Briefwechsel Paul Celan-Gisèle Celan-Lestrange, 2001, SuhrkampBriefwechsel. Paul Celan - Gisèle de Lestrange.
Briefe von Paul Celan (2001, Suhrkamp - Übertragung Eugen Helmlé)
Besprechung von Lothar Baier aus der Wochenzeitung, Zürich, 19.4.2001:

Wie geht der Literaturbetrieb mit einer Nach-Kriegsikone um? Die Edition neu übersetzter Korrespondenzen Paul Celans macht die Lektüre der französischen Originale dringlich.

Milan Kunderas wunderschönes Bon-mot, demzufolge «die Biografen vom Sexualleben ihrer eigenen Ehefrau nichts wissen, doch glauben, dasjenige Stendhals oder Faulkners zu kennen», trifft wahrscheinlich auch auf Rezensenten zu, die den soeben publizierten Briefwechsel zwischen Paul Celan und dessen Frau Gisèle Celan-Lestrange zum Anlass nehmen, sich als Experten in Sachen Sexualleben anderer aufzuspielen. Der «schwermütige Dichter», schreibt Roman Leick nach Durchsicht der Korrespondenz im «Spiegel» (2. 4. 2001), erweise sich als «Frauenheld, der Gelegenheiten ungern verschmähte». Woher der Rezensent das weiss, falls er nicht seinerzeit bei all diesen formidablen Abenteuern dabei gewesen ist, wird uns allerdings verschwiegen.
Der Rezensent Helmut Böttiger, der sich mit dem Werk und dem Leben Celans dagegen ernsthaft beschäftigt hat, ist zum Glück zurückhaltender. In seiner Besprechung des Briefwechsels («Die Zeit» vom 22. 3. 2001) schrumpft der depressive «Frauenheld» aus Czernowitz auf die menschlicheren Masse
eines Mannes zusammen, der sich nach seiner gelungenen Flucht aus Bukarest nach Wien 1948 in eine ebenfalls dort neu Angekommene verliebt hatte, in die damals noch ganz unbekannte Kärntnerin Ingeborg Bachmann, und auch in den Jahren danach, als er selbst verheiratet in Paris lebte – wie es bei starken Liebesgeschichten vorkommt –, nicht ganz von solcher Leidenschaft lassen konnte. Böttiger deutet an, dass Celans Frau sehr darunter litt, Ingeborg Bachmann im Leben ihres häufig reisenden Mannes da und dort wieder auftauchen zu sehen, dass sie sich aber bewundernswert grosszügig zeigte, gerade auch gegenüber der schwierigen Situation der österreichischen Lyrikerin. Nur: Geht es hier um Literatur oder um ein Seminar für Eheberatung oder, um es zeitgenössisch auszudrücken, um Paar-Check-Service?

