschichten/ paaren sich/ während die metro/ scheppernd meilen frisst// im nächsten bahnhof/ erhebt sich eine bank/ und mit festem schritt/ steigt ein schuh aus// New York 2010“.

Oder: „PIANO MAN// der an der bar/ spielt klavier/ dunkel und voller whiskey// in den gläsern schwimmen/ persönliche geschichten/ erzählen will hier niemand// Berlin 2011“.

Anke Glasmacher stellt uns in ihren „Urban Poems“ Städte, Landschaften und Menschen vor und bewahrt das Flüchtige des Augenblicks vor dem Vergessen. Ihre Gedichte zwischen Vergangenheit und Zukunft sind „REISE FÜR EINEN AUGENBLICK“.

Sie berühren unsere Sinne. Sie berühren unser Herz, wo sie hingekauert bleiben: „ich schließe mein notizbuch/ und verweile in den tiefschwarzen abgründen/ meiner gedanken// New York 2010“.

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Leseprobe I Buchbestellung 0514 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke

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2.)

Brot und Spiele.
Urban Poems von Anke Glasmacher (2014, elifverlag).
Besprechung von Matthias Engels auf seinem Blog Dingfest, 01.06.2014:

Rezension zu Anke Glasmachers: Brot und Spiele

verstehen
ist ein prozess des auges
denke ich

und banne
das photo aus meiner feder
noch bevor die rechnung kommt

Dieses Gedicht, betitelt mit Café de Brasileira, scheint mir ein sehr treffender und beinahe programmatischer Text:
für das Buch Brot und Spiele
und genauso für die Arbeitsweise seiner Autorin
Anke Glasmacher!

Texte, die über das Auge funktionieren, dem Moment verpflichtet und somit nah an der Fotografie: einer analogen, oder sogar eher noch altertümlichen allerdings, bei der das Bild noch unter Anwendung gewisser Geheimkniffe und einer angemessenen Langsamkeit in eine empfindliche Oberfläche geprägt wird.

Anke Glasmachers Texte sind wohl überlegte Schnappschüsse, manche kenntnisreich doppelbelichtet und -fern von Landschaftsidyllen- urban, städtisch. Und: mit urban poems ist es auch unterbetitelt. Aber schon der eigentliche Name des Bandes weist in die richtige Richtung: Brot und Spiele: die Mittel, mit denen römische Herrscher ihr Volk und ihre Bürger leicht ruhig zu halten verstanden. So begegnet man den Menschen in Anke Glasmachers Gedichten auch maßgeblich unterwegs: von hier nach dort, ameisengleich umherwuselnd von einer schneller Nahrungsquelle zur nächsten, von der kleineren zur etwas größeren Attraktion. Transit-Volk: in Bars, in Cafés, auf Straßen- keine „Homestories“, wenig Home, wenig Heimat hier. Die Zigarette als immer wiederkehrendes und passendes Interims-Narkotikum zwischen zwei Zwischenstationen, denn schließlich ist sie ja aus lauschigen Innenräumen weitgehendst verbannt- wie auch der Kaffee sich heute im städtischen Raum zu einem Draußen-Phänomen entwickelt hat, als das er auch in diesem Band seine Rolle spielt.

rauch
geschwängert
die frau
nur luft

(„Bar“)

Die Nähe zur Fotografie ist also deutlich. Hier schaut ein genaues Auge und notiert Eindrücke von Vorübergehendem, Vorübergehenden: schlicht, lakonisch und beinahe haiku-haft vordergründig einfach. Die Texte sind kurz, prägnant, metaphernarm, aber ab und an lösen sich behutsam die gewohnten Perspektiven auf und fügen sich zu ungewohnten Sichtweisen und Zusammenhängen neu zusammen.


leise schüttelt
ein baum
die erlegten blätter
in den garten eden

alkohol rieselt
neben einem kinderwagen

in den hof
und aus den augen

ein alter mann
rastet
auf der bank
zu trancemusik

(aus: „Kiezkultur“)

Es sind Texte einer Autorin, die ebenfalls (ganz wie ihre Sujets) unterwegs ist, jedoch ohne jegliche Hast: eine unauffällige Durchreisende, die festhält, was sich im Trubel New Yorks, Berlins oder auch Kölns gerade so eben festhalten lässt.
Nur einige Gedichte, etwa die Mallorca-Texte, greifen etwas weiter aus, mit längeren Sätzen, mehrversig- ich kann nicht anders, als mir die Autorin hier zur Ruhe gekommen vorzustellen – an einem Tisch, am Strand sitzend und mit längeren Belichtungszeiten experimentierend.
….
langsam ergreift die stimmung auch
uns und wir
tauchen beschämt nach perlen

(aus: „Das Hütchenspiel“)

Der ganz offensichtlich sehr sorgfältig arbeitende Elif Verlag (was für ein schönes Buch, an sich, als Objekt!) hat seiner Autorin hier ein wunderbares Album für ihre lyrischen Schnappschüsse geschaffen. Brot und Spiele ist eine Reise in Bildern- zu Städten: zu Tode fotografiert und dennoch nie zur Gänze erfasst; zu toten Winkeln und blinden Flecken: nie eines Besuches für würdig befunden und: zu den Bewohnern dieser Städte, die vor lauter Brotangebot und Spielaufforderung beinahe nicht wissen, wohin sich als Nächstes wenden; die nicht sehen, was die Autorin sieht und dem Leser sichtbar macht, ohne es ins Monströse zu vergrößern oder bonbonbunt einfärben zu müssen.
Dies ist einer der Lyrikbände, die man noch oft mit der Gewissheit aufschlagen und durchblättern kann, darin etwas Neues zu finden. Einer derjenigen, bei dessen Wiederlektüre man über seine eigene, frühere Blindheit staunen kann- verstehen ist ein prozess des auges

Anke Glasmacher, Jahrgang 1969, wuchs im Bergischen Land auf. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bonn und Köln. Sie lebte 12 Jahre lang in Berlin im Prenzlauer Berg, wohnt und arbeitet heute aber wieder in Köln. 2013 gehörte sie zu den PreisträgerInnen des Lyrikwettbewerbs postpoetry.NRW. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im Literatur-Atelier Köln.

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Leseprobe I Buchbestellung 0815 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Matthias Engels