Paul Celan/Peter Szondi Briefwechsel, 2005, Suhrkamp

Paul Celan/Peter Szondi Briefwechsel.
Mit Briefen von Gisèle Celan-Lestrange an Peter Szondi und Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Peter Szondi und Jean und Mayotte Bollack (2003, Suhrkamp, Hrsg. von Christoph König).
Besprechung von Alexander von Bormann in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:

Wider die schwankende Gestalt
Zwei Vorsichtige, zwei Verletzte: Der wichtige Briefwechsel zwischen Paul Celan und Peter Szondi

Dichter öffnen sich ungern ihren möglichen Interpreten, den Philologen und Kritikern, und auch der Briefwechsel von Paul Celan mit Peter Szondi macht da keine Ausnahme. Vielfach geht es um Verabredungen, Verständigungen über Bücher, Betriebliches, Leute. Die Briefe sind deutlich auf geführte Gespräche bezogen, rühren nur gelegentlich an die Tiefe der Probleme, die beide umtreiben. Der Herausgeber Christoph König hilft sich, indem er den Briefwechsel als "Agon" beschreibt, in dem es auch um Abgrenzungen, um die Profilierung der eigenen Position ging. Vor allem aber sind die Briefe doch das Zeugnis einer Freundschaft, einer bis ins Existentielle reichenden Teilnahme, einer undisputierbaren Solidarität nicht zuletzt aufgrund des gemeinsamen Schicksals, Überlebende des Holocaust zu sein. Das bedeutete auch eine psychische Traumatisierung, wiederkehrende schwere Depressionen, was beide Briefpartner monatelang arbeitsunfähig machte und schließlich den Freitod suchen ließ, Paul Celan 1970 in der Seine, Peter Szondi 1971 im Berliner Halensee.

"Gerade auch, weil Celan ein Opfer ist, halte ich zu ihm."

Die Briefe sprechen diese Schwierigkeiten eher verdeckt an. Sie zeigen uns zunächst, wie ein Beziehungsnetz geknüpft wird. Der junge Literaturwissenschaftler, noch nicht dreißigjährig, besuchte 1959 Celan in Paris. Er brachte Empfehlungen aus der Schweiz mit und machte die Celans auch gleich mit dem klassischen Philologen Jean Bollack und dessen Frau Mayotte bekannt - sie werden zu den treuesten Freunden der Celans, ihre Briefe sind in diesem Band ganz unentbehrlich.

Bedeutsam für die Kultur der fünfziger Jahre ist die Bemühung, einander Freunde, Schicksalsgefährten, Gleichgesinnte zuzuführen. Szondi wird durch Max Rychner an Celan und durch Bernhard Böschenstein an Bollack verwiesen, und so geht es hin und her: mit Killy, Adorno, Bertaux, Torberg, Bachmann, David, Buber und vielen anderen.

Der Herausgeber Christoph König, schon 2004 mit einer Studie zu Szondi hervorgetreten, erläutert Namen, Vorgänge, Hintergründe in einem hochinteressanten Anmerkungsteil, der umfangreicher als das Briefcorpus und ganz unentbehrlich ist. So muss man mit dem Daumen im Buch lesen, was nicht die subtilste verlegerische Lösung ist. In seinem kundigen Nachwort betont König, wie empfindlich und präzise Celan und Szondi aufeinander reagiert haben. Das gemeinsame Schicksal und dessen Schmach bleiben beiden stets bewusst, und Szondi erklärt der beschwichtigenden Hilde Domin ungehalten in einem Brief: "Gerade auch, weil Celan ein Opfer ist, halte ich zu ihm."