Der französische Celan-Ton

Kein brauchbares Wort verliert Böttiger dagegen über die eigentliche Neuigkeit, die in der Veröffentlichung der zwischen Paul Celan und der Französin Gisèle de Lestrange gewechselten Briefe steckt: nämlich über das Erscheinen eines im deutschen Sprachbereich völlig unbekannten Autors, des französischen Schriftstellers Paul Celan. Wenn Böttiger anmerkt, man erkenne den «Celan-Ton» in der von Eugen Helmlé verdeutschten Briefprosa, führt er sich selbst und die Leser und Leserinnen hinters Licht: Denn einmal stammt gerade der deutsche «Ton» vom Übersetzer und nicht von Celan, und zum anderen wird dabei dieser andere, der französische Autor Celan, hinauseskamotiert.
Dass der polyglotte Celan neben Russisch, Englisch, Rumänisch, Italienisch, Portugiesisch auch Französisch beherrschte, ist seit seinen Übertragungen Henri Michaux’, René Chars’, Jules Supervielles’ und anderer Dichter bekannt; und es liess sich ausmalen, dass der seit 1948 in Paris lebende, später als Lektor für Deutsch an der «Ecole Normale Supérieure» beschäftigte deutschsprachige Celan fliessend Alltagsfranzösisch sprach. Nur war nicht unbedingt zu vermuten gewesen, dass Paul Celan ein nicht nur im Grossen und Ganzen grammatikalisch und lexikalisch korrektes, sondern auch ausgesprochen gutes, lebendiges und reiches Französisch schrieb. Er war, zeigt der Originalwortlaut der Briefe, in der Lage, sich in die französische Sprache ganz und gar hineinzudenken, vermochte mit Worten zu spielen und sogar originelle französische «Celanismen» zu erfinden. Etwa die «seuleté» als Variante von Einsamkeit oder «berbères verts» als Codewort für «réverbères», Laternen.
Die deutsche Übersetzung der Korrespondenz vermittelt bei aller philologischen Zuverlässigkeit davon kaum eine Ahnung. Der Übersetzer Helmlé war immerhin klug genug, manche französische Ausdrücke, vor allem Worte der Zärtlichkeit, im Original stehen zu lassen. Wie «mon amour» oder «mon ange» ins Deutsche übersetzen, ohne in unerträgliche Rührseligkeiten zu verfallen? «Amour» durch «Liebe» wiedergeben führte in manchen Satzzusammenhängen ganz in die Irre. «Mon amour» heisst eben nicht schlicht «meine Liebe».
Es hilft nichts, man muss schon die Originalausgabe zur Verfügung haben und des Französischen mächtig sein, um die Nuancen der Sprache Celans würdigen zu können. Ohne solche Sprachkenntnis bleibt Celans Briefidiom weitgehend stumm. Vor allem entgeht Leserinnen und Lesern der besondere Ton inniger Zärtlichkeit, den Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange vor allem in den ersten Jahren ihrer Ehe austauschten, als sie sich noch mit «Sie» ansprachen, aber auch immer wieder in den späteren Krisenjahren. Celan unterzeichnete manche Briefe mit «Votre Poéteux», einer eigenen Kreation, die Helmlé durch das hässliche «Ihr Pohät» wiedergibt. Da «poète» im Französischen den Lyriker oder Dichter meint, wäre etwas wie «Ihr Dichterich» hübscher gewesen.
Da die einer katholischen Adelsfamilie entstammende Graveurin Gisèle von Hause aus kaum Deutsch verstand und die Sprache erst im Lauf der Jahre etwas erlernte, fügte Celan jedesmal ein Glossar bei, wenn er in Briefen neue Gedichte für sie aufschrieb. Er hatte seiner französischen Frau überhaupt viel Fremdes zu erläutern, denn sein öffentliches Leben mit Lesungen, Preisverleihungen und vielen Treffen mit Kollegen und Verlegern fand ausschliesslich im Ausland, in der Bundesrepublik, statt. In den späten sechziger Jahren, nach den schweren Krisen, die zur Wohnungstrennung führten, übersetzte Celan seine Gedichte für Gisèle vielfach Wort für Wort ins Französische: Angesichts immer lakonischer werdender Briefsätze drängt sich der Eindruck auf, dass die Gedichte zum letzten verbliebenen Mittel geworden waren, sich ihr mitzuteilen. Seinem seit Kriegsende in Moskau lebenden Czernowitzer Jugendfreund, Erich Einhorn, schrieb er einmal laut der gerade in der Friedenauer Presse erschienenen Korrespondenz zwischen beiden: «Ich habe nie eine Zeile geschrieben, die nicht mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte – ich bin, du siehst es, Realist, auf meine Weise.»

