Brief in die Oase von Joseph Brodsky, 2006,Hanser1.) - 2.)

Brief in die Oase.
Hundert Gedichte von Joseph Brodsky (2006, Hanser,
hrsg von Ralph Dutli - Übersetzungen von Ralph Dutli, Felix Philipp Ingold, Alexander Kaempfe, Heinrich Ost, Sylvia List, Raoul Schrott, Birgit Veit).
Besprechung von
Olga Martynova in Die Zeit, 12.4.2006:

Ein Raubtier der Poesie
Joseph Brodskys Gedichte zeigen: Den Ruhm verdankt er dem Werk, nicht seiner Bilderbuchbiografie

Als russischer Muttersprachler wird man oft gefragt, ob Joseph Brodsky (1940 bis 1996) in der Tat ein so großer Dichter sei. Hinter dieser Frage steckt eine andere, nämlich: Wie stark sind Brodskys Ruhm und Erfolg durch seine Bilderbuchbiografie – Verbannung, tragische Liebe, Exil und, als Krönung, den Nobelpreis (1987) – und deren politischen Mehrwert zu Zeiten des Kalten Krieges beeinflusst? Wenn ein Leser nur mit Übersetzungen vorlieb nehmen muss, will er – und zwar zu Recht – wissen, ob sich die Mühe lohnt, hinter den Interpretenstimmen die des Originals zu erraten. Deshalb allem voran: Ja, Brodsky ist trotz seiner Bilderbuchbiografie ein hervorragender Autor. Die umfangreiche Gedichtauswahl – nun zum zehnten Todestag des Dichters erschienen –, ist eine tolle Sache und war schon lange fällig.

Eine andere oft gestellte Frage gilt dem Status Brodskys in der heutigen russischen Literaturszene. Die Antwort lässt sich nicht kurz, in wenige Worte fassen. Die einen sehen in ihm den »letzten Klassiker«, andere lehnen ihn gerade wegen dieser Kanonisierung ab. Oft sind seine Epigonen zugleich seine heftigsten Gegner. Brodsky fand eine eigenartige Intonation, der viele russische Lyriker bis heute verfallen sind. Er schuf eine Sprachgestik, mit welcher es sehr einfach scheint, Gedanken zeitgemäß und expressiv zu formulieren, Alltagsbeobachtungen zu zeichnen, sich der Liebe zu besinnen. Viele Epigonen zweiten Grades, die Epigonenkinder, bedienen sich dieser Gestik ganz unbewusst, als public domain sozusagen.

Die Fülle an Zitaten, Namen und historischen oder mythologischen Andeutungen in seinen Texten kann einen an der Unmittelbarkeit der westlichen Gegenwartslyrik erzogenen Leser irritieren und zu dem Verdacht verleiten, Brodsky sei ein allzu »kulturbeladener« Autor, der seine Bildung elegant in Verse zu verpacken wisse. Die Beziehung Brodskys zur Weltkultur ist aber eine ganz andere: von wegen kalte Eleganz – es ist eine brüllende Leidenschaft! Diese Leidenschaft ist nicht die schon häufig bemühte »Sehnsucht nach Weltkultur« eines Mandelstam. Brodsky war ein Raubtier der Poesie. Er nahm sich – auch mit Gewalt, soll heißen: ab und an die Zusammenhänge missachtend – alles, was ihm ins Gedicht passte, was ihn auf kürzestem Weg zum wirksamen Bild brachte. Ossip Mandelstam war ein verlorener (Stief-)Sohn der Weltkultur, der zurück nach Hause wollte, Joseph Brodsky ein Barbar, der sie zu erobern suchte.

