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Paul
Celan/Peter Szondi
Briefwechsel.
Mit Briefen von Gisèle Celan-Lestrange an
Peter Szondi und Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Peter Szondi und Jean
und Mayotte Bollack (2003, Suhrkamp, Hrsg. von Christoph
König).
Besprechung von Alexander von Bormann in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:
Wider die schwankende Gestalt
Zwei Vorsichtige, zwei Verletzte: Der
wichtige Briefwechsel zwischen Paul
Celan und Peter Szondi
"Gerade auch, weil Celan ein Opfer ist, halte ich zu ihm."
Die Briefe sprechen diese Schwierigkeiten eher
verdeckt an. Sie zeigen uns zunächst, wie ein Beziehungsnetz geknüpft wird.
Der junge Literaturwissenschaftler, noch nicht dreißigjährig, besuchte 1959
Celan in Paris. Er brachte Empfehlungen aus der Schweiz mit und machte die
Celans auch gleich mit dem klassischen Philologen Jean Bollack und dessen Frau
Mayotte bekannt - sie werden zu den treuesten Freunden der Celans, ihre Briefe
sind in diesem Band ganz unentbehrlich.
Bedeutsam für die Kultur der fünfziger Jahre ist die Bemühung, einander
Freunde, Schicksalsgefährten, Gleichgesinnte zuzuführen. Szondi wird durch Max
Rychner an Celan und durch Bernhard
Böschenstein an Bollack verwiesen, und so geht es hin und her: mit Killy, Adorno,
Bertaux, Torberg, Bachmann,
David, Buber und vielen anderen.
Der Herausgeber Christoph König, schon 2004 mit einer Studie zu Szondi
hervorgetreten, erläutert Namen, Vorgänge, Hintergründe in einem
hochinteressanten Anmerkungsteil, der umfangreicher als das Briefcorpus und ganz
unentbehrlich ist. So muss man mit dem Daumen im Buch lesen, was nicht die
subtilste verlegerische Lösung ist. In seinem kundigen Nachwort betont König,
wie empfindlich und präzise Celan und Szondi aufeinander reagiert haben. Das
gemeinsame Schicksal und dessen Schmach bleiben beiden stets bewusst, und Szondi
erklärt der beschwichtigenden Hilde
Domin ungehalten in einem Brief: "Gerade auch, weil Celan ein Opfer
ist, halte ich zu ihm."
Dieses Eintreten für den Freund war vor allem im Rahmen der Goll-Affäre
wichtig. Celan hatte Yvan
Goll 1949 in Paris kennengelernt und ihm auch seine frühen Gedichte (Der
Sand aus den Urnen, 1948) gebracht. 1951 erschienen Gedichte von Goll, die
"celanisch" klangen. 1953 versandte Claire
Goll einen Rundbrief, der Celan des Plagiats bezichtigte. Aus dem "Fall
Goll" wurde so, mithilfe vor allem der rechten Presse, ein "Fall Celan".
Nicht nur Enzensberger
weist auf die Nazi-Vergangenheit der publizistischen Angreifer hin und schreibt
an Celan: "je länger je deutlicher stellt sich heraus, und auch den
skeptischsten zuhörern wird es klar, daß die angriffe auf sie und ihr werk auf
mehr gründen als auf der paranoia einer alten frau." Celan wurde zu
beruhigen versucht, unter anderen durch Walter
Jens, der ihm versicherte, "daß es eine Phalanx von Verteidigern,
gebildet aus den besten Geistern", gebe. Doch Celan blieb tief verletzt,
nicht nur durch den Rufmord, sondern vor allem durch die weitgefächerte Schützenhilfe,
derer sich dieser Versuch erfreuen durfte.
Szondi hilft mit Richtigstellungen, Leserbriefen und Gutachten, vor allem mit
geduldigem Zuspruch. Unermüdlich weist er auf die Fakten als das stärkste
Gegenargument hin. Celan findet das ungenügend, wittert Verschwörung, wo sein
Freund Bollack "nur" Aversionen sieht. Die politische Dimension dieser
Auseinandersetzung ist ganz unübersehbar.
Beider Briefpartner Gesundheit verschlechtert sich in diesen Jahren. Mit
Depression ist dieser Vorgang, wie man den Briefen entnehmen kann, nur sehr
vorsichtig umschrieben. Szondi klagt 1959 in einem Brief an Bernhard Böschenstein
über eine "Lähmung des Gehirns, die ich früher nicht kannte und von der
ich nie geglaubt hätte, daß man sie ein Jahr lang ertragen kann". Doch
schreibt er in dieser Zeit seine vielbewunderten Werke, die Theorie des
modernen Dramas (1956), den Versuch über das Tragische (1961), die
Studien Satz und Gegensatz (1964).
Dass die Briefe spärlicher werden, hängt auch an Gereiztheiten Celans, der
Szondis philologischen Ansatz in der Goll-Affäre zu schwach, weil für
Missbrauch offen findet. In diesem Zusammenhang äußert Celan einen Gedanken
(Brief 52), den Szondi ins Zentrum seiner (postum erschienenen) Celan-Studien rücken
wird: "Noch von den ,Besten' wird der Jude - und das ist ja nichts als eine
Gestalt des Menschlichen, aber immerhin eine Gestalt - nur allzu gerne als
Subjekt aufgehoben und zum Objekt bzw. ,Sujet' pervertiert." Und es ist
gewiss eine Leseanleitung, wenn Celan mit viel Nachdruck das "übertragende"
Interpretieren verwirft: "man überträgt, um... fort- und abzutragen, man
verbildlicht, was man nicht wahrnehmen, nicht wahrhaben will; Datum und Ort
werden zum topos zerschwätzt." Und höchst bitter ironisch fügt Celan
hinzu: "Nun, Auschwitz war ja auch tatsächlich ein Gemein- und
Tausendplatz." Celan gemahnt Szondi auch an sein Judentum, eine
"Form", wie der Herausgeber König auslegt, "die sich gegen die
schwankende ,Gestalt' wendet und in der sich die aus dem ,Menschsein'
entwickelte Menschlichkeit ausdrücken kann." Große Briefe zu Anfang der
sechziger Jahre, aus denen man alles zitieren möchte.
"Noch von den Besten wird der Jude zum Sujet pervertiert."
Für beide folgen dramatische Entwicklungen, die vor allem in den beigefügten Briefen von und an Jean Bollack genauer konturiert werden. Bollack unterrichtet Szondi auch über die Beerdigung von Paul Celan im Mai 1970. Der Band führt so den Austausch über Celan bis zum Freitod Szondis im Oktober 1971 weiter. Szondis Celan-Studien werden 1972 aus dem Nachlass herausgegeben. Der Briefwechsel blättert ein wichtiges Kapitel deutscher Literatur- und Zeitgeschichte auf und wird alle berühren, die sich ihr Interesse an Gestalten des Menschlichen bewahrt haben.
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