Wertvolle Selbstkommentare

Für Kenner und Liebhaber der Lyrik Celans bedeuten diese französischen Gedichtübersetzungen aus der Feder des Autors eine einzigartige Lesehilfe. Denn in ihnen verbergen sich die Selbstkommentare, die Celan abzugeben sich immer geweigert hat; die Übersetzungen bringen zum Vorschein, auf welche Bedeutung eines Wortes oder einer Metapher Celan selbst den Akzent gelegt sehen wollte. Gerade weil Wortfelder in unterschiedlichen Sprachen sich selten decken, ein übersetztes Wort also nur einen Teilaspekt dessen trifft, was im Original gesagt ist, sind die Bedeutungsverschiebungen zwischen Originalwortlaut und Celans eigener französischer Übersetzung ausserordentlich aufschlussreich.
Zu notieren ist auch, dass nicht nur Celans Gedichte, sondern auch die Gravuren Gisèle Celan-Lestranges Gegenstand zahlreicher Briefgespräche sind. Alle erwähnten Arbeiten der bemerkenswerten Künstlerin sind in der französischen Ausgabe reproduziert, während die Suhrkamp-Ausgabe nur eine schmale Auswahl der Abbildungen, Fotos und Faksimiles enthält.
Es führt kein Weg daran vorbei: Wer etwas von dem haben will, was in der französisch geführten Korrespondenz Paul Celan – Gisèle Celan-Lestrange und zwischen ihren Zeilen steckt, muss nach dem gleichzeitig mit der Suhrkamp-Übersetzung ebenfalls in zwei Bänden publizierten Original greifen. Die Briefausgabe ist zudem kein Suhrkamp-Unternehmen. Maurice Olender, der Herausgeber der in den Editions du Seuil erscheinenden, verdienstvollen «Bibliothèque du XXIe Siècle», hatte sie in sein Programm aufgenommen und sowohl Celans Sohn Eric als auch den hervorragenden Germanisten Bertrand Badiou bei deren umfangreicher Editions- und Dokumentationsarbeit tatkräftig
unterstützt. Der famose deutsche Literaturjournalismus, für den das geistige Paris offenbar weiter entfernt ist als der Mond, unterrichtet über die Genesis der gewaltigen Editionsarbeit mit keinem Wort.

Denken fördert kriminelle Energie ...
Dafür lässt sich aus Anlass der Veröffentlichung der Celan-Korrespondenz wieder einmal gesenkten deutschen Hauptes über Schwerverständlichkeit als Ausdruck «jüdischer Tragik» spekulieren, bevor Celans Schreibbiografie als beklemmende Krankengeschichte erzählt wird, vor deren düsterem Hintergrund sich die unheilbare Gesundheit literaturkritischer Hobbypsychiater strahlend abhebt. Ein Leben wie das Celan’sche, zwischen Erinnerungen und Gegenwart, zwischen Ländern und Sprachen, zwischen Pariser Familienalltag und deutschem Literaturbetrieb, das ist ja auch, dem Volksempfinden leuchtets ein, höchst ungesund, kann gar nicht anders als mit einem Sprung in die Seine enden. Was das alles die Sozialversicherung gekostet hat, wollen wir mit unseren regierenden Buchhaltern gar nicht erst fragen …
Wer weiss noch etwas von Lichtenbergs – von Celan übrigens festgehaltener – Aufzeichnung: «Ich bin eigentlich nach England gegangen, um deutsch schreiben zu lernen»? Trennung von Schreibsprache und Alltagssprache kann sich einheimische Biederkeit nur als Katastrophe vorstellen. Nachdem der depressive, übrigens wie Celan an der Ecole Normale Supérieure unterrichtende Philosoph Louis Althusser in einem paranoiden Anfall seine Frau erdrosselt hatte, erkannten journalistische Schlaumeier in der Anstrengung des Denkens überhaupt die Quelle derartiger psychokrimineller Übel.
Vielen Briefen lässt sich entnehmen, dass Celan ein gewiss überaus verletzlicher, aber auch äusserst sensibler Beobachter atmosphärischer Verschiebungen in seiner, auch seiner westdeutschen Umgebung gewesen ist. Sehr viel, aber nicht alles, was ihn bedrückte, geht auf das Konto der entsetzlichen Nachlassfälscherin Claire Goll und ihrer deutschen Lakaien. Als Celan aufgedonnerte junge Frauen aus dem schicken 16. Arrondissement Eisensteins Film «Oktober» besuchen sah, mokierte er sich – hellsichtig – über den «yeah-yeah-Marxismus», der sich da ankündigte. Das westdeutsche Literatenmilieu sah er, wie er in einer unübertrefflichen Formulierung festhielt, von «Linksnibelungen» bevölkert. Die sind, wie die zunehmende bühnenweihefestspielwürdige Wagnerisierung der rot-grünen Berliner Republik zeigt, keineswegs ausgestorben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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