Briefsteller von Michail Schischkin, 2012, DVABriefsteller.
Roman von Michail Schischkin (2012, DVA - Übertragung
Andreas Tretner).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger in der NRZ vom 29.12.2012:

Liebesbriefe, die einander verfehlen
Michael Schischkins Roman "Briefsteller"

Nur "durch das Schreiben kann man diese Welt verstehen", definiert Michael Schischkin seine Arbeit, um sogleich hinzuzufügen: "Die Aufgabe wird immer komplizierter". Der 1961 in Moskau geborene Schriftsteller lebt seit 1995 in Zürich, doch erst im vorigen Jahr erschien einer seiner sprachmächtigen Romane in deutscher Übertragung. Umgehend erhielt der Autor für "Venushaar" in der Schweiz einen angesehenen Literaturpreis und in Deutschland gemeinsam mit seinem kongenialen Übersetzer Andreas Tretner den Preis des Hauses der Kulturen der Welt.

Sein neuer Roman "Briefsteller", ist ein klassischer Briefroman. Jedenfalls auf den ersten Blick. Sascha und Wolodja haben ihre romantische Sommerliebe erlebt. Er war der Erste, der ihr sagte, dass sie schön ist. Dann werden sie durch seine Einberufung getrennt. Fortan wollen sie sich romantische Liebesbriefe schreiben. Sie erinnern sich zunächst an ihre gemeinsame Zeit, an ihren ersten Sex, versichern einander ihre Liebe und schildern, was sie umtreibt. Sie tauschen ab in Erinnerungen, die oft als ebenso wundervolle wie beängstigende Binnengeschichten funktionieren, oder berichten einander von ihrem getrennten Alltag. Doch der wird immer entwürdigender. Zunehmend und in konsequentem Fortgang ragt Verstörendes in ihre Korrespondenz.

Spätestens als sie ihm mitteilt, von einem verheirateten Mann schwanger zu sein, wird aus der Ahnung Klarheit. Hier kommunizieren gar nicht mehr zwei miteinander, hier redet jeder für sich. Hier baut sich jeder schreibend seine Gegenwelt zu einer ernüchternden Realität, die auf das Ende zusteuert.

Dieses grandiose Buch steht wie ein erratischer Block im Kunstbetrieb. Es rechtfertigt die Vokabel "Weltliteratur" voll und ganz.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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