1.) -
3.)
Bro.
Roman von Vladimir
Sorokin (2006, Berlin Verlag - Übertragung Andreas Tretner).
Besprechung von Simone
Dattenberger im Münchner
Merkur, 27.6.2006:
Der Russe
aus dem All
Nervtötende Suche: Vladimir Sorokins
"Bro"
"Und ich begriff das Wesen des Menschen. Der Mensch war eine FLEISCHMASCHINE." Der das feststellt, wuchs selbst als "Fleischmaschine" auf, bis ihm als junger Mann eine Art Erweckung widerfuhr. Dann wurde aus dem Erdbewohner Alexander mit Sitz in der frisch gegründeten Sowjetunion ein Bewohner des Alls. Der war durch Unachtsamkeit auf dem ungemütlichen Planeten gelandet, wo vor allem Fressen und Gefressen-Werden herrschen.
Eisbrocken in der Taiga
Vladimir Sorokin legt mit "Bro - so heißt
das Sternenkind - die Vorgeschichte zu seinem letzten Roman "Ljod. Das
Eis" vor. Erzählt wird also zunächst vom alten Russland, einer (fast)
nostalgischen Vision von Großfamilie, Wohlleben durch Papas Zuckerfabriken und
von komischen Episoden mit den Bediensteten. Da hinein bricht brutal
Polit-Geschichte: Erster Weltkrieg, Revolution, Sowjetunion. Mit einem Mal ist
Alexander völlig allein. Die Wirren machen ihn dennoch zum Studenten. In
Astronomievorlesungen träumt er sich ins All.
Schließlich darf er sogar an einer Expedition teilnehmen. Gesucht wird in der
Taiga ein Meteorit. Gefunden wird Ljod, ein riesiger Eisbrocken im Sumpf. Dieses
Weltraum-Wesen lockt aus Alexander sein wahres Sein heraus: Er ist Teil des
Alls.
Bis hierher kann Sorokin noch Spannung erzeugen, um den Leser für die
Gedankenwelt der Ljodler zu interessieren. Eindrucksvoll die Schilderung der
sibirischen Wälder, jener alles verschlingenden Natur. Aber dann muss der Autor
seinen Bro ausschicken, die Artgenossen zu finden. Was zunächst zu einer Reihe
von Abenteuern mit der noch chaotischen Sowjetmacht führt, wird immer mehr zur
nervtötenden Suche. Sorokin erspart uns unterhaltungssüchtigen
"Fleischmaschinen" nichts. Auch nicht den Zweiten Weltkrieg und die
KZs - naturgemäß aus der für uns völlig beschränkten Bro-Perspektive.
Fleißig forschen die Eis-Leute nach Ihresgleichen. Wenn nicht alle 23 000
"Strahlen" zusammenkommen, können sie nicht in die Sphären-Harmonie
entweichen. Weil man sich als "Fleischmaschinen"-Leser aber nicht so
recht mit diesen All-Flüchtern identifizieren kann, sind ihre Bemühungen einem
herzlich wurscht - und das Buch wird einem immer langweiliger. Sie schaffen's ja
nicht einmal zum Weltuntergang. Das Fürchten hat uns Vladimir Sorokin wieder
nicht gelehrt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0606 LYRIKwelt © Münchner Merkur
***
2.)
Bro.
Roman von Vladimir
Sorokin (2006, Berlin Verlag - Übertragung Andreas Tretner).
Besprechung von Bernhard
Windisch aus den Nürnberger
Nachrichten vom 25.07.2006:
Das Glück fällt doch vom Himmel
Esoterische Erweckung und literarischer Fall des Schriftstellers Vladimir
Sorokin
Der 1955 in Moskau geborene
Vladimir Georgijewitsch Sorokin ist nicht nur ein produktiver, sondern vor allem
ein überraschender Autor — und das nicht nur im positiven Sinne. Mit seinem jüngsten
Roman „Bro“ setzt er seinen Ruf als Ausnahmeliterat aufs Spiel.
Am Anfang von Sorokins Schaffens steht ein konservatives Sittenbild vom
Leben auf dem Lande, ein urrussisch-weitschweifiger Monolith unter dem
Namenstitel des Helden „Roman“. Ein Epos, dem man bescheinigte, „die
reinste Literatur“ zu sein, „die man je gelesen hat“. Ihm folgte
„Marinas dreißigste Liebe“, in dem er die Stilistik des sozialistischen
Realismus parodiert und gleichzeitig pornografische Schilderungen in die
Sowjetliteratur einführte. Weltweit bekannt wurde er dann mit der
„Schlange“, einer Realsatire über das unendliche Schlangestehen als
Lebensform im „real existierenden Sozialismus“.
Dieser Roman besteht nur aus Dialogen - und leeren Seiten. Nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden drei Werke: „Ein Monat in Dachau“,
„Die Herzen der Vier“ und „Der himmelblaue Speck“. In ihnen ist das
unvorstellbar Schlimmste zu lesen, was wohl je zu Papier gebracht worden ist. Es
lässt die Fantasien des Marquis de Sade, Vladimir Georgijewitsch Sorokins
Lehrmeister, wie auch die Girl-Kapitel von Bret Easton Ellis’ „American
Psycho“ an sexueller Perversion und Grausamkeit ein ganzes Stück hinter sich.
