Brot für die Seele.
Geschichten von Theodor Weißenborn (2001, Echter).
Besprechung von Josef Dirnbeck aus Rezensionen-online *Sz*, Juli 2002:

Literarische Kleinode

Um zu merken, dass es sich lohnt, dieses Buch zu lesen, müsste man die sechzehn Erzählungen von Theodor Weißenborn, die der Echter-Verlag unter dem Titel "Brot für die Seele" herausgebracht hat, eigentlich bereits gelesen haben. Von der äußeren Aufmachung des Buches wird man jedenfalls nicht mit der Nase darauf gestoßen, sofort zu sehen, wie menschlich anrührend diese Texte sind und welche literarische Qualität ihnen eignet. Jede dieser stilistisch durchaus abwechslungsreich gestalteten Kurzgeschichten könnte der Plot einer interessanten Filmepisode sein und würde auf diesem Weg gewiss ein größeres Publikum ansprechen als jene Minderheit von Lesern, die erreicht wird, wenn das Buch so präsentiert wird wie hier.

Nicht ohne Grund gibt es in der Werbewirtschaft den Stehsatz: "Die Verpackung ist der halbe Inhalt". Nicht nur, weil unsere Zeit bekanntlich schnellebig ist, sondern weil wir einfach gezwungen sind, uns rasch zu orientieren, und pauschal kommunizieren müssen, wäre es wichtig, daß man einem Buch schon von außen ansehen kann, was es bietet. Aber würde man im ersten Augenblick nicht eher vermuten, der bekannte deutsche Autor habe ein Buch zur Erstkommunion geschrieben oder erbauliche Eucharistie-Geschichten verfasst, wenn hier "heilsame Geschichten" mit der Überschrift "Brot für die Seele" offeriert werden?

Wer würde vermuten, in einer dieser Erzählungen ("Brief einer Mutter") die politisch wie privat gleich beklemmende Leidensgeschichte eines in der DDR im Jahr des Mauerbaus verstorbenen Handwerkers zu finden - oder die präzise Beschreibung der Nöte eines Jugendlichen, dem der Gruppendruck der Gleichaltrigen eine Mutprobe ("Sprung ins Ungewisse") abverlangt, bei der er - sich dem Druck beugend und gleichzeitig Widerstand leistend - in ganz anderer als der erwarteten Weise zum Helden wird.

Wer würde die wehmütige Erschütterung ahnen, welche die Begegnung mit einer Frau im Park beim Erzähler auslöst und ihm den Eindruck vermittelt, ein "Gespräch mit der Todin" geführt zu haben - oder den starken Trost, den die schlichten Worte einer alten Ordensschwester spenden, die (in der Erzählung "Zwischen Leben und Tod") zum Patienten im Operationssaal sagt: "Jetzt geht es Ihnen bald besser"!

Was auch immer den Würzburger Verlag veranlasst haben mag, in einer fast an Etikettenschwindel gemahnenden Weise literarische Kleinode zu verstecken, als wären es Ostereier: den Texten Theodor Weißenborns ist jedenfalls zu wünschen, dass sie möglichst viele Leser finden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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