1. - 2.)

Briefwechsel.
Briefe von Paul Celan und Hanne und Hermann Lenz (2001, Suhrkamp, hrsg. Barbara Wiedemann und Hanne Lenz).
Besprechung von Melanie Robertson aus Münchner Merkur vom 10.9.2001:

Ein Männlein in der Dachrinne
Celans Briefwechsel mit Lenz

1952 las Paul Celan im Vestibül einer Stuttgarter Villa aus seinem ersten Gedichtband "Mohn und Gedächtnis". Hermann Lenz ist tief berührt vom Vortrag des damals unbekannten Schriftstellers, wagt aber nicht, ihn anzusprechen. Ein Jahr später erhält der Stuttgarter Autor Lenz einen Anruf von seinem Lektor Alfred Günther von der Deutschen-Verlags-Anstalt, der ihm einen Besuch des in Paris wohnenden Dichters ankündigt. Und dies war der Anfang einer ungewöhnlichen Freundschaft zu dritt: zwischen Hermann und Hanne Lenz sowie Paul Celan. Den daraus entstandenen Briefwechsel hat der Suhrkamp Verlag nun veröffentlicht, in dem erstmals die "Erinnerungen an Paul Celan" von Hermann Lenz enthalten sind sowie zahlreiche Widmungsgedichte, Telegramme, Gruß- und Postkarten.

In den "Erinnerungen" schreibt Lenz über einen Besuch bei Celan in Paris: "Dort redete ich mit Eric (Sohn von Celan, die Red.) in einer erfundenen Sprache, und Paul erzählte seinem Sohn Geschichten, in denen ein Männlein vorkam, das in der Dachrinne spazieren geht. Alles allzu harmonisch, wie? Und sie werden lachen, aber zwischen mir und Celan gab es wenig Widriges." Und doch ereignete sich "Widriges", das den Briefwechsel und die Freundschaft schon bald überschattete.

Es war die Goll-Affäre, in der Claire Goll Celan des Plagiats an den Werken ihres Mannes, des französischen Autors Yvan Goll, bezichtigte, was sich als Verleumdung herausstellte. Den ersten verzweifelten Brief über diese Situation schickte Celan 1956 an Hermann Lenz. In den folgenden Briefen, die bis zum Jahr 1961 datiert sind, taucht dieses Thema immer wieder auf und führt zum Bruch der Freundschaft. Denn Celan befürchtete, dass das Ehepaar Lenz in das Lager seiner Feinde gewechselt war, was nicht stimmte. Vielmehr haben sie ihrem Pariser Freund alle erdenklichen Hilfeleistungen angeboten, die dieser nicht immer annehmen konnte. Celans Ängstlichkeit, sogar Verfolgungswahn wird an mehreren Stellen der Korrespondenz deutlich, wo er von trüber Versunkenheit spricht, aus der er sich nur schwer befreien konnte. Möglicherweise veranlasste ihn diese Stimmung zu einer scharfen Kritik über Lenz' Buch "Der russische Regenbogen". Erst durch einen Brief von Hanne wird deutlich, wie getroffen sich ihr Mann fühlte.

Vor 1959 ist die Freundschaft von Großzügigkeit und Herzlichkeit geprägt. Viele Geschenke werden hin- und hergeschickt. Aufmunternde Worte und belebende Besuche gibt es bis 1960: das Jahr, in dem Celan den Büchner-Preis bekam. Der Vorwurf des Plagiats wird nun öffentlich erhoben, und Celan vertraut selbst Hanne und Hermann Lenz nicht mehr. Erst 1970, kurz vor Celans Selbstmord, sehen sie sich wieder.

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2.)

Briefwechsel.
Briefe von Paul Celan und Hanne und Hermann Lenz (2001, Suhrkamp, hrsg. Barbara Wiedemann und Hanne Lenz).
Besprechung von Michael Rutschky aus Frankfurter Rundschau vom 5.1.2002:

Zunächst ein freundliches Dreiecksverhältnis
Doch finstere Dämonen machen alles wieder zunichte: Paul Celans Briefwechsel mit Hanne und Hermann Lenz

"Das niedre Pack, das miese Gesocks schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien", schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan. "Stampfen wir sie alle in den Abfalleimer, lassen wir sie von der Müllabfuhr wegtransportieren oder blasen sie wie eine Hand voll Asche in den Wind."