Literatur ist Wahnsinn
Diese Werke wären in ihrer Provokation wohl nicht so großartig schrecklich,
wenn es sich nur um die Ausgeburten einer kranken Fantasie handeln würde:
„Literatur hat mich immer nur interessiert als eine Form menschlichen
Wahnsinns“, bekennt der Autor.
Bis über die Schmerz- und Ekelgrenze hinaus spiegeln sie jedoch die heillosen
Wunden wider, die der Stalinismus und das Sowjetregime ins Bewusstsein (und die
Seele) der russischen Menschen geschlagen haben. Die Setzer weigerten sich,
diese Texte für den Druck vorzubereiten und es gab Anfragen bei der Duma, ob
man Bücher wie die des „Nestbeschmutzers“ Sorokin nicht wieder verbieten könne.
„Die Herzen der Vier“ kam deshalb als Welterstausgabe auf Deutsch bei
Haffmans in der Schweiz heraus. Das Buch ist keinesfalls eine Empfehlung: Lesen
auf eigene Gefahr! Skandalöse Theaterstücke des Autors folgten. Vor dem
Bolschoi-Theater baute man eine riesige Toilette auf und spülte Sorokins
Libretto zur Oper „Rosenthals Kinder“ hinunter. Die Putin-Jugend forderte
das für das Gesamtwerk des Schriftstellers. Da brachte er „Ljod. Das Eis“
heraus.
Zwar gibt es da noch immer (eigentlich überflüssige) pornografische Stellen,
aber die Tendenz ist eine ganz andere. Erstmals nach „Roman“ tritt etwas
Positives bei Sorokin in Erscheinung und zwar in Form einer kosmischen Energie,
die im Eis eines Meteoriten, der 1908 in die Taiga gefallen sein soll, gefangen
liegt. Diese Energie könnte das paradiesische Glück für die Menschen
bedeuten, denn alle, die mit ihm in Berührung kommen, verwandeln sich in Glückselige.
Das Buch ist, gemessen an seinen komplexen und originell-wendungsreichen Vorgängern,
erstaunlich simpel und geradlinig geschrieben. Eigentlich wird nur der
Grundeinfall, das Zertrümmern des Brustkorbes mit Eishammern, damit das Herz
darunter zum Leben erweckt wird, ermüdende Male variiert.
Wohl weil das Buch in der russischen Öffentlichkeit einen ungeahnten Widerhall
fand, setzte er noch einen Roman drauf, den kürzlich auf deutsch erschienenen
„Bro“, in dem die Vorgeschichte zu „Ljod“ erzählt wird. Nachgerade
unverschämt konventionell und ohne Sorokinsche Schocks, ganz unanstößig und
sauber breitet der Autor hier im pseudonaiv-süßlichen Ton und stilistisch
trivial noch einmal die Geschichte der Erweckung mit nachfolgender Jüngersuche
aus.
Eisbrocken aus dem All
Soll man die Verzückungen angesichts eines toten Eisbrockens aus dem All
wirklich ernst nehmen oder parodiert Sorokin hier nur wieder, diesmal den
esoterischen Wahn, der Russland nach dem kommunistischen heimzusuchen scheint?
Bezeichnenderweise wird das nicht deutlich. Sonst könnte man noch von dem
Romanhelden Bro auf den Autor mit den Engelslocken schließen, und wenn der sich
tatsächlich mental aufgestiegen fühlen sollte, dann hätte er seine
Erleuchtung wohl besser für sich behalten. Denn als Schriftsteller ist er damit
tief gefallen.
In „Ljod. Das Eis“ wird ohnehin klar, dass die Menschen mit der
paradiesischen Glückseligkeit aus dem All nicht viel anderes anfangen können
als daraus ein Geschäft zu machen: Da wird nämlich das Meteoriten-Eis mit der
wundersamen Wirkung am Ende als Wellness-Set verkauft und die Konsumenten ziehen
es sich rein wie irgendein Rauschgift. Nach „Ljod“ und „Bro“ muss man
sich wirklich fragen, ob Sorokin ein ernstzunehmender Schriftsteller ist.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0107 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten
***
3.)
Bro.
Roman von Vladimir
Sorokin (2006, Berlin Verlag - Übertragung Andreas Tretner).
Besprechung von Gisela Reller auf
Reller-Rezensionen,
2010:
Ich wüsste gern,
ob die "Fleischmaschinen-Bücher" Vladimir Sorokins von Anfang an als Trilogie
gedacht waren; denn selten schreibt und veröffentlicht doch ein Autor erst Band
2 ("LJOD. DAS EIS"), um dann - fast zwei Jahre später - Band 1 BRO nachzutragen.
Erst Band 3 (mit dem Arbeitstitel "23 000") wird uns wohl verdeutlichen, warum
der Leser in BRO unbedingt erfahren muss, mit wem die Eis-Aufklopf-Aktion
ursprünglich begann - mit dem jungen Alexander Snegirow nämlich, der in "LJOD.
