Briefwechsel.
von Ilana Shmueli und Paul Celan
(2004, Suhrkamp, hrsg. von Ilana Shmueli und Thomas Sparr).
Besprechung von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, 28.4.2004:
Du bist so nah - und wieder nicht
Sie haben das Unmögliche gewollt: Der bewegende Briefwechsel zwischen Paul
Celan und Ilana Shmueli, 1967 bis 1970
"Nicht so sehr eine thematische als vielmehr
eine pneumatische Angelegenheit" hat Paul Celan sein Judentum genannt.
"Was von den Vätern mir kam / und von jenseits der Väter" war dem
Dichter der Niemandsrose allgegenwärtig, wenn auch das
"Pneuma", das seine Dichtung durchdrang, von so manchem politisch
engagierten Juden (beispielsweise dem Verleger Salman Schocken) für zu nebulös
erachtet wurde - zumal Celan seinerzeit mit Paris bewusst einen anderen
Sehnsuchtsort als Palästina zu seiner Wahlheimat gemacht und sich dafür
entschieden hatte, "das Schicksal jüdischer Geistigkeit in Europa zu Ende
zu leben". Im Juni 1967, während des Sechs-Tage-Kriegs, zieht der Dichter
jedoch als Demonstrant durch die Straßen von Paris - "damit Israel
lebt". In den Kriegstagen dichtet Celan "Denk dir: / der Moorsoldat
von Massada / bringt sich Heimat bei". Es ist eine Zeit zunehmender innerer
Zerrüttung. Im Herbst 1969 unternimmt Celan seine erste und einzige Reise nach
Israel.
Er ist überwältigt von dem Land und "froh, so intensiv gelebt zu haben,
so intensiv wie seit langem nicht mehr". Vor hebräischen Schriftstellern
bemerkt er: "Ich finde hier, in dieser äußeren und inneren Landschaft,
viel von den Wahrheitszwängen, der Selbstevidenz und der weltoffenen
Einmaligkeit großer Poesie." Er trifft Gershom Scholem und hält Lesungen
in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv ab, die großen Anklang finden. In ihrem Umfeld
begegnet der Dichter alten Freunden aus der Bukowina wieder, was ihn sehr
bewegt, ihn zuweilen aber auch vor der Distanzlosigkeit und Enge des
israelischen Milieus zurückschrecken lässt. Er sucht den Kontakt mit der neuen
hebräischen Literatur, muss jedoch auch zur Kenntnis nehmen, dass seine
ureigene, deutsche Dichtersprache ihn in Israel zum Fremdkörper stempelt und
ein - vorsichtig von ihm angedachtes - Heimischwerden in der Heimat der Juden
immer verhindern würde. Was das Dazugehören angeht, bleibt die Israelerfahrung
zwiespältig.
Der Reise vorausgegangen waren im Jahr 1965
einige Spaziergänge in Paris, wo eine alte Jugendfreundin aus Czernowitz
Kontakt zu Celan aufgenommen hatte. Das unerwartete Auftauchen der vier Jahre jüngeren
Ilana Shmueli, die seit 1944 in Israel lebte, endete nach nächtelangen Gesprächen
mit Ilana Shmuelis Versprechen: "Ich will Dir Jerusalem zeigen." Sie
wiederholt diesen Satz, als er ihr 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg das Gedicht
"Denk dir" schickt, und setzt das Versprechen während des zweiwöchigen
Israelaufenthalts von Celan 1969 schließlich in die Tat um. Der dann begonnene
intensive Briefwechsel der beiden, der soeben unter der Mitherausgeberschaft von
Ilana Shmueli erschienen ist, läßt erkennen, welche tiefgehende Bedeutung der
Israelbesuch für Celan gehabt hat: Es handelte sich um nicht weniger als eine
Heimatsuche, und um Celans letzte große Liebesbeziehung.