Den Leser dieses Briefwechsels, den Leser von Hermann Lenz' Literatur verblüfft der Wutausbruch. Er passt so gar nicht zu Hermann Lenz, der in seinen Schriften, aber auch in seinem Leben eine besondere Ethik des Peripheren, des Ausweichens und der Nachgiebigkeit kultivierte, eine Ethik, die ihm das Abseits als den sichersten Ort erscheinen ließ: Als er Celan 1954 persönlich kennen lernte, war er "Bürogehilfe in einem Kulturverein", wie Lenz 1988 schrieb, unterdessen mit Ruhm bedeckt. 1973 machte Peter Handke in einem höchst folgenreichen Zeitungsartikel das Lesepublikum auf Hermann Lenz in seinem Abseits aufmerksam, und das von den siebziger Jahren gequälte Publikum bemächtigte sich dankbar des zaubrisch abständigen Werks, was es dem Autor ermöglichte, fruchtbar damit fortzufahren.

Also, der Wutausbruch. Wir befinden uns inmitten der so genannten Goll-Affäre, über die Barbara Wiedemann eine ebenso monumentale wie mikroskopische Dokumentation zusammengestellt hat (Suhrkamp Verlag 2001). Claire Goll, ein richtiger She-devil, verbreitet seit 1953 mit großer Umsicht den Verdacht, Celan habe Gedichte ihres Mannes, des Lyrikers Yvan Goll, plagiiert. Heute weiß man, dass Claire Goll im Zuge der Kampagne Fälschungen vornahm; aller Wahrscheinlichkeit nach inspirierten Gedichte Celans umgekehrt Goll, der 1950 an Leukämie starb.

Ihren besonderen Schrecken entwickelte die Affäre, weil ziemlich früh klar war, dass Claire Goll sich von geradezu krimineller Energie leiten ließ. Celans Freunde - unter ihnen Hanne und Hermann Lenz, aber auch Peter Szondi mit seinem exquisiten philologischen Besteck - verhalfen ihm sehr bald zum Sieg, wenn ich richtig verstanden habe. Claire Goll, eine eitle und verwahrloste Schlampe des Typus' Anaïs Nin, verlor die Kombattanten, sobald diese bei ihren Maßnahmen genauer hinsehen konnten. Dass sie mit dem Innuendo so einfach fortfuhr, hätten Celan und die Seinen eigentlich mit Schweigen quittieren können. 1960 erhielt er den Büchnerpreis. Hunderte Menschen kamen zu seinen Lesungen; bei einer in der Berliner Akademie der Künste, habe ich mir gemerkt, erhoben sie sich ehrfürchtig, als Celan den Raum betrat.

Aber das alles half nichts. Am 25. Januar 1967 trifft Paul Celan im Pariser Goethe-Institut auf Claire Goll, ganz zufällig, und ergreift sofort die Flucht. Am 26. Januar schreibt er dem Direktor: "Ein Haus, das Frau Goll zu seinen Gästen zählt, kann nicht mit meiner Anwesenheit rechnen." Am 30. Januar stößt er sich ein Messer in die Brust und verfehlt das Herz nur knapp. Ein Psychoanalytiker könnte uns vielleicht demonstrieren, wie Claire Goll - die im Zug des immerwährenden Innuendo Celan auch noch eines sexuellen Angriffs beschuldigte, so wie Anaïs Nin im Zug ihrer Tagebuch-Fälschungen schließlich beim Vaterinzest landete - für Celan die Gestalt jener mörderischen Mutter-Imago annahm, die Melanie Klein entdeckt hat. Als Lyriker operierte er ohnehin in einer Schicht, wo der Wortgebrauch mit solchen Frühsterfahrungen gefährlich verlötet ist.

Keinesfalls zu vergessen das literarische Establishment der fünfziger und sechziger Jahre in der Bundesrepublik, das mit Nazidreck noch vielfältig beschmaddert war. Hanne Lenz hatte selbst Hans Egon Holthusen in SS-Uniform in der Münchner Universität gesehen; von Holthusen stammen schier unglaubliche Formulierungen gegen Celans Poesie: 1954 erklärte er den Lesern des Merkur, dass sich Celans exorbitante Erfindungen wohl einfach der "Abgebrauchtheit" der französischen Sprache verdanken, die halt zur Vitalisierung nach "Elektroschocks" verlange - Celan schrieb natürlich Deutsch und übersetzte sich nicht etwa selbst aus dem Französischen. (Der Gedanke stammt übrigens von Fichte. In seinen schaurigen "Reden an die deutsche Nation" sucht er zu erweisen, dass der Franzose praktisch einen toten lateinischen Dialekt spricht; nur der Deutsche redet lebendig.)