Brodsky gehört der ersten Generation an, die aus der tiefen sowjetischen kulturellen Lethargie der fünfziger Jahre erwachte und aufstand. Bekannt ist, dass, bevor Anna Achmatova den jungen Wilden den Sesam in die russische Moderne öffnete, Brodsky und seine Freunde kaum eine Vorstellung davon hatten, was hinter dieser Tür verborgen und aufbewahrt war. Wissbegier und die Fähigkeit, aus allem zu lernen, halfen Brodsky, der nach der siebten Klasse die sowjetische Schule mit schlechten Noten verlassen musste, sich in kürzester Zeit tragfähige Brücken zu den so eröffneten Welten zu bauen. Mit ungeheurer Intensität gewann er den Baustoff für diese Brücken, wo er nur konnte. So stieß er (wie er sagte: »wie alle«) auf den Namen John Donne im Motto zu Hemingways damals modischem Wem die Stunde schlägt. Verblüfft begab er sich auf die Suche nach Spuren des Urhebers (was bei weitem nicht »alle« taten), bis er dessen Predigten und Gedichte fand, las, übersetzte und zum Stoff für eigene Dichtung machte. Brodskys berühmte Große Elegie an John Donne (1963) ist ein riesiges Gedicht von kühner Struktur. In den ersten 92 Zeilen werden die Gegenstände aufgelistet, die John Donne in der nächtlichen Ruhe umgeben. In den darauf folgenden 32 Zeilen wird gefragt, wer da in der Stille weine. Brodsky erzählte in einem Interview: »Als ich die erste Hälfte schrieb, wusste ich noch nicht, wie es weitergehen würde… Ich verstand, dass ein Mensch solche Fragen in der Nacht hören kann… Aber von wem sie kommen, das verstand ich nicht. Plötzlich hatte ich es, und es passte wunderbar in einen fünffüßigen Jambus: ›Nein, ich bin’s, deine Seele ist’s, John Donne.‹ Daraus entstand die zweite Hälfte des Gedichtes.«

In den restlichen 84 Zeilen spricht die Seele zu John Donne und dem Autor des Gedichtes, der einerseits von außen und von oben schaut und andererseits eine engere Perspektive als John Donne, bei dem er lernen will, hat. Brodskys künstlerisches Verfahren ähnelt einem Erkenntnisprozess. Nicht umsonst betonte Brodsky mehrfach, dass das Dichten eine ungeheure Beschleunigung des Empfindens, des Denkens sei.

Brodsky hinterließ sehr viele Gedichte. Hundert davon liegen in der größtenteils aus Neuübersetzungen bestehenden Ausgabe vor. Die Auswahl ist repräsentativ, die chronologische Folge der Gedichte gibt eine gute Vorstellung von der Entwicklung der Motive und deren Wiederholung, die von der Bedeutung des einen oder anderen Themas zeugt. Wer also will, kann zugreifen und den intellektuellen und sinnlichen Abenteuern eines der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts folgen.

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Brief in die Oase von Joseph Brodsky, 2006,Hanser2.)

Brief in die Oase.
Hundert Gedichte von Joseph Brodsky (2006, Hanser,
hrsg von Ralph Dutli - Übersetzungen von Ralph Dutli, Felix Philipp Ingold, Alexander Kaempfe, Heinrich Ost, Sylvia List, Raoul Schrott, Birgit Veit).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in der Neue Züricher Zeitung vom 15.04.2006:

Der Misanthrop
Hundert Gedichte – Joseph Brodsky bleibt in seinem Zimmer

Das Schreiben von Gedichten ist eine einsame Angelegenheit, und Joseph Brodsky (1940–1996) hat den Reiz des Alleinseins bis ins Letzte ausgekostet. Bereits im Leningrad der sechziger Jahre verweigerte er sich dem Imperativ der kommunistischen Gesellschaft und führte ein radikal individuelles Poetendasein. Seine Lyrik zeichnete sich schon sehr früh durch einen selbstbewussten Ton aus und war von jedem Anschein von Epigonalität frei. Noch nie hatte sich in der wortgewaltigen russischen Dichtkunst jemand in eine selbstverordnete Wortaskese zurückgezogen und Zeilen von solch schockierender Kahlheit zusammengestellt: «Um mich scharen sich schweigsame Verben, / fremder Leute Köpfen ähnelnde Verben, / hungrige Verben, nackte Verben, / taube Verben, Hauptverben.»

Abgrenzung von Achmatowa

Unbedingten Willen zum eigenen Sprachausdruck bescheinigte dem jungen Dichter auch die Mentorin Anna Achmatowa (1889–1966), die ihm allerdings eröffnete, dass er ihre Lyrik gar nicht mögen könne. Es ging um mehr als einen Generationsunterschied: Anna Achmatowa hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts massgeblich zur ästhetischen Neubegründung der russischen Lyrik beigetragen. Für Brodsky hingegen, der zur Geburt unter Stalin, zur Jugend unter Chruschtschew und zum Erwachsenenleben unter Breschnew verdammt war, stellte das schöne Arrangement von Worten keine literarische Aufgabe mehr dar.