Dieses Eintreten für den Freund war vor allem im Rahmen der Goll-Affäre wichtig. Celan hatte Yvan Goll 1949 in Paris kennengelernt und ihm auch seine frühen Gedichte (Der Sand aus den Urnen, 1948) gebracht. 1951 erschienen Gedichte von Goll, die "celanisch" klangen. 1953 versandte Claire Goll einen Rundbrief, der Celan des Plagiats bezichtigte. Aus dem "Fall Goll" wurde so, mithilfe vor allem der rechten Presse, ein "Fall Celan". Nicht nur Enzensberger weist auf die Nazi-Vergangenheit der publizistischen Angreifer hin und schreibt an Celan: "je länger je deutlicher stellt sich heraus, und auch den skeptischsten zuhörern wird es klar, daß die angriffe auf sie und ihr werk auf mehr gründen als auf der paranoia einer alten frau." Celan wurde zu beruhigen versucht, unter anderen durch Walter Jens, der ihm versicherte, "daß es eine Phalanx von Verteidigern, gebildet aus den besten Geistern", gebe. Doch Celan blieb tief verletzt, nicht nur durch den Rufmord, sondern vor allem durch die weitgefächerte Schützenhilfe, derer sich dieser Versuch erfreuen durfte.

Szondi hilft mit Richtigstellungen, Leserbriefen und Gutachten, vor allem mit geduldigem Zuspruch. Unermüdlich weist er auf die Fakten als das stärkste Gegenargument hin. Celan findet das ungenügend, wittert Verschwörung, wo sein Freund Bollack "nur" Aversionen sieht. Die politische Dimension dieser Auseinandersetzung ist ganz unübersehbar.

Beider Briefpartner Gesundheit verschlechtert sich in diesen Jahren. Mit Depression ist dieser Vorgang, wie man den Briefen entnehmen kann, nur sehr vorsichtig umschrieben. Szondi klagt 1959 in einem Brief an Bernhard Böschenstein über eine "Lähmung des Gehirns, die ich früher nicht kannte und von der ich nie geglaubt hätte, daß man sie ein Jahr lang ertragen kann". Doch schreibt er in dieser Zeit seine vielbewunderten Werke, die Theorie des modernen Dramas (1956), den Versuch über das Tragische (1961), die Studien Satz und Gegensatz (1964).

Dass die Briefe spärlicher werden, hängt auch an Gereiztheiten Celans, der Szondis philologischen Ansatz in der Goll-Affäre zu schwach, weil für Missbrauch offen findet. In diesem Zusammenhang äußert Celan einen Gedanken (Brief 52), den Szondi ins Zentrum seiner (postum erschienenen) Celan-Studien rücken wird: "Noch von den ,Besten' wird der Jude - und das ist ja nichts als eine Gestalt des Menschlichen, aber immerhin eine Gestalt - nur allzu gerne als Subjekt aufgehoben und zum Objekt bzw. ,Sujet' pervertiert." Und es ist gewiss eine Leseanleitung, wenn Celan mit viel Nachdruck das "übertragende" Interpretieren verwirft: "man überträgt, um... fort- und abzutragen, man verbildlicht, was man nicht wahrnehmen, nicht wahrhaben will; Datum und Ort werden zum topos zerschwätzt." Und höchst bitter ironisch fügt Celan hinzu: "Nun, Auschwitz war ja auch tatsächlich ein Gemein- und Tausendplatz." Celan gemahnt Szondi auch an sein Judentum, eine "Form", wie der Herausgeber König auslegt, "die sich gegen die schwankende ,Gestalt' wendet und in der sich die aus dem ,Menschsein' entwickelte Menschlichkeit ausdrücken kann." Große Briefe zu Anfang der sechziger Jahre, aus denen man alles zitieren möchte.

"Noch von den Besten wird der Jude zum Sujet pervertiert."

Für beide folgen dramatische Entwicklungen, die vor allem in den beigefügten Briefen von und an Jean Bollack genauer konturiert werden. Bollack unterrichtet Szondi auch über die Beerdigung von Paul Celan im Mai 1970. Der Band führt so den Austausch über Celan bis zum Freitod Szondis im Oktober 1971 weiter. Szondis Celan-Studien werden 1972 aus dem Nachlass herausgegeben. Der Briefwechsel blättert ein wichtiges Kapitel deutscher Literatur- und Zeitgeschichte auf und wird alle berühren, die sich ihr Interesse an Gestalten des Menschlichen bewahrt haben.

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