DAS EIS" als bereits weiser alte Mann auftritt.
In BRO wird Snegirow am 30. Juni 1908 in Waskelowo nahe St. Petersburg geboren,
in der Nacht, in der im fernen Sibirien ein Meteorit einschlägt, der der Welt
bis heute Rätsel aufgibt. Wir lesen in der Ich-Form von Snegirows behüteter
Kindheit als Sohn eines russischen Zuckerfabrikanten, bis diese - als er sechs
Jahre alt ist - Risse bekommt: Der erste Weltkrieg beginnt; zwei Revolutionen
brechen aus; St. Petersburg wird zu Petrograd...
Durch seine Kommilitonin Mascha Dormidontowa lernt Alexander Snegirow 1928 den
Leiter einer Forschungsabteilung am Bergbau-Institut kennen, Leonid Kulik, der
gerade seine dritte Expedition nach Sibirien zum Einschlagsgebiet des kosmischen
Meteoriten ausrüstet. Als Kulik von Mascha erfährt, dass Alexander in der Nacht
geboren wurde, als der Meteorit vom Himmel auf die Erde stürzte, nimmt ihn Kulik
in sein Expeditionsteam auf.
Da bei Sorokin nichts ohne Zeit und Raum geschieht, erfahren wir sowohl von der
NÖP (der Neuen Ökonomischen Politik) als auch von Stalins Verfolgungswahn und
seinen Lagern, begegnen uns Trotzki, Lunatscharski, Sinowjew und die Krupskaja...
Die Expedition gestaltet sich von Tag zu Tag strapaziöser, und der
zwanzigjährige Snegirow wird von Tag zu Tag eigenartiger: Er redet mit niemanden
mehr, ekelt sich neuerdings vor Fleisch, kann nur noch rohes Obst und Gemüse
essen. Eines Nachts zündet er das Expeditionslager an und begibt sich in die
Taiga. Nach langem Fußweg entdeckt er in einem See mit viel Entengrütze die
Spitze des weißblau funkelnden eisigen Tunguska-Meteoriten. Er rutscht darauf
aus, und beim Aufschlagen gibt sein bisher stummes, nun sprechendes Herz seinen
wahren Namen preis: BRO.
Wir sind auf Seite 118, das Buch hat noch 226 Seiten, auf denen wir so gut wie
nichts Neues erfahren, nichts, was wir nicht schon aus Band 2 wissen: Nur 23 000
Menschen auf der ganzen Welt sind Auserwählte, sind keine "Fleischmaschinen mit
Blutumlaufpumpen", die nur "dreierlei Verrichtungen kennen: Menschen zu gebären
und Menschen zu töten sowie ihre Umwelt zu missbrauchen". Und so gilt es auch in
Band 2, die Menschen mit sprechenden Herzen ausfindig zu machen, sie "in
Strahlen des ursprünglichen Lichts zurückzuverwandeln". "Und dies Licht wird
leuchten im leeren, um Seiner Selbst willen existierenden Raum."
Snegirow, nicht faul, macht sich an die Arbeit und auf den Weg, ein großes Stück
Ljod (Eis) geschultert. Bald entdeckt er ein Mädchen mit blauen Augen. Er spürt
sofort, dieses Mädchen ist von "seiner Art". Mit dem mitgeführten Eisbrocken
schlägt Snegirow kräftig auf ihr Brustbein, ihr Herz erwacht, und er erfährt,
dass er Fer erweckt hat. Gemeinsam erwecken "die Geschwister des Lichts" nun
einen Pferdedieb, dann einen Schiffsbanditen, einen Geheimdienstchef, einen
Priester, einen Flötisten und auch einige unbescholtene Schwestern...
Wie in Band 2 werden Menschen schmerzhaft aufgeklopft, die blaue Augen und
blonde Haare haben. Das Aufklopfen ist nicht zu umgehen, weil niemand von den
Brüdern und Schwestern voraussagen kann, wer von den blauäugigen Blonden ein
sprechendes Herz hat. Die vergeblich aufgeklopften (ermordeten!)
Fleischmaschinen sind dann eben tot.
Nur BRO und Fer zusammen hatten einen einzigartigen Herzensmagneten, der Bruder
oder Schwester "von eigener Art" unfehlbar auszumachen verstand. Doch Fer stirbt
bei einem Bombenangriff in Deutschland. Wir wissen ja schon, dass bei Sorokin
nichts ohne Zeit und Raum geschieht, und so begegnet uns später in Deutschland
(im "0rdnungsland") "der Führer", bricht der zweite Weltkrieg aus, werden
Konzentrationslager eingerichtet und Juden umgebracht.
Hat mich bei "LJOD. DAS EIS" eine gewisse Ernsthaftigkeit angeweht, weil von
Sorokin eine Art Paradies heraufbeschworen wird, so hat mich BRO - das auch eine
bearbeitete und ergänzte Neuauflage vom ersten Band sein könnte --- gelangweilt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.reller-rezensionen.de]
Leseprobe I Buchbestellung I home I 0410 LYRIKwelt © Gisela Reller www.reller-rezensionen.de