Konkrete Reiseeindrücke, den Diskurs über das Hebräische oder allgemeine Äußerungen
zum Thema Israel sucht der Leser zwar nicht vergeblich, doch bleibt in den
Briefen von Celans Israelerlebnis im Rückblick vorwiegend das symbolhaft
Sublimierte bestehen. Etwa zwanzig Gedichte entstehen im Rahmen des 130 Briefe
umfassenden Briefwechsels. Sie gehören zu Celans letzten Gedichten und gehen -
in einer Mappe mit der Aufschrift "Ilana" gesammelt - als eigenständiger
Zyklus 1976 postum in den Band Zeitgehöft ein. Bejahung, Öffnung und
Gegenwärtigkeit sind Motive, die Celan mit Israel wie auch mit Ilana, die er
"Tochter Zions" nennt, verbindet. Der biblisch-psalmhaften Sprache ist
eine unverstellte Erotik eingeschrieben: "es stand / Jerusalem um uns, /
... / ich stand / in dir", wobei sich das "Stehen" zu einem der
überhöhten Schlüsselwörter der Korrespondenz entwickelt.
"Daß Jerusalem eine Wende, eine Zäsur sein würde in meinem Leben - das
wußte ich", schreibt er bald nach seiner Rückkehr an Ilana. "Aber
ich wußte nicht, daß ich dort beschenkt werden sollte mit Dir".
Shmueli bemüht sich rückhaltlos, bei Celan immer wieder die in Israel
gewonnene Intensität und Nähe zu evozieren. Dass sie Familie und einen
anstrengenden Berufsalltag hat, rückt in den Hintergrund, während sie in ihrer
neuen Rolle als das poetische "Du" von Paul Celan aufgeht. In einer
kargen und doch aufs höchste gesteigerten Sprache wird die ersehnte Nähe
herbeigeführt, bis sich schließlich ein mehrwöchiger Europaaufenthalt
Shmuelis organisieren lässt, den diese mit Unterbrechungen bei Celan in Paris
verbringt. Den Glauben an die Möglichkeit ihrer Liebe lässt sie nicht sinken -
"irgendeine Form von Realität zwischen uns muss möglich sein" -,
obwohl Celan oft aus tiefer Depression zu ihr spricht: "die fast totale
Leere, kein Denken, kein Fühlen, kein Schreiben."
Paris erscheint Celan nach seiner Rückkehr aus Israel kalt und unerträglich.
"Jerusalem hat mich aufgerichtet und gestärkt. Paris drückt mich nieder
und höhlt mich aus. Paris, durch dessen Straßen und Häuser ich soviel
Wahnlast, soviel Wirklichkeitslast geschleppt habe." Der seit 1967 wegen
gefährlicher Wahnanfälle von Frau und Sohn getrennt lebende Dichter, der sich
finanziell gerade so über Wasser hält, ist psychisch zerrüttet und bezeichnet
sich nach mehrfachen Klinikaufenthalten als "zerheilt". Erst nach der
gemeinsam verbrachten Zeit zwischen Weihnachten 1969 und Februar 1970 akzeptiert
auch Shmueli die Unmöglichkeit einer außerhalb der Briefe oder des Poetischen
angesiedelten dauerhaften Nähe. Hatte vorher selbst Celan gestammelt: "Ja,
versuch zu kommen, nein, versuchs nicht, sondern komm, komm und komm, zu
Weihnachten", ist nun das Verschwinden der Liebe aus den Briefen Celans zu
verfolgen: "ich spüre, wenn Du schreibst, daß Du nah bist, doch - verzeih
-, ich verlasse den Ort, wo das geschieht".
