Briefwechsel
1920 bis 1930.
und 13 Essays Kunzes
über Hesse (2005,
Igel Verlag).
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger
Nachrichten vom 3.07.2006:
Ein Engel auf Zeit mit zarten Händen Hermann Hesses Schriftwechsel mit dem Nürnberger Autor Wilhelm Kunze ediert
Nach seinen ersten Buch-Erfolgen bekam der
Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse (1877-1962) regelmäßig bis zu
viertausend Briefe pro Jahr. Die meisten waren „bloße Bettel-, Klage- oder
auch Schmähbriefe“, aber manchmal fanden sich darunter Zuschriften von
Menschen mit „ernsthaften“ Anliegen, auf die der Empfänger ebenso ernsthaft
zu antworten pflegte. So begann er 1920 einen Briefwechsel mit dem jungen Nürnberger
Schriftsteller Wilhelm Kunze (1902-1939), der letztlich zehn Jahre andauern
sollte, und der jetzt erstmals vollständig veröffentlicht wurde.
Die erste Kontaktaufnahme Kunzes erfolgte tatsächlich in einer brieflichen
Form, die sich für Hesse ungemein vorteilhaft abhob vom „kriecherisch
schmeichelnden“ Ton, in dem gerade der auf seine Protektion hoffende Nachwuchs
in der Regel mit ihm korrespondierte. Der 18-jährige Gymnasiast Kunze zeigte
sich von einer ganz anderen Seite, er gab sich selbstbewusst, intellektuell und
sprachlich eigenwillig, er wagte es sogar, den immerhin 25 Jahre älteren,
bereits renommierten Adressaten zu kritisieren. Briefe dieser Art seien sein
„einziger realer Beweis“ für den Sinn seiner „Existenz und Arbeit“, hat
Hesse Jahre später geschrieben. Wie auch immer: In dem vom ihm bald mit
„Lieber Herr Kunze“ Angeredeten hat er zeitweilig einen potenziellen Schüler
und Mitstreiter gesehen.
Als Kunze sich in den Folgejahren schriftstellerisch und journalistisch zu betätigen
begann, wurde er von seinem erfahrenen Briefpartner immer wieder mit Rat und Tat
unterstützt. Nach und nach entwickelte sich zwischen den beiden sogar der
zaghafte Ansatz einer Freundschaft, der Hesse in seiner „Nürnberger Reise“
ein literarisches Denkmal setzte.
Kneipentour durch Nürnberg
„Ein junger Mann, mit dem ich den größten Teil jener kurzen Nürnberger
Stunden verbracht habe und an dem ich Freude hatte, war ein junger Dichter“,
heißt es da. „Dieser hatte schon vor einiger Zeit meine Sympathie gewonnen . . .
Er ging mit mir durch Nürnberg, saß mit mir, obwohl abstinent, geduldig in
abendlichen Kneipen herum, und mit seinem angenehmen Gesicht und seinen kleinen
zarten Händen kam er mir für Augenblicke wie ein Engel vor, der dazu bestellt
sei, mich hier in dieser Stadt vor dem Äußersten zu bewahren.“
Von solchen Höhen kann es eigentlich nur noch abwärts gehen. Knapp vier Jahre
später war für Hesse aus dem zarten „Engel“ ein larmoyanter Schlaffi
geworden. Schuld daran war Kunzes Roman „Die Angstmühle“. Aus diesem Buch
spreche „überdeutlich“ die „moralische Indifferenz der
Nachkriegsjugend“, schimpfte der Ältere im November 1930: „Diese
beklagenswerte Jugend ist nie verantwortlich, sie steht zu nichts, sie klagt an
und sieht überall Schuld und Gemeinheit, nur bei sich selber nicht.“
Der von der Schärfe der Kritik völlig überraschte Kunze brauchte mehr als
vier Wochen, bevor er sich zu einer Erwiderung aufraffen konnte. „Wenn wir
auch grundsätzliche Verschiedenheiten der Anschauung wahrscheinlich haben“,
schrieb er in einem ungewöhnlich gequälten, gewundenen Stil, „freue ich mich
heute, dass wir trotz Gegensätzen nicht auseinandergerissen wurden.“ Doch da
täuschte er sich. Mit diesem Brief endete der Kontakt beider Schriftsteller.
Die letzten zwei Schreiben in der vorliegenden Dokumentation sind eine
Beileidsbekundung Hesses an die Adresse der Witwe von Wilhelm Kunze sowie deren
Dank.
[...diese und weitere
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