Poesie sollte das Leben nicht erklären, Poesie war für Brodsky das Leben selbst. Diese Auffassung durchzieht Brodskys gesamtes lyrisches Werk und steht prominent im Titel eines Gedichtbandes aus dem Jahr 1977: «Redeteil». Brodsky verneint die künstlerische Autonomie des Dichters und dreht die Abhängigkeitsverhältnisse um. Es ist die Sprache, die sich des Dichters als eines Instruments bedient, um ihre eigenen Aussagemöglichkeiten zu erproben: «Vom Ganzen des Menschen bleibt – als Teil – / bloss Sprache übrig. Er als Sprachanteil. Als Redeteil.»

Es erstaunt nicht, dass Joseph Brodsky mit dieser Vorstellung zum Misanthropen geworden ist. Ein Gedicht mit dem programmatischen Titel «Nature morte» aus dem Jahr 1971 hebt an mit einer Formulierung, die den Menschen den leblosen Gegenständen als Ärgernis beiordnet: «Dinge, Menschen auch / umgeben uns. / Jene und diese quälen das Aug. / Besser im Dunkel leben.» In einem anderen Gedicht skandiert Brodsky den Refrain «Geh nicht aus dem Zimmer» und bietet damit eine moderne Variation zu Pascals Maxime, alles Unglück der Welt rühre daher, dass der Mensch nicht ruhig in seinem Zimmer bleiben könne. Demselben Gedanken gewinnt Brodsky schliesslich auch einen frotzelnden Reim ab: «Ich sitze im Dunkeln. Doch nicht dümmer / als das Dunkel da draussen ist es hier im Zimmer.»

Brodsky bevorzugt Innenräume, die den Menschen nicht von seiner metaphysischen Bestimmung ablenken: zu denken und zu dichten. Wenn Brodsky sich aus dem geschlossenen Zimmer nach draussen wagt, dann höchstens in Städte, in denen möglichst wenig der eigenwilligen Natur überlassen ist: Leningrad, New York und Venedig mit ihrer radikalen Kombination aus Wasser und Stein bieten den adäquaten Hintergrund für Brodskys künstlerische Existenz. Alle diese Städte laden nicht zum Flanieren ein, sondern geben der dichterischen Seele einen Vorgeschmack auf das Totsein: In der winterlichen Nasskälte zahlt die Seele den Preis für die Anschauung der Stein gewordenen ästhetischen Gestaltungskraft.

Tot in Venedig

Das Sterben erschien Brodsky nicht schrecklich: Schlimm wäre nur ein abrupter Tod gewesen. Bereits den eigenen 40. Geburtstag empfand Brodsky als eine Zumutung: Ein russischer Dichter darf eigentlich nicht älter als 37 werden – in diesem Alter starb Alexander Puschkin. 1989 schrieb Brodsky nüchtern: «Bald endet das Jahrhundert, / Doch vorher ende ich.» Solche Klarsicht hatte jedoch weniger mit Metaphysik als mit Medizin zu tun: Der Kettenraucher Brodsky erlitt mehrere Herzinfarkte, nachdem er alle Warnungen seiner Ärzte in den Wind geschlagen hatte. Nicht zufällig verfügte Brodsky in seinem Testament, er wolle in Venedig begraben sein: Als toter Dichter ging er in die perfekte, nicht natürliche Schönheit der Lagunenstadt ein und verwandelte sich schliesslich ganz in sein eigenes Werk. In diesem Sinn ist auch Brodskys Grabspruch zu deuten: «Letum non omnia finit» – «Der Tod beendet nicht alles».

Ralph Dutli legt nun eine repräsentative Auswahl aus Brodskys lyrischem Œuvre vor. Die meisten Gedichte hat er mit feinem Ohr selbst übersetzt und dabei die für Brodsky so typische Mischung aus Umgangssprache und lyrischer Pointierung bewahrt. Dutli ringt der deutschen Sprache einige gewagte Reimpaare wie «Luxus/schluchzen» oder «usw./Leuten» ab. Damit wird Dutli der sprachlichen Innovationskraft seines Originals gerecht: Im Anschluss an Wladimir Majakowski und Marina Zwetajewa hatte Brodsky den schier unerschöpflichen Reimvorrat des Russischen noch erweitert. Wer Brodskys Lyrik in Dutlis kongenialer Übertragung liest, taucht in eine poetische Sprachwelt ein, die den Sinn nicht auf den Begriff reduziert, sondern eine eigene Lautwahrheit begründet.

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