Celan misstraute auch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die Reinhard Döhl in einem Gutachten die Plagiatvorwürfe prüfen ließ. Seine Sprecherfahrung empfand allein die immer wieder hergestellte Nähe seiner Formulierungen zu denen Golls, eine Überprüfung, die ja das Innuendo Claire Golls fortsetzte, als tödliche Bedrohung. Es schaut so aus, als habe Celan es Hanne und Hermann Lenz übelgenommen, dass sie die Veröffentlichung des Gutachtens nicht verhinderten; auch sie schienen ihm plötzlich als Mitarbeiter des engmaschigen Netzes, welches das literarische Establishment der BRD gegen ihn spann. Ab 1962 versiegt der Briefwechsel, und 1970 ertränkt sich Celan in der Seine.

So bildet die Goll-Affäre die Folie für den Briefwechsel Celans mit Hanne und Hermann Lenz. Jenen Wutanfall gegen das "niedre Pack, miese Gesocks" versucht Hermann Lenz gewissermaßen als Stellvertreter; er möchte den verzweifelten Freund ermutigen, seinerseits auf Empörung zu setzen, statt in Angst, Depression und Paranoia zu versinken. Celans Briefwechsel mit seiner Frau Gisèle (Suhrkamp Verlag 2001) erzählt quälend genau von seinen persönlichen und historischen Dämonen; mit der Selbsttötung brachte er auch seinen Sohn Eric vor eigenen Mordimpulsen - Abraham und Isaak - in Sicherheit.

Als er Hanne und Hermann Lenz 1954 kennen lernte, muss ihn das Vertrauen und die Freundlichkeit, mit denen sie ihn erfüllten, überwältigt haben. Hanne Lenz hatte eine jüdische Mutter - die 1942 starb, bevor sie deportiert werden konnte -, Hermann Lenz schildert in seinen autobiografischen Romanen - vor allem in Neue Zeit (1975) -, wie Eugen Rapp und Hanni Treutlein dank jener Ethik des Peripheren durchkamen, ohne mitzumachen. Ich stelle mir vor, dass ihre eigentümliche Unschuld Celan bezauberte; er konnte das Gefühl haben, Stuttgart biete bei Reisen in die BRD ein sicheres Quartier. Die berühmte, unterdessen abgelebte Formel vom "anderen Deutschland" - mag sein, dass Paul Celan bei Hanne und Hermann Lenz etwas davon fand, unheroisch, selbstverständlich, peripher.

So widmet sich der Briefwechsel der drei vor allem der Entfaltung dieser vertrauensvollen Freundlichkeit. Man sendet einander Geschenke in der Gestalt von Blumen oder Büchern oder Gedichten; man sendet Grüße und erzählt ein bisschen. Es gibt auch Krisen: So schreibt Hanne Lenz 1959 einen flammenden Brief an Celan, weil er schlecht über Hermann Lenz' Buch Der russische Regenbogen gesprochen habe. Auch aus den endlosen Verschlingungen der Goll-Affäre scheint sie ihn zuweilen durch einfaches Rütteln und Schütteln befreien zu wollen, als no-nonsense woman, wie man im Englischen sagt. Aber dann erreichen Celans Dämonen das stille und sichere Quartier und schlagen Vertrauen und Freundlichkeit kurz und klein.

Sein Ruhm hat sich seit dem Tod unaufhörlich vermehrt. Er gilt als bedeutendster deutschsprachiger Dichter der Nachkriegszeit; im Zusammenhang mit diesem Briefwechsel las ich noch einmal in den einen und anderen Gedichtband hinein und fand mühelos viele der Zeilen wieder, die mich als Jüngling mit ihrer exorbitanten Formulierungskraft überwältigten - eigentlich lese ich keine Gedichte mehr. "Du musst die Menschen verblüffen", habe ihm Celan geraten, berichtet Hermann Lenz.

Celan mobilisierte die deutsche Geniereligion, die ihn auf Grund seiner schrecklichen Vorgeschichte und seines schrecklichen Endes zu einem geschichtsphilosophischen Monument aufbaute. Celan ist es, wie wir wissen, der die Gedichte schrieb, die nach Auschwitz zu schreiben Adorno nicht für barbarisch erkennen musste - aber Celan bezahlte dafür, sagt die deutsche Geniereligion, mit Schizophrenie und Suizid. Seine Poesie verleiht der Krankheit und dem Selbstmord unmittelbar geschichtsphilosophische Dignität.

Ich finde, wir sollten das lassen. Gerade der freundliche, vertrauensvolle, zuweilen auch triviale Briefwechsel mit den Lenzens restauriert die Schrecken von Celans erwachsenem Leben als ein blindes und opakes Unglück, das keine Hermeneutik zu verschönern und zu erhöhen versuchen sollte. Am 23. November 2001 wäre er 81 Jahre geworden - "kein Alter".

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