Dank und Verzweiflung
Mehrfach entschuldigt sich Shmueli bei Celan für
ihre vermeintliche Unterlegenheit, da ihr Alltag es ihr schwer mache, dem
Dichter immer wieder auf dem hoch gespannten Niveau der gemeinsam zelebrierten
Sprache, ihrer persönlichen "Losung" entgegenzutreten, der die Briefe
der beiden - ganz im Gegensatz zu anderen Briefwechseln Celans -
charakterisiert. Es besteht jedoch kein Ungleichgewicht zwischen den
Briefpartnern. Shmueli behauptet sich mit ihrer beeindruckenden Bereitschaft
neben dem Dichter, Celan in seiner heiklen seelischen Verfassung immer wieder
mit einem ungeheuren Aufgebot an Einfühlung zu bestärken und zum
"Stehen" anzutreiben. Sie geht dabei sogar so weit, lieber sich selbst
Anmaßung oder ein Versagen anzulasten, als die Unerbittlichkeit hinzunehmen,
mit der sich Celans psychischer Zustand immer weiter verschlechtert, der sie
schließlich aus der selbstgewählten Verantwortung entlässt. Wieviel Kraft es
Shmueli gekostet haben mag, den Liebesbeweis des "Zu-ihm-Stehens" bis
zuletzt durchzuhalten, lässt sich erahnen.
Die Briefe und Gedichte sind in der sorgfältig edierten und kommentierten
Ausgabe trotz manchmal verwirrender zeitlicher Überschneidungen nicht nach
Schreibern getrennt abgedruckt worden, sondern in chronologischer Folge nach dem
Zeitpunkt ihrer Entstehung zu lesen. Das erfordert zunächst eine gewisse Eingewöhnung,
da die große Distanz zwischen Israel und Frankreich häufig für sich kreuzende
Briefe und Verzögerungen bei der Postzustellung sorgte, so dass selten eine
direkte Antwort auf den vorausgegangenen Brief nachfolgt. Doch hält diese
Sortierung den Leser immer auf dem quasi authentischen Stand des
Informationsflusses. Die Dringlichkeit der Nähe, die diese Briefe heraufbeschwören,
ist durch die zeitlich versetzte Reaktion in den Antwortschreiben ebenso erschütternd
nachvollziehbar, wie auch ihre Realisierung immer gefährdet, ja nahezu unmöglich
scheint, allein schon, wenn die Concièrge in Celans Wohnhaus immer wieder
Briefe unter der falschen Tür durchschiebt.
Die Korrespondenz wird neben einem kleinen Bericht, den Shmueli seinerzeit über
die zusammen mit Celan in Jerusalem besuchten Orte verfasste, ergänzt durch
eine dem Band beigegebene kurze Zusammenfassung eines journalistischen Gesprächs
zwischen Jehoshua Tira und Celan, in dem dieser sich zur Lage der deutschen
Nachkriegslyrik äußert, sowie eine Erinnerung Israel Chalfens an Paul Celans
Lesung in Jerusalem. Shmueli, die bereits in dem Buch Sag, dass Jerusalem ist
über ihre Begegnungen mit Celan Auskunft gegeben hat, trägt in ihrem Nachwort
noch einmal die wichtigsten Hintergründe zusammen, so dass mit dem Band
insgesamt ein umfassender Eindruck von Celans Israelreise entsteht.
Am 12. April schreibt Celan seinen letzten Brief an Ilana Shmueli, in dem er sich bei ihr bedankt, "für Dein An-mich-Denken, Dein Zu-mir-Fühlen, Dein Zu-mir-Stehn." Alarmiert reist sie nach Paris, wo Celan bereits vermisst und wenig später seine Leiche aus der Seine geborgen wird. Im Nachwort des Briefwechsels verweist Shmueli auf einen Ritus bei jüdischen Beerdigungen, wo man den Toten um Verzeihung bittet für die unangenehmen Umstände seiner Bestattung. Als handle es sich um eine solche, fügt sie diese Bitte auch der Veröffentlichung dieses Briefwechsels bei: "Es geht hier um den persönlichen Bereich eines Menschen, der keinen Einspruch erheben kann." Die Sorge scheint unbegründet. Behutsamer und respektvoller als Ilana Shmueli und der Suhrkamp Verlag hätte man diese wichtige Begegnung Celans mit Israel und seiner letzten Geliebten gar nicht niederlegen können.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0504 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau